Feuilleton

Cees Nooteboom: Unterwegs zum Mittelpunkt der Seele

Der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom lässt in seinen Reisebüchern und Romanen immer wieder seine Faszination für die katholische Kultur durchschimmern. Von Burkhardt Gorissen
Cees Nooteboom,  Schriftsteller von Weltrang
Foto: dpa | Ein Schriftsteller von Weltrang, nur in der Heimat unterschätzt: Cees Nooteboom.

Propheten gelten wenig im eigenen Land. Diese Behauptung trifft auch auf den niederländischen Schriftsteller Cees Nooteboom zu. In seiner Heimat genießt er längst nicht den Kultstatus wie in Deutschland. Aber was heißt für einen Reiseschriftsteller wie ihn schon Heimat: „Mein Koffer ist mein bester Freund“ (Die folgende Geschichte), behauptet der Grandseigneur des gepflegten Wortes, und das nicht einmal zu Unrecht. Seit 1953 befindet sich dieser querköpfige Autor auf Reisen, Frankreich zuerst als bevorzugtes Reiseziel, Paris, die Côte d'Azur. Dann spannte seine Seele ihre Flügel aus, ob „Een nacht in Tunesië“ (1965), „Bitter Bolivia. Maanland Mali“ (1971) oder sehr viel später „Der Umweg nach Santiago“ (1993).

Letzteres eine formidable Beschreibung des katholischen Spanien, die der katholische Atheist Nooteboom da niederschrieb, mit einer großen Liebe zum Detail und einer geradezu kindlichen Neugierde, die ihre christlichen Wurzeln nicht leugnen kann. Wie sein scharfer Intellekt auch immer denkt, er bleibt christlich, katholisch gar, seine Sprachbilder stehen, das lässt sich nicht leugnen, in der Tradition des christlichen Denkens und Fühlens. „Selbst wenn man von diesen Erfahrungen das abzieht, was man selbst nicht glaubt, bleibt immer noch das Unwägbare, das andere Menschen in diesem Raum glauben und vor allem geglaubt haben“, schreibt er in „Der Umweg nach Santiago“ über die im elften Jahrhundert erbaute Kirche Santa María la Real – und eben das trifft auf sein Weltbild zu.

Die Reise wurde sein Dauerzustand, nicht nur als Reiseschriftsteller, auch wenn er als Journalist arbeitete. Mitnichten war er ein rasender Reporter wie Egon Erwin Kisch, der die Sensation erhaschen musste, sein Nervenkostüm verschliss sich an anderer Stelle an neurasthenischen Gebärden: ein Beobachter, der wie ein geschockter Pennäler einen tiefgründigen Blick auf die Weltgeschichte wirft. So geschehen beim Ungarnaufstand 1956, beim SED-Parteitag 1963, beim Pariser Mai 1968. Oft spürte er zur rechten Zeit den rechten Ort auf, wie 1989, als er einen zweijährigen Stipendienaufenthalt in Berlin antrat und zu einem feinsinnig-kritischen Beobachter der deutschen Einheit wurde.

Das Unterwegssein, das Beobachten und Flanieren durch Orte und Seelenlandschaften, es ist schon früh für Nooteboom zur Obsession geworden, „Wer ständig reist, ist immer bei sich selbst“ – lautet der Titel eines seiner Essays. In der Tat lag das Unstete schon in der Kindheit in seinem Blut. Cornelis Johannes Jacobus Maria Nooteboom, am 31. Juli 1933 in Den Haag geboren, zweites Kind von Hubertus Nooteboom und Johanna Pessers, erfährt mehrere Erschütterungen. Während des Krieges verlässt der Vater die Familie, er heiratet 1944 erneut. Im Frühjahr 1945 stirbt der Vater an den Verletzungen, die er während des Bombenangriffs auf Den Haag erleidet. An die traumatischen Erlebnisse seiner Kindheit, Trennung und Tod, hat Nooteboom bis heute keine nennenswerten Erinnerungen: „Andere können ihre ganze Kindheit, komplett mit Daten, Schulen und Ereignissen herunterleiern, als ob sie ihre eigenen Computer wären, aber das kann ich nicht. Manchmal frage ich mich wirklich, ob ich früher überhaupt da war.“

