Kommentar um "5 vor 12"

Das Ende der Papstzeitung

Die traditionsreiche Zeitung „Osservatore Romano“ der Päpste ist von der Bildfläche verschwunden. Nach 160 Jahren Geschichte wird die italienische Printausgabe eingestellt.
Zeitung "L Osservatore Romano"
Foto: Michael Kappeler (dpa) | Sonderausgabe der Zeitung "L Osservatore Romano" zur Wahl von Papst Franziskus. Die italienische Ausgabe hat erscheint nunmehr ausschließlich online.

Die traditionsreiche Zeitung der Päpste ist von der Bildfläche verschwunden. Jetzt existiert nur noch eine Online-Ausgabe des „Osservatore Romano“ im Internet. Wer möchte, kann ihn zu einem Sonderpreis von zwanzig Euro im Jahr abonnieren. Doch das Mediendikasterium des Vatikans schweigt sich dazu aus, wie viele Kunden sich für ein Abonnement entschieden haben. Niemand rechnet damit, dass der „Osservatore Romano“ im neuen Online-Format je wieder Höhenflüge erreichen wird. Die Zeitung, die schon unter dem Vorgänger des jetzigen Chefredakteurs den größten Teil seiner Abonnenten verlor, ist somit nun auch aus den Kiosken verschwunden. Vor allem die Kurialen und Mitarbeiter des Vatikans müssen sich über das Geschehen hinter den heiligen Mauern woanders informieren, ebenfalls im Internet, und zwar auf „Vatican News“, dem Herzstück der unter Franziskus vollzogenen Reform der Medienarbeit, wo der Chefredakteur aller Vatikanmedien, Andrea Tornielli, und der Präfekt des Mediendikasteriums, der Laie Paolo Ruffini, das Sagen haben.

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Nur die deutsche Fahne weht noch

Bleibt also noch die deutsche Wochenausgabe des „Osservatore Romano“, die nach wie vor beim Schwabenverlag gedruckt wird – und das scheint Andrea Monda, der seit 2018 Direktor der Vatikanzeitung ist, ein kleiner Trost zu sein. Schon bei der ersten Corona-Welle nach Jahresbeginn 2020 musste die Vatikandruckerei ihren Betrieb aus Sicherheitsgründen einstellen. Nur noch zehn Exemplare, vervielfältigt auf einem gewöhnlichen Drucker, verließen die Redaktion in Richtung Papst Franziskus und Emeritus sowie an das Staatssekretariat. In einem Interview sagte damals Monda zur deutschen Ausgabe: „Das ist die einzige Ausgabe, die derzeit noch gedruckt erscheint. Sie wird in Deutschland gedruckt. Da geht es weiter wie bisher. Hoffen wir, dass das so bleibt.“ Und das ist tatsächlich so geblieben. Während die italienische Blattmutter und die übrigen Sprachausgaben nur noch online erscheinen, kann die kleine deutschsprachige Redaktion in Rom stolz darauf sein, dass ihre Wochenausgabe auch in gedruckter Form zu den Lesern gelangt.

Die Weltkriege überlebt, die Medienreform nicht

Mit der in verschiedenen Sprachen erscheinenden Plattform „Vatican News“, die mit Podcasts, Videos und live zu verfolgenden Streamings die Öffentlichkeit erreichen soll, hat sich ein neues Zentralmedium des Vatikans etabliert. Eigenständige Medien, die sich früher wie der „Osservatore Romano“ oder „Radio Vatikan“ auf eine eigene Identität und Redaktionen mit einem gewissen Korpsgeist stützen konnten, gingen in der großen Masse des an Mitarbeitern umfangreichsten Vatikan-Dikasteriums auf. Doch dass es mit der Medienarbeit des Vatikans nicht immer rund läuft, exerziert niemand Geringeres als Papst Franziskus. Er stützt sich bei seinen Ausflügen in die Öffentlichkeit immer noch stark auf Dario Viganò, dessen Rücktritt er als Leiter der Kommunikationsbehörde wegen einer unglücklichen Wiedergabe eines Briefs des emeritierten Papstes zwar 2018 annehmen musste, den er aber ein Jahr später zum Vizekanzler der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften und der Akademie der Sozialwissenschaften ernannte. Hier besorgt Viganò einen guten Teil der „Pressearbeit“ des Papstes, sei es ein Exklusivinterview mit dem privaten Medienriesen Mediaset oder Pläne, ein vatikanisches Filmarchiv zu gründen, worüber nun ein Buch von Viganò Auskunft gibt. Am personalstarken Mediendikasterium gingen diese Initiativen vorbei. 160 Jahre ist der gedruckte „Osservatore Romano“ alt geworden. Noch vor einem guten Monat feierte man „Geburtstag“. Was die Weltkriege nicht bewirkt haben, schaffte jetzt die Medienreform des Vatikans und vielleicht auch Corona: Der immer noch stark bespielte Markt an gedruckten Zeitungen in Italien ist ausgerechnet um die Stimme des Papstes ärmer geworden.

Lesen Sie einen umfassenden Bericht über das Ende des Osservatore Romano in der kommenden Ausgabe der Tagespost. Das E-Paper der Augabe können Sie

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