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Gremienkatholizismus im Abstiegskampf

Was den HSV und die deutschen Katholikentage verbindet: Chronische Selbstüberschätzung, das Klammern an alten Zeiten und ein wohlfeiles Anbiedern an das große Geld, das den Charakter verdirbt. Doch eins hat der HSV immer noch: wesentlich mehr Zuschauer.
Hamburger SV
Foto: Christian Charisius (dpa) | Der HSV und der deutsche Gremienkatholizismus haben eines gemeinsam: Den Abstieg.

Neulich habe ich zum ersten Mal in meinem Leben dem Hamburger Sportverein (HSV) die Daumen gedrückt. Eigentlich schäme ich mich dafür, denn als eingefleischter Werder-Fan ist das natürlich verboten. Doch nachdem Werder Bremen die Rückkehr in die 1. Bundesliga am 15. Mai klargemacht hatte, bangte ich mit unserem ärgsten Rivalen mit und hoffte, dass es der HSV ebenfalls zurück schafft. Wäre ja langweilig ohne den Lieblingsfeind.

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Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie der HSV als „Dino der Bundesliga“ galt. Diese Selbstbezeichnung trug man seit Jahren aufreizend vor sich her, weil der HSV als Gründungsmitglied der Bundesliga nie abgestiegen war und deshalb bis dato die meisten Spiele in dieser Liga absolviert hatte. Doch endlich musste er in die Zweite Liga. Als es 2018 endlich soweit war, saß ich gerade im Pressezentrum des Katholikentags in Münster und schrieb an einem Artikel über diese Veranstaltung, während in einer kleinen Ecke meines Laptops die letzten Minuten der Bundesliga-Saison liefen. Als der Schiedsrichter endlich abpfiff, schlug ich mit der Faust euphorisch auf den Tisch und stieß ein triumphierendes „Ja!“ aus. Die irritierten Blicke meiner Kollegen, holten mich in die Gegenwart zurück. Und die war nun mal der Katholikentag.

Über die bei Katholikentagen mittlerweile typische Art der selbstreferenziellen Inszenierung wurde schon viel geschrieben, und das Meiste davon ist wahr. Schon damals erinnerte mich diese manifestierte Form des typisch-deutschen Gremienkatholizismus fatalerweise an den Hamburger Sportverein. Die jahrelange Misswirtschaft hatte den Verein in die Zweite Liga geführt, die chronische Selbstüberschätzung, das Klammern an die alten Zeiten, als man noch „wer“ war.

Sternstunden 

Sicher, es gab sie, die großen Sternstunden, als man es gegen die Mächtigen dieser Welt aufnahm und die Welt mit Spielwitz und zäher Widerstandskraft beeindruckte. Doch ohne finanzstarken Investor wäre der Verein vermutlich schon früher in der Versenkung verschwunden. Allerdings verdirbt Geld auch den Charakter und so ist es nicht verwunderlich, dass die Vereinsführung oft spektakulär kopflos agierte und der ganze Club auf tragische Weise am eigenen Populismus verreckte (ich rede übrigens immer noch über den HSV).

Aber auch der Gremienkatholizismus hatte sich verkauft. Waren Katholikentage früher noch ein Fest des Glaubens und ein Ausrufezeichen in Richtung der Herrschenden, erreichte die deutsch-katholische Dekadenz 2022 in Stuttgart einen weiteren Tiefpunkt, indem man sich vor laufender Kamera mit Interkommunion und wohlfeilen Parteitagsreden anbiederte. Zehn Millionen Euro plus zusätzlicher Bürgschaft von 470 000 Euro kostete diese Zurschaustellung des Todeskampfes des Gremienkatholizismus, dem am Ende dennoch gerade einmal 20 000 Besucher beiwohnten.

Mehr Zuschauer als Katholikentagsbesucher

Zum Vergleich: Im Relegationsrückspiel am 23. Mai sahen 57 000 Zuschauer im Stadion, wie der HSV auf den letzten Metern die Chance versemmelte, wieder in die Erste Liga aufzusteigen. Weitere 5,8 Millionen Menschen sahen das Spiel im TV. Ich war einer davon, und während sich unser größter Rivale redlich darum bemühte, wieder bei den Großen mitspielen zu dürfen, bemerkte ich bei mir eine bis dahin ungekannte Gefühlsregung: Ich empfand Mitleid mit dem Rivalen.

Als ich nun die Bilder vom Katholikentag in Stuttgart sah, ging es mir beinahe ähnlich. Der Gremienkatholizismus, über den ich mich sooft geärgert habe, scheint sich nicht mehr berappeln zu können und begibt sich auf seine Abschiedstournee. Irgendwie tut er mir leid. Und der HSV auch ein wenig.

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