Er war. Schließlich lässt ihn die Extension seines Erinnerungsvermögens bezüglich seiner Schulzeit nicht im Stich: „Aufstehen um Viertel vor sechs, danach heilige Messe, dann, noch vor dem Frühstück, eine Stunde Lernen. Und doch muss es in diesen von der Außenwelt noch nicht berührten Stunden gewesen sein, dass die ersten Homer-Texte in mich eindrangen, und noch heute, so verrückt es auch klingt, bin ich fast physisch verliebt in das griechische Alphabet, liebe ich es, einen griechischen Text leise vor mich hinzusagen, selbst wenn mir die Bedeutung der Worte zum Teil entgeht, eine Art von meditativem Gemurmel wie in buddhistischen Klöstern, etwas, dessen Wirkung in keiner direkten Verbindung zu einer Mitteilung steht, einfach Text pur, und ich der Gelehrte, der ihn aufsagt“, schreibt er in „Der Umweg nach Santiago“.

Wo diese Erinnerung einsetzt, bleibt unüberprüfbar. Nach der ersten Klasse in Tilburg besuchte er für zwei Jahre das katholische Internat Immaculatae Conceptionis der Franziskaner in Venray. Später schickte ihn sein Stiefvater auf das Augustinianum in Eindhoven. Doch schwelte unter all diesem Ballast des klerikalen Bildungsbürgertums der unmerkliche Brand von Wissensdurst, Wahrheitssuche und Weltgewandtheit: „Ohne Griechisch und Latein kann ich mir mein Leben nicht vorstellen, ich wäre jemand anderes geworden.“ Tatsächlich blieb die Sprache – auch die Sprache des Religiösen, vielleicht besser, des Numinosen – der Fixpunkt seines Lebens. Zunächst deutete im Lebenslauf des Unsteten nichts auf eine großartige Literatenlaufbahn. Nach seiner Schulzeit riss er einige Bürojobs herunter, versuchte sich bei der Rotterdamsche Bank in Hilversum, ohne großartig Gefallen daran zu finden. Von Abenteuerlust gepackt reiste er Anfang der 50er Jahre durch halb Europa. Ohne Netz und doppelten Boden, per Anhalter, wie es sich für einen Abenteurer gehört. Teile seiner Erlebnisse finden sich in seinem ersten Roman „Philip und die anderen“ wieder, für den er 1957 den renommierten niederländischen Anne Frank-Prijs erhielt – zusammen mit Harry Mulisch, der für seinen Debütroman „Archibald Strohalm“ geehrt wurde. Doch anders als sein großer Kollege stürzte sich Nooteboom nicht in die Untiefen einer Literaturkarriere. Zwar schreibt er weiter für die Tageszeitung Het Parool und für das Elseviers Weekblad Reportagen, oft über die Karibik, was seiner Reiselust geschuldet ist, doch ansonsten segelt er im Seichten.

1957 heiratet er Fanny Lichtveld in New York, die Ehe wird 1964 geschieden. Ein Jahr zuvor dann nach achtjähriger Sendepause, in der nur Gedichtbände erschienen, sein zweiter Roman „Der Ritter ist gestorben“ – ohne nennenswerten Erfolg. Als er sich mit der niederländischen Diseuse Liesbeth List zusammentat, wurde er ihr Textdichter. Voila: „So hoch im Himmel ist alles dasselbe,/ ein Mond und ein Stern, ein Stern“, rumpelt es in dem schmankerlhaften Lied „Zo hoog in de hemel“. In Deutschland wäre einem, sagen wir Enzensberger oder Walser, niemals ein solcher Ausritt in die Zuckergefilde des Pophimmels verziehen worden. Aber wenn in der niederländischen Literaturkritik die Rede auf die „großen drei“ der Nachkriegsliteratur kommt, wird Nooteboom nicht dazugezählt. Stattdessen: Willem Frederik Hermans, dessen Romane doch arg Patina angesetzt haben („Au pair“ als einer der lesbareren), Gerard Reve, dessen schwerverdauliche Prosa heute immer weniger Beachtung findet. Und eben der den niederländischen Literaturhimmel alles überstrahlenden Harry MuIisch, sie zählen zu den „großen drei“. Da mag es schon angehen, dass diese Wahrnehmung dem Umstand geschuldet ist, das Nooteboom in seiner Heimat noch immer ein Außenseiterdasein im Literaturbetrieb fristet.

