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Franziskus, der Ausnahme-Papst

Heute vor einem Jahr starb der Jesuit aus Lateinamerika auf dem Petrusstuhl. Damit endete ein außergewöhnliches Pontifikat, das sich mit dem von Leo XIV. nicht vergleichen lässt.
Erster Todestag von Papst Franziskus
Foto: IMAGO / Kyodo News | Franziskus war ein Ausnahmepapst. Bei ihm prägte die Person das Amt.

Als am frühen Ostermontag des vergangenen Jahres Kardinal Kevin Farrell, der Camerlengo im Vatikan, eingerahmt zwischen Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin und dem damaligen Substituten Edgar Peña Parra, auf dem YouTube-Kanal des Vatikans erschien, ahnten manche sofort, was geschehen war.

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Lange schauten die drei schweigend in die Kamera, bis dann Kardinal Farrell die Nachricht verkündete, dass Papst Franziskus in das Haus des Vaters zurückgekehrt sei. Noch am Vortag hatte der schwer kranke Papst im Rollstuhl seine letzten fünf Worte vor der Menge auf dem Petersplatz gesprochen: „Cari fratelli e sorelle, Buona Pasqua!“ Mühsam brachte er den Gruß heraus, bis zuletzt kämpfte Franziskus gegen den Tod an, von dem er schon länger wusste, dass er unerbittlich naht. Ein Papst sollte nicht außerhalb der Vatikanmauern in einem Krankenhaus sterben. Darum war Franziskus aus der Gemelli-Klinik nach Santa Marta zurückgekehrt – in die Obhut seines Pflegers, der in den letzten dramatischen Wochen des Papstes die entscheidende und einzige Bezugsperson von Franziskus war. 

Gelöste Stimmung beim Requiem

Obwohl absehbar, traf die Nachricht den Vatikan völlig unvorbereitet. Nur ein Notdienst in der Medienbehörde und bei Vatican News, viele Mitarbeiter waren in den Osterferien. Erst später gab der Vatikan eine Mitteilung des obersten Mediziners im Vatikan, Professor Andrea Arcangeli, heraus: Der Papst habe am 21. April um 7.35 Uhr einen Schlaganfall erlitten, sei ins Koma gefallen und unmittelbar darauf sei es zu einem irreversiblen Herz-Kreislaufversagen gekommen. Gelitten hatte Franziskus in den Wochen und Tagen zuvor genug. Die Schwelle zum Tod überschritt er im Koma.

Für Rom und den Vatikan begann eine außergewöhnliche Zeit: Der Kardinaldekan, der 91 Jahre alte Giovanni Battista Re, übernahm das protokollarische Kommando. Kardinäle trafen in Rom ein, fünf Tage blieben bis zum Requiem. Staatsgäste kündigten sich an. Donald Trump traf Wolodymyr Selenskyj zum Vieraugengespräch im Petersdom. Viele Teenager waren in Rom – sie waren gekommen, um ihr Jubiläum im Heiligen Jahr zu feiern. Sie gaben der Beisetzung des Papstes kein fröhliches Gesicht, aber die Atmosphäre beim Requiem auf dem Petersplatz und dem Zug mit dem Verstorbenen zu seiner letzten Ruhestätte in Santa Maria Maggiore war heiter und gelöst.

Leo XIV.: Das Amt prägt die Person

Neun Tage Trauer im Vatikan, jeden Tag während der „Novendiali“ ein öffentlicher Gottesdienst für den toten Papst, gleichzeitig begannen alle Kardinäle mit den Gesprächen vor dem Konklave. Wer soll es werden? Doch nur die unter 80 Jahre alten Papstwähler sollten in die Sixtinische Kapelle einziehen dürfen. Am 7. Mai schließlich die feierliche Messe „pro eligendo Romano Pontifice“. Und der stand dann schon am 8. Mai auf der Loggia des Petersdoms.

