Wer heute Pfingsten in einer Pfarrgemeinde feiert, könnte meinen, es handle sich um ein eher harmloses Fest im Schatten von Christi Himmelfahrt: wenig Begeisterung, wenig Aufbruchsstimmung. Vor über 2.000 Jahren trieb es die Jünger auf die Straßen und rief bei den Umstehenden entweder Faszination oder Kopfschütteln hervor. Man kennt dieses Ereignis als Pfingsten, die Geburtsstunde der Kirche. Aber es ist weit mehr als ihr Geburtstag, mehr als ein Tag in der Vergangenheit, dessen man gedenkt. Pfingsten ist Programm.
Der Heilige Geist ist mehr als eine unpersönliche „Heilig-Geist-Kraft“, auf die er im Zuge des Synodalen Wegs bisweilen reduziert wird. Und das Charismatische hat nichts mit Extrovertiertheit oder sentimentaler Frömmigkeit zu tun. Pfingsten meint Gottes wirkende Gegenwart in seiner Kirche. Und die kann befremdlich wirken. Aber sie ist großartig.
„Ein Feuer der Liebe mit verwandelnder Kraft"
Nachdem die Jünger mit dem Heiligen Geist erfüllt worden waren, wirkten sie auf die Umstehenden wie Betrunkene. Der äußere Eindruck muss tatsächlich eigentümlich gewesen sein. Voller Elan springen wie aus dem Nichts die Jünger Jesu, die sich vorher völlig verängstigt verkrochen hatten, auf die Straße und rufen den Menschen, vermutlich etwas chaotisch durcheinanderwirbelnd, das Kerygma zu: Christus war der Messias, wie es die Propheten vorausgesagt hatten, er wurde gekreuzigt und ist auferstanden. Wer an ihn glaubt, empfängt Vergebung der Sünden und den Heiligen Geist. Lasst euch taufen! Noch verrückter ist, dass sie plötzlich in fremden Sprachen sprechen: Fremde aus allen Teilen der damaligen Welt verstehen sie dennoch; einige sind tief bewegt, andere aber spotten: Sie sind vom süßen Wein betrunken (vgl. Apg 2).
Doch die Früchte sprechen für sich. Petrus hält seine erste große Predigt, Tausende lassen sich taufen, und aus einem verängstigten Häuflein wird innerhalb weniger Jahrzehnte eine Kirche, die bis an die Enden der Erde reicht. Benedikt XVI. schrieb: „An jenem Morgen, fünfzig Tage nach Ostern, bläst ein Sturmwind über Jerusalem, und die Flamme des Heiligen Geistes kommt auf die versammelten Jünger herab, lässt sich auf jedem von ihnen nieder und entzündet in ihnen das Feuer Gottes, ein Feuer der Liebe mit verwandelnder Kraft. Die Furcht schwindet, das Herz spürt neue Kraft, die Zungen lösen sich, und sie beginnen freimütig zu sprechen, damit alle die Verkündigung Jesu Christi, der gestorben und auferstanden ist, verstehen können. Wo Spaltung und Fremdheit war, wächst an Pfingsten Einheit und Verständnis.“
Die neue Gegenwart Gottes
Betrunkene gründen gewöhnlich keine Weltkirchen. Die Freude, die Kühnheit und die sprachüberwindende Verständigung von Pfingsten sind nicht Zeichen von zu viel Alkohol, sondern Ausdruck einer neuen Gegenwart Gottes. Nachdem Christus in den Himmel aufgefahren ist, bleibt er seiner Kirche nicht bloß in Erinnerung, sondern wird durch den Heiligen Geist wirksam oder gar noch wirksamer gegenwärtig. Oder, wie man es mit dem heiligen Augustinus formulieren könnte: Der Geist Gottes ist Trank und Licht zugleich.
