Pater Miguel Ángel Orcasitas OSA (80) war als Generalprior der Augustiner von 1989–2001 der unmittelbare Vorgänger von Pater Robert Prevost in der Generalkurie der Augustiner. Der gebürtige Madrider und der heutige Papst haben beim Ordenstreffen am 7. Juni in der Apostolischen Nuntiatur in der spanischen Hauptstadt Gelegenheit, sich zu begegnen.
Pater Miguel, wann haben Sie den heutigen Papst kennengelernt?
Zum ersten Mal haben wir während seiner Studienzeit in Rom Kontakt miteinander gehabt. Als er seine Doktorarbeit verteidigte, war ich dabei. Näher kennengelernt haben wir uns, als ich Generalprior war und Visitationsreisen nach Peru unternahm. Ich kenne ihn vor allem als Missionar. Pater Prevost war als Verantwortlicher für die Ausbildung des Ordensnachwuchses eine wichtige Persönlichkeit. Darüber hinaus war er als Kirchenrechtler für juristische Angelegenheiten der Diözese tätig. Später habe ich das Provinzkapitel in Chicago geleitet, bei dem er zum Provinzial gewählt wurde. Als Pater Prevost Generalprior des Augustinerordens wurde und ich Provinzial der Madrider Augustiner, blieben wir in Kontakt.
Wie wollte Pater Prevost die augustinische Spiritualität heute lebendig halten?
Er ist ein großer Verehrer des heiligen Augustinus. Im Zuge des Zweiten Vatikanischen Konzils hat man in unserem Orden über die Quellen der eigenen Spiritualität neu nachgedacht und das Band mit Augustinus sehr hervorgehoben. Denn Augustinus hat das Gemeinschaftsleben in verschiedenen Formen erprobt: erst unter Laien. Nachdem er Priester geworden war, lebte er mit Laien in einem Kloster in Hippo. Nach der Ernennung zum Bischof verließ er das Kloster, um das Leben der Gemeinschaft nicht zu stören, und lebte in priesterlicher Gemeinschaft mit seinem Klerus. Diese Seite der augustinischen Spiritualität hat der Orden besonders hervorgehoben. Als Generalprior hat Pater Prevost großen Wert darauf gelegt, auch die Erfahrungen des heiligen Augustinus im klösterlichen Leben wertzuschätzen. Er wollte, dass wir sie verinnerlichen und im Orden leben.
Welche Beziehung hat der Papst zu Spanien?
Als Generaloberer war er oft hier. Der Orden ist in Spanien mit fast 50 Kommunitäten präsent und hat hier die meisten Mitglieder. Die spanische Augustinerprovinz pflegt enge Kontakte zu den Vikariaten in Lateinamerika, Tansania und Indien. Pater Prevost hat alle Niederlassungen der Augustiner nacheinander besucht. Jeder von uns hat persönliche Erinnerungen an ihn. Er ist ein begeisterter Autofahrer und fuhr die knapp 2000 Kilometer lange Strecke von Rom nach Spanien selbst.
Welche Highlights erlebte Pater Prevost in seiner Amtszeit als Generaloberer?
Im Jahr 2002 sprach Johannes Paul II. den Augustiner Alonso von Orozco (1500–91) in Rom heilig. Das Kanonisierungsverfahren hatte sich in die Länge gezogen, weil der Orden mit anderen Dingen beschäftigt war. Zur Dankfeier in der Almudena-Kathedrale in Madrid kam auch Pater Prevost. Sehr wichtig für den Draht der spanischen Augustiner mit Rom war auch die Seligsprechung der Märtyrer unseres Ordens im Jahr 2007. Sie waren während der Kirchenverfolgung in Spanien in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts ermordet worden. Die Augustiner haben sehr unter der Glaubensverfolgung während des Spanischen Bürgerkriegs gelitten und unter den Ordensgemeinschaften die zweithöchste Zahl an Todesopfern zu beklagen. Unter ihnen waren etwa 90 Augustiner aus dem Kloster in El Escorial. Etliche von ihnen waren Seminaristen und noch nicht volljährig – das wurde man damals erst mit 21 Jahren. Sie studierten Theologie und lebten im Konvent und hatten mit dem politischen oder gesellschaftlichen Leben außerhalb des Klosters nichts zu tun. Dennoch wurden sie ermordet.
Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Papst Leo den heiligen Thomas von Villanueva zum Kirchenlehrer erhebt?
