Spiritualität

Benediktsregel beim Fasten: Wegweiser zum sinnvollen Verzicht

Fasten ist ein sprituelles Werkzeug, das alle Religionen kennen. Dabei geht es nicht um bloßen Verzicht und eine geistliche Performance. Für Gott auf etwas aus Liebe zu ihm zu verzichten, stärkt unsere Beziehung zu ihm.
Fastenzeit
Foto: Jesus Cervantes (157906874) | Beim Fasten geht es nicht um bloße Reduktion, sondern um ein höheres Gut: Gott wieder näher zu kommen.

Fastenzeiten kennen alle Religionen, sie dienen der geistlichen Reinigung ebenso wie der körperlichen. Ordensleute müssten, so meint man landläufig, Profis im Fasten sein. Es gehöre zu ihrem Profil, sei sozusagen Bestandteil ihres Erbgutes. Von wem sonst, wenn nicht von ihnen, sollte man es lernen können. Naturgemäß klaffen aber auch in den Klöstern Anspruch und Wirklichkeit manchmal auseinander. Deshalb widmet der heilige Benedikt diesem Thema ein eigenes Kapitel seiner Ordensregel. Es soll am Beginn der Betrachtungen zur kommenden Fastenzeit stehen.

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Fasten schafft Bewusstsein

Der Mönchsvater schreibt in Kapitel 49: „Der Mönch soll zwar immer ein Leben führen wie in der Fastenzeit. Dazu aber haben nur wenige die Kraft. Deshalb raten wir, dass wir wenigstens in diesen Tagen der Fastenzeit in aller Lauterkeit auf unser Leben achten und gemeinsam in diesen heiligen Tagen die früheren Nachlässigkeiten tilgen. Das geschieht dann in rechter Weise, wenn wir uns vor allen Fehlern hüten und uns um das Gebet unter Tränen, um die Lesung, die Reue des Herzens und um Verzicht mühen. Gehen wir also in diesen Tagen über die gewohnte Pflicht unseres Dienstes hinaus durch besonderes Gebet und durch Verzicht beim Essen und Trinken. So möge jeder über das ihm zugewiesene Maß hinaus aus eigenem Willen in der Freude des Heiligen Geistes Gott etwas darbringen; er entziehe seinem Leib etwas an Speise, Trank und Schlaf und verzichte auf Geschwätz und Albernheiten. Mit geistlicher Sehnsucht und Freude erwarte er das heilige Osterfest. Was aber der Einzelne als Opfer bringen will, unterbreite er seinem Abt. Es geschehe mit seinem Gebet und seiner Einwilligung; denn was ohne Erlaubnis des geistlichen Vaters geschieht, wird einmal als Anmaßung und eitle Ehrsucht gelten und nicht belohnt. Also werde alles mit Einwilligung des Abtes getan.“

Benedikt beginnt nicht mit praktischen Handlungsanweisungen zum Verzicht, sondern erinnert zunächst an frühere Nachlässigkeiten. „Lebe bewusster!“. Er fordert keine Höchstleistung, keine Heldentat, sondern ermuntert uns, im Alltag achtsamer zu leben. Aufmerksamkeit als Grundhaltung – bereits damit beginnt das Fasten.Im zweiten Schritt lädt der Mönchsvater ein, sich dem geistlichen Leben zu widmen. Gebet unter Tränen meint nicht, verzagt oder gar verzweifelt zu sein, die Freude am und im Leben zu verlieren, sondern ist eine erste Frucht achtsameren Lebens. Wenn Gebet das Gespräch mit Gott ist, dann heißt beten, eine persönliche Beziehung zu ihm zu pflegen, etwas, was im Alltag oft zu kurz kommt. Zu beten meint, Gott etwas Kostbares, etwas Unwiederbringliches zu schenken: unsere Lebenszeit. Das kann direkt geschehen oder zum Beispiel im Lesen der Heiligen Schrift, der Kirchenväter oder anderer Literatur. Wieder ist Aufmerksamkeit das entscheidende Stichwort: Wer betet und liest, wird sich der eigenen Schwächen und Fehler bewusster – die Reue im Herzen wächst.

Statt auf etwas verzichten, verzichten für jemanden

Erst im dritten Schritt mahnt Benedikt zu konkretem Verzicht auf Speise, Trank und Schlaf, auf Geschwätz und Albernheit. Diesen Verzicht verbindet er zugleich mit der Freude. In der Freude des Heiligen Geistes sollen Ordensleute Gott etwas darbringen und mit geistlicher Sehnsucht und Freude das heilige Osterfest erwarten. Der Begriff der Freude ist ein Schlüssel zum Verständnis Benedikts. Der Mönchsvater sieht das Positive im Menschen und im Leben. Zuversichtlich ist er der Zukunft zugewandt, der Hoffnung auf das Kommende, dem Glück einer immer fester werdenden Beziehung zu Gott. Das ist die Berufung des Menschen und das Ziel, auf das es schon in dieser Welt hinzuarbeiten gilt.

Benedikt erwartet keinen „Verzicht auf“, sondern wünscht einen „Verzicht für“ – und gibt damit dem Fasten eine andere Richtung. „Verzicht auf“ kann zum Selbstzweck werden, das Gesetz ist erfüllt, der Form genüge getan. Die Fassade glänzt, aber dahinter ist – nichts. Nicht ohne Grund fordert der Mönchsvater daher das Gebet und die Einwilligung des Abtes zu jedem Opfer. Bescheidenheit und Hochmut liegen nahe beieinander, berechtigte Freude über und eitler Stolz auf Geleistetes ebenso. „Verzicht für“ hingegen lässt den Menschen reifen. Es meint die bewusste Abkehr vom „Ich“ und die Hinwendung zum „Du“. Nicht um mich geht es, um meine Existenz, meine Leistung, mein Ansehen – die Liebe zu Christus und seine Botschaft stehen im Mittelpunkt!

Verzicht auf Liebgewonnenes aus Liebe zu Christus, stärkt Beziehung zu ihm

Der heilige Kirchenvater Hieronymus formuliert einmal: „Denen, die lieben, ist nichts zu schwer; keine Mühe ist zu hart für den, den die Sehnsucht erfüllt.“ Mit diesen Worten gibt er einen Weg vor: Suche die Liebe und suche den, den Du liebst! Recht verstandenes Fasten, der Verzicht auf Liebgewonnenes aus Liebe zu Christus, stärkt unsere Beziehung zu ihm. Pflicht wird zur Freude, Anstrengung zu Leidenschaft, Suche zu Sehnsucht. Aus diesem Grund waren alle Kirchenväter und großen Heiligen zugleich auch Meister des Fastens, sie sahen darin eben keine athletische Spitzenleistung, im Gegenteil. Mit spitzen Worten bringt Hieronymus es auf den Punkt: „Mit vollem Magen lässt sich leicht vom Fasten reden.“

Freude und Sehnsucht auf das kommende Osterfest können so wachsen, die Lektüre eines guten Buches dabei helfen. Der jüdische Schriftsteller Arthur Feldmann sagt einmal: „Ein gutes Buch sollte nicht gelesen, sondern gebetet werden.“

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