Heute, ein Jahr später, bemühen sich manche Medien, Leo XIV. mit seinem Vorgänger zu vergleichen. Führt er dessen Werk weiter? Wieviel Franziskus steckt in dem neuen Papst? Aber man kann einen unspektakulären, normalen Papst, was Leo XIV. ist, nicht mit einem Ausnahme-Papst vergleichen, was Franziskus war. Auch Leo hat seine spezifischen Eigenschaften: Er verkörpert mit seiner Biografie beide Amerikas, er arbeitete als Missionar und ist ein Ordensmann mit Welt- und Kurienerfahrung, für sein Alter ziemlich sportlich und fast polyglott.

Aber er lässt seine Person hinter dem Amt zurücktreten. Das hat er schon den Kardinälen bei der ersten Begegnung nach der Wahl gesagt. Und er zeigt es, indem er bei den unterschiedlichsten Anlässen genau die Kleidung trägt, die protokollarisch vorgeschrieben ist. Dazu gehören auch Mozetta und eine kostbare Stola, die Franziskus verschmähte. Man könnte Papst Leo in eine Linie mit Paul VI., Johannes Paul II. und Benedikt XVI. stellen, man sollte ihn aber nicht mit Franziskus vergleichen.

Franziskus: Die Person prägt das Amt

Der war ganz anders. Da prägte die Person das Amt. Und diese Person Jorge Mario Bergoglio war disruptiv und oft brüskierend. Franziskus wollte provozieren, den Kurialen alle möglichen Krankheiten austreiben, mit alten Gewohnheiten brechen und mehr für die Leute da sein als für den vatikanischen Hofstaat und Apparate. Die Kurie schlug er vor den Kopf, als er nicht in den Apostolischen Palast einzog, sondern in Santa Marta blieb. Anstatt in die großen und bekannten Hauptstädte dieser Welt zog es ihn an die Peripherien, er fuhr mit einem Fiat 500 durch Rom und verteilte Kardinalshüte nicht nach traditioneller Art. Nicht der Erzbischof von Mailand erhielt das rote Birett, sondern der unbekannte Bischof von Como.

Das Finanzwesen des Vatikans hat Franziskus kräftig aufgemischt – mit manchen Kollateralschäden, siehe Vatileaks II. Das Staatssekretariat hat er entmachtet, indem er ihm das Geld nahm, und die Konservativen schockiert, als er mit „Amoris laetitia“ die Sakramente für irreguläre Paare öffnete und mit „Fiducia supplicans“, einer Note des Glaubensdikasteriums, die Franziskus aber wollte, die Segnung von Homosexuellen möglich machte.

Ein, zwei Fußnoten wie in „Amoris laetitia“ können nicht die Lehre der Kirche ändern, und eine Note des Glaubensdikasteriums kann nicht die katholische Auffassung von Sitte und Moral umbiegen. Es ist nicht gesagt, dass sich Franziskus der Folgen bewusst war, die solche Dokumente hatten. Aber er musste noch erleben, dass „Fiducia supplicans“ in den schwarzafrikanischen Ortskirchen einfach nicht gilt. Und gegen Priester, die dafür Sorge tragen, dass nur derjenige die Kommunion empfängt, der die eheliche Treue bewahrt, ist er auch nicht eingeschritten.

Ein Mann der Pastoral

Franziskus war kein Theologe, sondern ein Mann der Pastoral. Bei Papst Leo ist beides wieder im Gleichgewicht. Am ersten Jahrestag des Todes seines Vorgängers ist Leo nicht in Rom, sondern noch in Afrika. Bei einem feierlichen Gottesdienst heute Abend in Santa Maria Maggiore wird stattdessen eine Botschaft von Papst Leo verlesen. Sie wird ausgewogen sein. Und voller Wertschätzung für den Verstorbenen. Der Papst aus Amerika brüskiert nicht und will niemandem auf die Füße treten, auch nicht den eingefleischten Anhängern von Papst Franziskus. Einige Personalentscheidungen seines Vorgängers hat Leo inzwischen korrigiert. Aber eher in der zweiten und dritten Reihe. Der neue Papst hat viel Zeit – und nimmt sie sich auch –, um Kurie und Vatikan wieder in einen Normalzustand zu führen.

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