Natürlich wünschen wir uns das und arbeiten intensiv daran. Schon am Ende des 19. Jahrhunderts gab es die ersten Versuche, den heiligen Thomas von Villanueva zum Kirchenlehrer zu erheben. Damals ergab sich das Problem, dass sein Werk nicht allgemein zugänglich war, da es auf Latein verfasst war. Es gab lediglich eine Ausgabe von 1881. Inzwischen ist das Werk, das im Wesentlichen Predigten beinhaltet, ins Spanische übersetzt worden und liegt in einer Gesamtausgabe vor. Der letzte Band erschien 2015. Danach wurde das Verfahren zur Erhebung zum Kirchenlehrer wieder aufgenommen, kam aber während der Corona-Pandemie zum Stillstand. Dass der Papst selbst Augustiner ist, weckt natürlich die Hoffnung, dass das Verfahren wieder aufgenommen wird. Andererseits gibt es auch Befürchtungen vor einer Bevorteilung. Mich tröstet der Gedanke, dass der heilige Thomas von Aquin, der Dominikaner war, von Pius V., einem Papst aus dem Dominikanerorden, zum Kirchenlehrer erhoben wurde, und der heilige Bonaventura, der Franziskaner war, von einem Papst aus dem Franziskanerorden, Sixtus V., zum Kirchenlehrer ernannt wurde. Von daher würde Papst Leo mit der Erhebung eines Augustiners zum Kirchenlehrer in die Fußstapfen seiner Vorgänger treten.

Augustinus hat als Bischof Häresien bekämpft. Auch wenn der Begriff Häresie heute unter Theologen etwas aus der Mode gekommen ist – sehen Sie in der Bekämpfung der Irrlehrer eine Aufgabe des Papstes?
Besorgniserregender als das Thema Häresien scheint mir derzeit die Frage der Einheit der Kirche zu sein. Die Polarisierung der Kirche ist offensichtlich. Es gibt ultrakonservative Kreise in der Kirche, die tausend Einwände gegen Papst Franziskus wegen seiner starken Verankerung in Lateinamerika und seiner sozialen Ausrichtung erhoben, während insbesondere in Deutschland das andere Extrem zu beobachten ist. Dort herrscht ein viel liberaleres Kirchenbild und man erwartet einen der Tradition der Kirche entgegengesetzten Kurs. Von daher sehe ich in der Einheit der Kirche eines der großen Probleme, die der Papst anpacken muss.
Und die Ökumene?
Auch die Ökumene ist ein komplexes Thema. Die theologischen Fragen liegen auf der Hand: Wenn manche das Lehramt, den Primat des Papstes oder die Sakramente nicht anerkennen, wird eine Einigung sehr schwierig. Mir hat die Ansprache des Papstes anlässlich des Besuchs der Erzbischöfin von Canterbury im Vatikan sehr gefallen: Er hat die theologischen Schwierigkeiten nicht verschwiegen, auch, nicht, dass die jüngsten Entscheidungen der anglikanischen Kirche eine Einheit erschweren. Aber ganz intuitiv hat der Papst den Weg der Caritas als Gemeinsamkeit hervorgehoben: Im Einsatz für die Armen können sich die Kirchen begegnen – das stärkt natürlich das Zusammengehörigkeitsgefühl.
Wie wirkt der Führungsstil des Heiligen Vaters auf Sie?
Er gefällt mir sehr. Ich kenne ihn als besonnenen Mann, der zuhören kann. Er hat aber auch ein Gespür dafür, die Dinge anzupacken. Von Beginn seines Pontifikats an hat er Augenmaß gehabt und auch äußere Zeichen wieder eingeführt, auf die Papst Franziskus keinen Wert legte. Aber weite Teile der Kirche freut es, zu sehen, dass der Papst kein Dorfpfarrer ist, sondern ein wichtiger Repräsentant, nicht nur innerhalb der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft. Aus dem Konflikt mit Trump ist der Papst gestärkt hervorgegangen und hat überraschend seine tragende Rolle für die Welt gezeigt. Das lag nicht in der Absicht des Papstes, aber er hat seine Aufgabe diskret und würdevoll gemacht. Denn gerade die Themen Frieden und Einheit der Kirche tauchen bei Augustinus regelmäßig auf. Leo XIV. hat ein klares Zeichen für den Dialog und eine friedliche Konfliktlösung gesetzt.
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