Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Priester sind keine Bürger zweiter Klasse

Es ist zu bezweifeln, ob der Essener Generalvikar noch auf dem Boden des Rechtsstaates steht. Die Aufforderung zu einem "gesunden Generalverdacht" gegen Priester lässt aufhorchen.
Generalvikar Klaus Pfeffer
Foto: Nicole Cronauge | Bistum Essen | Klaus Pfeffer plädiert für einen "gesunden Generalverdacht" im Kampf gegen sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche und zeigt damit ein seltsames Rechtsverständnis.

Steht der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer noch mit beiden Beinen auf dem Boden des Rechtsstaats? Sein jüngstes Plädoyer für einen „gesunden Generalverdacht“ im Kampf gegen sexualisierte Gewalt in der katholischen Kirche lässt Zweifel daran aufkommen.  Weder die Tugend der Klugheit noch das Gebot der Nächstenliebe rechtfertigen allerdings einen mit dem Rechtsstaatsprinzip unvereinbaren Generalverdacht. Die Europäische Menschenrechtskonvention und das Kirchenrecht sind hier wegweisend. 

Lesen Sie auch:

Unschuldsvermutung geboten

Denn die Menschenrechtskonvention gewährleistet ausnahmslos jedem die strafrechtliche Unschuldsvermutung – bis die Schuld des Angeklagten in einem Verfahren rechtskräftig festgestellt wurde. Normiertes Misstrauen als Vorbeugung gegen potenzielle Missbrauchstäter ist darüber hinaus mit dem Kirchenrecht nicht vereinbar. Das Kirchliche Gesetzbuch erinnert alle Gläubigen ausdrücklich daran, dass niemand den guten Ruf eines anderen rechtswidrig schädigen und das persönliche Recht eines jeden auf den Schutz der eigenen Intimsphäre verletzen darf.

Diskriminierung von Priestern

Dient die Aufforderung des Essener Generalvikars, durch einen "gesunden Generalverdacht" dafür Sorge zu tragen, "kirchliche Systeme zu enttabuisieren und überzogene, falsche Ideale zu hinterfragen“ tatsächlich dem vorbehaltlos anzustrebenden Ziel, künftige Missbräuche zu verhindern? Oder wird hier Missbrauch mit dem Missbrauch getrieben? Warum nennt Essen just das Priesteramt und nicht den statistisch erwiesenermaßen von Missbräuchen viel gefährdeteren Raum der Ehe und Familie? 

Missbrauch und Priesteramt in dieser Weise zu verknüpfen ist mehr als fragwürdig – die von Essen herangezogene MHG-Studie ist kein Persilschein für die Diskriminierung von Priestern. Katholische Geistliche sind keine Bürger zweiter Klasse.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe

Themen & Autoren
Regina Einig Generalvikar Kirchenrecht Klaus Pfeffer

Weitere Artikel

Bei der Synodalversammlung blieben die potenziellen Bätzing-Nachfolger weitgehend zurückhaltend. Ein Spiegelbild synodaler Ermüdung – und strategischer Zurückhaltung?
10.02.2026, 06 Uhr
Dorothea Schmidt

Kirche

Die Bischöfe widersetzten sich den Bestrebungen der AfD, die Kirche zu diskreditieren, so der DBK-Vorsitzende Wilmer. Bald will er in Rom die Satzung der Synodalkonferenz anerkennen lassen.
26.02.2026, 16 Uhr
Regina Einig
Vieles spricht dafür, dass sich auch in Deutschland ein stiller Aufbruch ankündigt. Für christliche Gemeinschaften kommt es darauf an, die Steilvorlage zu verwandeln.
26.02.2026, 15 Uhr
Franziska Harter
Zum ersten Mal in der Geschichte sind die Gebeine des Heiligen von Assisi in seiner Heimatstadt ausgestellt. Seit Samstag kann man sie einen Monat lang verehren.
26.02.2026, 17 Uhr
Guido Horst
Woelki, Voderholzer, Oster: Nach der Wahl des Hildesheimer Bischofs zum neuen DBK-Vorsitzenden ist die Stimmung auch unter der konservativen Bischofsminderheit positiv.
26.02.2026, 14 Uhr
Meldung
Am 28. Februar ist in Herne ein Harry-Potter-Gottesdienst geplant. Warum die Kirche Fernstehenden damit keinen christlichen Dienst erweist.
26.02.2026, 09 Uhr
Guido Rodheudt