Wer erwartet hatte, dass sich Leo XIV. als Anhänger der „alten“ Messe outen würde oder mit Verve den Einschränkungs-Erlass „Traditionis custodes“ von Franziskus schleift, muss nach Lektüre des programmatischen Interviews des Papstes mit dem Medienportal „Crux“ zweierlei zur Kenntnis nehmen: Als Missionar und Bischof in Peru, als amerikanischer Katholik und vor allem als Oberer des Augustiner-Ordens hat Robert Prevost keine besondere Nähe zur außerordentlichen Form des römischen Ritus entwickelt.
Aber: Er sieht Handlungsbedarf und hat vor, als Papst die Differenzen zwischen den beiden Lagern der Befürworter und Gegner der tridentinischen Messe auf synodale Weise anzugehen, das heißt durch das Gespräch und den gemeinsam geführten Dialog.
Ein Vorwand für andere Themen
Auf die Frage der Journalistin Elise Ann Allen, was es mit der Studiengruppe des synodalen Weltprozesses zur Liturgie auf sich habe, antwortet Papst Leo, dass ein „brisantes Thema“ auf der Tagesordnung stehe, zu dem er „bereits eine Reihe von Anfragen und Briefen erhalten habe“: die „alte“ Messe.
Zunächst stellt der Papst klar, dass deren in der angelsächsischen Welt übliche Bezeichnung als „lateinische Messe“ falsch sei. Auch „den Ritus des Zweiten Vatikanischen Konzils“ könne man ohne Schwierigkeiten auf Latein feiern (was er als Papst ja auch regelmäßig tut). Wie es aber mit den beiden Formen des römischen Ritus weitergehen werde, sei, wie Papst Leo formuliert, „offensichtlich sehr kompliziert“. Es habe dort ein Prozess der Polarisierung stattgefunden, der dazu geführt habe, „dass Menschen die Liturgie als Vorwand benutzten, um andere Themen voranzutreiben. Sie ist zu einem politischen Instrument geworden, und das ist sehr bedauerlich“.
Der „Missbrauch” der Liturgie, wie man ihn bei der „Messe des Zweiten Vatikanischen Konzils“ erlebt habe, sei für Menschen nicht hilfreich gewesen, „die eine tiefere Erfahrung des Gebets, des Kontakts mit dem Geheimnis des Glaubens suchten, das sie in der Feier der tridentinischen Messe zu finden schienen“. Die Polarisierung sei inzwischen so weit gegangen, dass man nicht mehr fragen könne, ob dann, wenn man die Liturgie des Zweiten Vatikanischen Konzils in angemessener Weise feiere, es „wirklich einen so großen Unterschied zwischen dieser Erfahrung und jener Erfahrung gibt“.
Bald schon erste Gespräche
Er selbst habe noch keine Gelegenheit gehabt, sich „mit einer Gruppe von Menschen zusammenzusetzen, die für den tridentinischen Ritus eintreten“. Bald werde sich eine Gelegenheit dazu bieten. Papst Leo meint wahrscheinlich die Feier der tridentinischen Messe im Petersdom, wenn Ende Oktober Traditionalisten aus aller Welt zur „Summorum Pontificum“-Wallfahrt in Rom eintreffen und Kardinal Raymund Leo Burke in der außerordentlichen Form zelebrieren wird.
Insgesamt sei das aber ein Thema, so Papst Leo, „über das wir meiner Meinung nach im Rahmen der Synodalität sprechen müssen. Es ist zu einem Thema geworden, das so polarisiert ist, dass die Menschen oft nicht bereit sind, einander zuzuhören.“ Bischöfe hätten ihm erzählt: „Wir haben sie zu diesem und jenem eingeladen, aber sie wollen einfach nicht zuhören.“ Sie hätten nicht einmal darüber reden wollen. Und das sei an sich schon ein Problem, fügt der Papst an, wobei man nur vermuten kann, dass jene Bischöfe, die Papst Leo meint, die „neue“ Messe feiern und Anhänger der „alten“ Messe eingeladen haben, die dann nicht zuhören wollten – und nicht umgekehrt.
Jedenfalls zieht Papst Leo den Schluss, dass man sich in Sachen tridentinischer Messe „jetzt in der Ideologie befindet und nicht mehr in der Erfahrung der kirchlichen Gemeinschaft“. Damit sei die „alte“ Messe ein Thema, das auf der Tagesordnung stehe. DT/gho
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