Kardinal Joseph Zen hat sich mit einer auf Italienisch auf „X“ veröffentlichten Stellungnahme in die Debatte um die Priesterbruderschaft St. Pius X. eingeschaltet. Im Mittelpunkt steht für den 94-jährigen emeritierten Bischof von Hongkong die Spannung zwischen zwei Anliegen: Einerseits müsse eine Spaltung „mit allen Mitteln vermieden werden“, weil sie der Kirche „ernsthaften und dauerhaften Schaden“ zufügen würde. Andererseits müsse ein schwerwiegendes Gewissensproblem ernst genommen werden: „Wie kann man jemanden zwingen, Lehren zu befolgen, die offensichtlich die Heilige Tradition der Kirche leugnen?“
Ausgangspunkt der Kontroverse sind die Pläne der Piusbruderschaft, am 1. Juli 2026 ohne Zustimmung des Heiligen Stuhls neue Bischöfe zu weihen. Der Generalobere Pater Davide Pagliarani hatte dies Anfang Februar mit einer schweren Notlage für das Seelenheil und mit dem Ziel begründet, die Kontinuität des traditionellen priesterlichen Dienstes zu sichern. Nach Darstellung der Bruderschaft habe Rom auf ihre zentralen Anliegen nicht ausreichend reagiert. Der genaue Ort der geplanten Weihen steht bislang nicht fest; auch die Namen möglicher Kandidaten wurden noch nicht bestätigt.
Zen: „Da ist Leo, der gute Vater!“
Auf die Ankündigung reagierte das Dikasterium für die Glaubenslehre mit einer Einladung des Präfekten Kardinal Víctor Manuel Fernández zu einem Gespräch. Die Bruderschaft lehnte es jedoch ab, den 1. Juli als Voraussetzung für weitere Verhandlungen zu verschieben. In einem späteren Schreiben bekräftigte Pagliarani, es handle sich um eine echte Gewissensfrage angesichts jener Entwicklungen seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, die aus Sicht der Bruderschaft einen Bruch mit der kirchlichen Tradition darstellen. Daher hält sie daran fest, dass unerlaubte Bischofsweihen ohne schismatische Absicht und ohne Übertragung von Jurisdiktion nach traditioneller Theologie nicht automatisch ein Schisma bedeuteten.
Zen greift laut „The Catholic Herald“ diese Argumentationslinie auf, ohne die Gefahr eines Bruchs zu verharmlosen. In seiner Erklärung deutet er die Lage mit einem biblischen Bild aus der Josephsgeschichte. Die Piusbruderschaft erscheint bei ihm als Joseph, Kardinal Fernández als einer der Brüder, die Joseph hassten, und Papst Leo XIV. als Ruben, der „gute Bruder“, der vermittelnd eingreifen könne. Besonders scharf formuliert Zen seine Kritik an jenen Kräften in der Kirche, die nach seiner Auffassung die Tradition schwächen oder zerstören wollen: Wer so handle, werde sich vermutlich sogar über eine Exkommunikation der Bruderschaft freuen.
Zugleich setzt Zen seine Hoffnung ausdrücklich auf den Papst. „Da ist Leo, der gute Vater!“, schreibt er, und betont, die Einheit der Familie Gottes liege ihm am Herzen. Papst Leo sei „jemand, der zuhört“ und deshalb in der Lage, zwischen authentischer Konzilslehre und späteren Fehlentwicklungen zu unterscheiden. Bestimmte Dinge, die im Namen des sogenannten „Geistes des Konzils“ begangen worden seien, aber der Tradition widersprächen, gehörten nach Zens Auffassung eben nicht zum Konzil selbst. Darin liegt der eigentliche Schlüssel seines Textes: Nicht eine pauschale Ablehnung des Konzils, sondern die Unterscheidung zwischen Konzilsdokumenten und späteren Interpretationen soll den Weg aus der Krise weisen.
Zen erinnert positiv an Benedikt XVI.
Auch die Liturgiefrage spielt dabei eine zentrale Rolle. Zen nennt es „offensichtlich einen Fehler“, die traditionelle lateinische Messe abschaffen zu wollen. Er kritisiert, der Novus Ordo habe die Absichten der Konzilsväter nicht vollständig respektiert, und verweist dabei auf von Bischof Athanasius Schneider gesammelte Belege. Positiv erinnert er an Benedikt XVI. und dessen Idee einer „Reform der Reform“, in der sich die beiden Formen des römischen Ritus gegenseitig bereichern könnten.
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