Er selbst bezeichnet sich übrigens als Lyriker. Lyrik, so denkt er, sei eine Form der Askese, der Meditation. Quot homines, tot sententiae. Sprüche, nun ja, bleiben Sprüche. Hermetisch jedenfalls sind seine Gedichte entgegen der Nooteboom'schen selbstreflexiven Nabelschau keineswegs. Kurzum, ein Dichter ist er nicht. Es fehlt die martialische Feinheit Benns ebenso wie die himmelschreiende Metaphernmagie Celans. Es fehlt das Verharren im Nichtwort, wie es Robert Creeley oder Robert Lax bis zum Exzess praktizieren, und doch entfalten seine Gedichte einen gewissen Charme: „Nie gewesen, der du sein wolltest,/ der du dachtest, dass du warst./ Das falsche Kostüm/ in einer verqueren Welt“, beginnt er sein Poem „Trugbild“. Ein recht hübsches Paradoxon, sogar eine nahezu feurige Stilfigur. Schwungvolle Gedankenlyrik aber klingt so: „,Unschuld‘/ zerlegen –/ Wahrheit sagen,// klein sein/ in der Wildnis / der Welt“. Creeley lässt in „An Yeats gedacht“ die Schwere dahintanzen, hinab als wäre das Leben ein Pas des deux mit einer Unbekannten und keine Schlammschlacht im Alltagsdschungel. Doch auf dieser Metaphernspur, in diesem sich hinabgleiten lassen bis auf den Urgrund der Seele, gelangen wir zu Nootebooms wahrer Größe, zu der eines lyrischen Romanciers, der in der Gegenwartsliteratur seinesgleichen sucht. Bekannt wurde er schließlich weder durch Schlager und Lyrik, noch durch seine Reiseberichte, sondern durch seine Reisen zum Mittelpunkt der Seele, wie man jeden seiner Romane nennen kann.

Was seine brillierende, fast federartige Romansprache zwar nicht hinreichend, aber doch ansatzweise erklärt, sind nicht zuletzt die Widerhaken, die sich in seinen Metaphern verstecken, und woran der Intellekt erst hängenbleibt, wenn das Gefühl sie subsumiert hat. So hat Nooteboom im Roman „Rituale“ eine Figur auftreten lassen, die mit dem Kammerherrn des Papstes diskutiert und dabei auch auf die „Mystifizierung des Nichts“ zu sprechen kommt. Was das genau heißt? „Er schloss die Augen. Was er hinter den dünnen, zugezogenen Vorhängen sah, musste fürchterlich sein, denn als er die Augen wieder öffnete, schien es, als hätte sich die Farbe seiner Augen abermals um einen Grad getrübt. ,Glaubst du an die Hölle?‘ ,Nein‘, antwortete Inni. ,Die Hölle‘, sagte Monseigneur Teruwe, ,ist ein Mysterium. Und ich gehe jetzt schlafen.‘ Jetzt sind wir noch zwei, dachte Inni, als die schwarzviolette Gestalt wie auf einem unsichtbaren Schienchen Kurs auf die Zimmertür nahm.“ (Rituale)

Da klingt so fast ganz leicht dahergesagt das ganze pralle Leben an. Und ganz nebenbei steckt darin mehr Theologie als in manchem angestrengten Traktat über Gott und die Heiligen. Manchmal scheinen seine Texte von der Oberflächenspannung zu leben, aber das Gegenteil ist der Fall, sie leben aus dem Tiefengrund alles Seelischen heraus. Neben Nootebooms Sprachgewalt, die vor allem durch seine unprätentiöse Wortkargheit ihre einzigartige Gestalt speist, lebt, wie bei allen großen Schriftstellern, sein Werk von der Schlichtheit seiner Form. Seine Romane geraten ihm, dem Abenteurer des Wortes, zum Abenteuer.

