Wissenschaftler und Vertreter kirchlicher Institutionen haben sich vergangene Woche in der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl in Rom getroffen, um das Lebenswerk von Papst Benedikt XVI. zu würdigen, insbesondere seinen Einsatz für die kulturelle und geistliche Identität Europas. „Er wurde dessen nie müde“, sagte der Historiker und ehemalige Chefredakteur des „L’Osservatore Romano", Giovanni Maria Vian, einem Bericht des Portals „The Catholic World Report" zufolge auf der Konferenz, die im Vorfeld des 100. Geburtstags von Benedikt XVI. im kommenden Jahr stattfand.
Schon als Theologe, später als Präfekt der Glaubenskongregation und schließlich als Papst habe Joseph Ratzinger darauf hingewirkt, dass Europa nicht lediglich als wirtschaftliches oder politisches Projekt verstanden werde, sondern als kulturelles und historisches Konzept, dessen Fundament untrennbar mit dem Christentum verbunden sei, hieß es während der Veranstaltung, die den Titel trug „Ricordando Benedetto XVI.“ (In Erinnerung an Benedikt XVI.). Dies wurde anhand mehrerer Beispiele verdeutlicht.
Europa kann nicht ohne Christentum bestehen
Beispielsweise habe Ratzinger bereits in seiner vielbeachteten Rede im Jahr 2005 in Subiaco, gehalten am Vorabend des Todes von Johannes Paul II., gewarnt: „Der bis zum Äußersten getriebene Versuch, die menschlichen Angelegenheiten unter völliger Missachtung Gottes zu regeln, führt uns immer mehr an den Rand des Abgrunds, zu einer immer größeren Isolation des Menschen von der Realität.“ Ein Europa, das seine christlichen Wurzeln verleugne und die menschliche Gemeinschaft ohne Gott errichten wolle, könne auf Dauer nicht bestehen. Diese Überzeugung habe Ratzingers gesamtes Denken geprägt und sei zu einem zentralen Motiv seines Pontifikats geworden.
Wie Mariusz Kuciński, Direktor des Ratzinger-Studienzentrums in Bydgoszcz (Polen), erläuterte, habe Ratzinger Europa auf drei grundlegenden Säulen gegründet gesehen: den Zehn Geboten, der griechischen Philosophie und dem römischen Recht. Das Christentum spiele in diesem Gefüge eine verbindende Rolle. Würden diese Grundlagen voneinander getrennt, bleibe letztlich „nichts mehr übrig“, so Kuciński.
„Veluti si Deus daretur“
Zu den wichtigen Beiträgen Ratzingers für die europäische Selbstverständigung zählten die Versammelten auch das 2004 gemeinsam mit Marcello Pera veröffentlichte Buch „Ohne Wurzeln“. Darin argumentierte Ratzinger, Europa sei mehr als ein Staatenbund oder eine politische Union; es sei ein geistiges Projekt, dessen Identität aus der Verbindung von Glaube und Vernunft erwachse. Zugleich warnte er vor einem „seltsamen und als pathologisch anzusehenden Selbsthass in der westlichen Welt“. Der Westen unternehme zwar einen lobenswerten Versuch, sich offen gegenüber fremden Werten zu zeigen, „aber er liebt sich selbst nicht mehr“.
Er habe Christen dazu aufgerufen, als „kreative Minderheit“ zu wirken und eine neue Orientierung an geistlichen Werten zu stärken – nicht nur im innerkirchlichen Raum, sondern im kulturellen Selbstverständnis Europas insgesamt. In diesem Zusammenhang griffen die Teilnehmer auch den bekannten Appell Ratzingers auf, das Axiom der Aufklärung gewissermaßen umzukehren: Selbst wer keinen Zugang zum Glauben finde, solle versuchen, sein Leben „veluti si Deus daretur“ zu gestalten – als ob Gott existierte.
Bei der Ehrung wurde zudem hervorgehoben, dass Ratzinger seine Überlegungen zur Krise der europäischen Identität weit über seine amtlichen Aufgaben hinaus eingebracht habe. Auch nach seinem Rücktritt im Jahr 2013 sei er aufmerksam gegenüber kirchlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen geblieben. Für viele sei er zu einer Inspirationsquelle geworden, insbesondere in der Frage, wie Kirche und Gesellschaft ihren Platz in einer zunehmend säkularisierten Welt finden können. DT/dsc
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