Nur langsam fährt das Papamobil von der Madrider Kathedrale zum Stadion Santiago Bernabéu. An manchen Stellen hat die Polizei Mühe, die begeisterten Menschen zurückzuhalten, die die breite Castellana-Allee säumen, damit Leo XIV. halbwegs pünktlich zum Treffen mit den Katholiken des Erzbistums Madrid kommt. Immer wieder werden ihm Babys gereicht, damit er sie segnet. Erst auf der Höhe des Botanischen Gartens steigt der Heilige Vater vom Papamobil in den BMW um; danach geht die Fahrt zügig weiter nach Norden.
Im Bernabéu-Stadion warten bereits 70.000 Personen. Vier Großleinwände übertragen jeden Schritt des Papstes. Junge und weniger junge Menschen skandieren: „Das ist die Jugend des Papstes!“ In einem offenen Mini-Papamobil fährt Leo XIV. eine Ehrenrunde und begrüßt die Menge. Es werden ihm Geschenke überreicht. Immer wieder hält er, etwa wenn junge Menschen mit Behinderung zu ihm kommen.
Leo XIV. greift ein Bild aus dem Fußballsport auf
Nach der Begrüßung durch den Madrider Erzbischof, Kardinal José Cobo, werden mehrere Zeugnisse vorgetragen. Susana Arregui spricht im Namen der Laien und bezeichnet die Kirche als „Familie Gottes, in der wir alle einen Platz haben“. Die Sendung, das Evangelium in der Welt zu verkünden, gehöre Hirten, Ordensleuten und Laien gemeinsam; Pastoral- und Wirtschaftsräte seien konkrete Räume der Mitwirkung.
Jesús Moure, Familienvater zweier Kinder mit Behinderung, berichtet, wie er in Familie und Kirche Halt gefunden habe und seine Mitarbeit im Pastoralrat als Freude und Verantwortung verstehe. Der Priester Fausto Calvo schildert das „Convivium“ der Priester als Erfahrung tiefer Gemeinschaft und gemeinsamer Sendung. Das peruanische Ehepaar Jorge Barco und Liliana Torres erzählt, wie es in Spanien und besonders in der katholischen Gemeinde Aufnahme fand und sich heute selbst in Pfarrei, Katechese und Caritas engagiert. Schließlich berichtet der 33-jährige Álvaro von seiner Bekehrung: Aus innerer Leere und Sinnsuche habe ihn das Lesen einer alten Schulbibel zu Christus, Gebet, Taufe, Firmung und Erstkommunion geführt.
In seiner Rede greift Leo XIV. ein Bild aus dem Fußballsport auf: „Ich kann mir vorstellen, dass es für einen Fußballspieler ein prägendes Erlebnis ist, in diesem Stadion ein Tor zu schießen.“ Heute habe die Kirche in Madrid ein Super-Tor, ein „golazo“, geschossen, das für immer in Erinnerung bleiben werde.
Der Papst ermutigt die Gläubigen zu missionarischem Zeugnis in der Großstadt
Der Papst ermutigt die Gläubigen zu missionarischem Zeugnis in der Großstadt. Sie lebten in der Hauptstadt eines großen europäischen Landes, in dem wichtige Entscheidungen für Gegenwart und Zukunft getroffen würden, zugleich aber auch in einer Stadt, die Ziel von Millionen Besuchern und vieler Menschen auf der Suche nach neuen Chancen sei. Ihre Freude werde ansteckend, wenn sie nicht bloß vorübergehende Emotion bleibe, sondern zu einer „beständigen Lebenshaltung“ werde.
Die Freude des Evangeliums sei Antwort auf das Wirken Gottes in Jesus Christus. Auch heute dränge die Liebe Christi. In „Magnifica Humanitas“ habe er als Alternative zur Vereinheitlichung und Verwirrung Nehemia vorgeschlagen, der die Gemeinschaft einbezieht, um die Mauern Jerusalems wieder aufzubauen. „Heute bedeutet Wiederaufbau, die Vielfalt der Stimmen und Sichtweisen nicht als Bedrohung, sondern als Möglichkeit zu begreifen.“
Gerade in großen Städten werde die Eigenart christlicher Kultur sichtbar. Die entscheidende Frage laute: „Was tun wir als Christen? Gelangen wir dorthin, wo die neuen Narrative und Paradigmen entstehen, also in die tiefsten Kerne der Seele der Städte?“ Evangelisierung beginne damit, den Auferstandenen zu suchen, der den Seinen immer vorausgehe und vielleicht schon dort sei, wo sie ihn noch nicht gesucht hätten.
Eine goldene Rose für die Gottesmutter
Leo XIV. ruft den Gläubigen die Worte der heiligen Teresia zu: „Nichts soll euch beunruhigen, nichts soll euch erschrecken.“ Sie könnten Zeugnis geben in einer Menschheit, die von Bildern und Worten bombardiert werde, aber nach Gerechtigkeit hungere und nach Wahrheit dürste. Neuanfänge sollten nicht als Ausnahme, sondern als Regel der Mission verstanden werden.
Pfarr- und Diözesanräte dürften nicht zu „bloßen bürokratischen Formalitäten“ werden, sondern seien Räume des gegenseitigen Hörens und der Unterscheidung. Wo man ihnen Raum gebe, werde Gottesdienst zum Leben, und zwischen den Menschen entstünden Bande der Brüderlichkeit und Projekte der Solidarität. Wenn kirchliches Leben dagegen zur Routine werde, in der jeder in Gewohnheiten und Rollen gefangen bleibe, „fehlt uns der Heilige Geist“.
Am frühen Abend besuchte Papst Leo XIV. die Patronin Madrids, Unsere Liebe Frau von Almudena, in der gleichnamigen Kathedrale. Im Rahmen der Feier legte er der Gottesmutter die Goldene Rose zu Füßen, „ein Symbol der kindlichen Liebe des Papstes zur Jungfrau Maria“. Der Heilige Vater erinnerte daran, dass Generationen von Madrilenen dieses Marienbild verehrten, das der Überlieferung nach in schwierigen Zeiten in der Stadtmauer verborgen und nach dem Einsturz eines Teils der Mauer unversehrt wiedergefunden wurde. Dass die Muttergottes durch eine zerstörte Mauer zu ihrem Volk zurückgefunden habe, deute auf einen geistlichen Weg: Einstürzende Mauern verursachten zunächst Lärm und Unordnung, könnten aber auch Räume eröffnen und zum Wiederaufbau anregen.
Auch heute gebe es viele Mauern, die nicht schützten, sondern trennten, entfremdeten und isolierten. Unsere Liebe Frau von Almudena weise den Weg: Wer „etwas Neues, Schönes und Beständiges“ errichten wolle, müsse bereit sein, Mauern einzureißen, um wieder den Horizont sehen zu können. Mit Worten der Almudena-Hymne vertraute der Papst die Gläubigen ihrer mütterlichen Hilfe an: Sie möge ihnen helfen, „Baumeister des Friedens und der Versöhnung“ zu sein.
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