Seinen Durchbruch als Literat erlebte er spät. „Die nun folgende Geschichte“ ist das Vexierbild einer Seelenspiegelung, wie es nur wenigen Schriftstellern gelingt. Dieser Roman verschaffte ihm in Deutschland den großen Durchbruch, dem ein zunächst europäischer, dann weltweiter folgte. Nun endlich wurde Nootebooms geniale Romankunst gewürdigt. Marcel Reich-Ranicki war einer der ersten, die ihn entdeckten. Die Kritiken sind seither weltweit von der Washington Post und der New York Times, von der FAZ bis zur Neuen Zürcher Zeitung überschwänglich. „Cees Nooteboom hat auf wunderbare Weise eine Geschichte erzählt, deren eigentliche Hauptfigur die Poesie selbst ist. Sie kann kein Ende finden, weil sie noch mit jedem Ende, und also auch mit dem Tod, etwas anfangen kann“, schrieb Rüdiger Safranski in „Die Zeit“. Der Romancier mit Salz unter dem Fuß war angekommen im internationalen Literaturhimmel. Doch um den Nobelpreis zu erlangen, dafür ist sein Werk wohl nicht politisch engagiert genug, was nicht heißen soll, dass die Politik bei Nooteboom außen vor bleibt. Wesentlicher ist aber die Zeit, die Vergänglichkeit.

Erinnerung? „Darauf hatte ich natürlich entgegnet, all ihre noch so scharfen Messer und Laserstrahlen hätten bislang nicht das verborgene Königreich der Erinnerung gefunden und Mnemosyne sei für mich unendlich realer als die Vorstellung, dass alle meine Erinnerungen (...) und daraufhin hatte sie mich geküsst, und ich hatte noch etwas zu diesen fordernden, suchenden, verlangenden Lippen gebrabbelt, aber sie hatte meinen Mund, diesen ewigen Schwätzer, einfach zugebissen, und wir waren dort sitzen geblieben, bis die Morgenröte mit ihren rosigen Fingern auf die Christusfigur am anderen Flussufer gedeutet hatte“, heißt es in „Die folgende Geschichte“.

Der große Hauptstadtroman, auf den Deutschland seit der Wiedervereinigung so händeringend wie vergeblich wartet, ist vermutlich auch ihm nicht gelungen. Nootebooms 1998 erschienener Berlin-Roman „Allerseelen“ besteht mehr aus semibanalen Erinnerungen und dem vergeblichen Nachdenken über das Zögern des Schicksals. Aber selbst noch in seinen schwächeren Momenten ist Nooteboom ein größerer Meister als die meisten seiner Zunft. Er besitzt den sezierenden Blick des Forschers, wenn er die Innen- und Außenwelt vor sein inneres Auge zitiert, um darauf, seine Sicht der Dinge darlegend, hochgeistige Betrachtungen anzustellen, als lasse sich die Welt unter dem Großbegriff Literatur subsumieren.

Von ungestillter Hoffnung beseelt, ein ruheloser Ahasver des Wortes, gelingt ihm dann tatsächlich in knappen Worten das Unmögliche, eine Bestandsaufnahme der Gegenwart. Eine Ernte der katholischen Erziehung? Immerhin schimmert bei Nooteboom, der sich selbst einmal als „katholischer Ungläubiger“ bezeichnet hat, in vielen Reiseberichten und Romanen eine anhaltende Faszination für die Liturgie und die Rituale durch. Er bleibt, ob gewollt oder nicht, ein katholischer Schriftsteller.

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