Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar

Heinrich Böll: Christ ohne Kirche

Heinrich Böll wäre heute hundert Jahre alt geworden. Aus religionssoziologischer Sicht ist er einer der Protagonisten des „Gott: Ja! - Kirche: Nein!“-Lebensgefühls.
Heinrich Böll, Schriftsteller
Foto: IN

Viel wird in diesen Tagen über den Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll (1917-1985) geschrieben. Weggefährten erinnern sich an Böll als politischen Menschen, als Mann der Einmischung. Wenn es einen Aspekt gibt, der dabei etwas unter den Tisch fällt, dann Bölls Glaube.

Der Glaube von Heinrich Böll

Böll war aus religionssoziologischer Sicht einer der Hauptvertreter des „Gott: Ja! - Kirche: Nein!“-Lebensgefühls einer Generation, die mit dem Einsatz für das christliche Menschenbild eher Umweltschutz und Abrüstung verband als Liturgie und Sakrament.

In dem vom Erzkirchenkritiker Karlheinz Deschner herausgegebenen Buch „Was halten Sie vom Christentum?“ (1957) plädiert der 1976 aus der Kirche ausgetretene Böll dafür, eine „Welt ohne Christus“ als Schreckensbild zu betrachten.

„Ich überlasse es jedem Einzelnen“, so Böll, „sich den Albtraum einer heidnischen Welt vorzustellen oder eine Welt, in der Gottlosigkeit konsequent praktiziert würde: Den Menschen in die Hände des Menschen fallen zu lassen. Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen.

Ein starkes Glaubenszeugnis

Ich glaube, dass Millionen Christen auf dieser Erde das Antlitz dieser Erde verändern könnten, und ich empfehle es der Nachdenklichkeit und der Vorstellungskraft der Zeitgenossen, sich eine Welt vorzustellen, auf der es Christus nicht gegeben hätte.“

Ein starkes Glaubenszeugnis eines kirchenkritischen Menschen. Sich die Welt ohne Christus vorzustellen, das ist eine Übung, die heute wieder nötig zu sein scheint. Nicht nur, aber gerade auch zu Weihnachten.

Josef Bordat

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Heinrich Böll Jesus Christus Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen

Weitere Artikel

Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Heinrich Böll gibt Einblick in eine Zeit des Traditionsverlustes.
13.02.2026, 09 Uhr
Uwe Wolff
Seit über tausend Jahren begeht die Kirche am 2. November das Fest Allerseelen. Es lädt ein, für die Verstorbenen zu beten und ihnen damit auf ihrem Weg zu Gott helfen.
02.11.2025, 10 Uhr
Dorothea Schmidt

Kirche

Peter Kohlgraf ist „gerne Bischof von Mainz“, könnte sich aber wohl auch den DBK-Vorsitz vorstellen. Zumindest geizt er vor der Wahl nicht mit geschickten Positionsbestimmungen.
13.02.2026, 15 Uhr
Jakob Ranke
Nach Treffen zwischen Fernández und Pagliarani lässt der Vatikan verlauten: Bischofsweihen würden ins Schisma führen. Stattdessen soll ein Dialog theologische Differenzen klären.
12.02.2026, 15 Uhr
Guido Horst
Die Gebote sollen keine Überforderung sein, sondern ein Hilfe für die Christen, ihre eigene Berufung zu leben. Christsein ist schließlich kein Moralismus.
14.02.2026, 21 Uhr
Martin Grichting