Doch gerade darin liegt für manche auch etwas Befremdliches. Ist es nicht sicherer, den Heiligen Geist lieber auf Abstand zu halten, bevor etwas geschieht, womit man sich womöglich lächerlich macht? Tatsächlich kennt die christliche Tradition seit Jahrhunderten Phänomene wie Zittern, Kribbeln, überwältigende Freude, Tränen, tiefen Frieden oder das sogenannte „Ruhen im Geist“. Solche Erfahrungen können irritieren — das wussten schon die Apostel. Auch der Prophet Jeremia beschreibt eine Gotteserfahrung, die ihn wie berauscht erscheinen ließ: „Mir bricht mein Herz in meinem Inneren, alle meine Glieder zittern. Wie ein Betrunkener bin ich, wie ein Mann, den der Wein überwältigt hat, wegen des HERRN und seiner heiligen Worte.“
Solche Phänomene können auftreten; notwendig sind sie jedoch nicht. Sie sind auch kein Beweis besonderer Heiligkeit oder dafür, dass Gott wirkt. Entscheidend sind nicht außergewöhnliche Manifestationen, sondern die Früchte des Heiligen Geistes: Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung (Gal 5,22–23). Dafür darf man sich auch einmal von Gott überraschen lassen. Zudem wirkt der Heilige Geist meistens viel leiser, unspektakulärer und verborgener. Der Prophet Elija begegnete Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer, sondern im sanften, leisen Säuseln des Windes.
Welcher Geist wirkt?
Wichtig bleibt zudem die Unterscheidung: Ist es Gottes Geist oder der Geist der Welt, der wirkt? Der Geist Gottes führt nicht in zerstörerische Verwirrung oder hoffnungslose Angst, auch bewirkt er keine Spaltung. Er weitet, heilt, macht frei, bringt Frieden und Freude und entzündet den Menschen innerlich. Welcher Geist am Werk ist, zeigt sich an seinen guten Früchten. Der Geist Gottes schenkt einheitsstiftende und aufbauende Gaben, die helfen, das Reich Gottes weiter zu verbreiten: Weisheit, Einsicht, Rat, Stärke, Erkenntnis, Frömmigkeit und Gottesfurcht.
Hier zeigt sich auch der Unterschied zwischen Babylon und Pfingsten. In Babylon folgten Menschen ihrem Hochmut und Eigenwillen — mit der Folge, dass keiner mehr den anderen verstand. Bei der Ausgießung des Heiligen Geistes hingegen sprechen die Apostel plötzlich in fremden Sprachen, und dennoch versteht man sie. Bis heute berichten Missionare und Christen von außergewöhnlichen Sprach- und Verständigungserfahrungen im Dienst des Evangeliums. Doch selbst dort, wo solche Erfahrungen ausbleiben, bleibt Pfingsten Wirklichkeit: überall dort, wo Menschen durch Gottes Geist verwandelt werden und aus ihm heraus handeln.
Trunkenheit im Heiligen Geist und Betrunkenheit durch Alkohol
Während übermäßiger Alkoholkonsum oft eine Flucht aus der Wirklichkeit ist, ist das Wirken des Geistes Gottes der Einbruch einer größeren Wirklichkeit in die menschliche. Alkohol lässt Menschen verständnislose Worte lallen, der Heilige Geist lässt wirksam in menschliche Herzen sprechen. Das eine hinterlässt Kater und Leere. Das andere verändert ein Leben von Grund auf. Von Gottes Geist ergriffen zu werden, ist nicht Kontrollverlust, sondern Kontrollabgabe an den, dem wir ohnehin gehören.
In „Evangelii Gaudium“ schrieb Papst Franziskus: „Evangelisierende mit Geist sind Verkünder des Evangeliums, die sich ohne Furcht dem Handeln des Heiligen Geistes öffnen.“ Das bedeutet im Umkehrschluss auch, dass man sich seinem Wirken verschließen kann. Angst, Selbstbezogenheit, Machtstreben oder Menschenfurcht können Menschen regelrecht gefangen halten. Doch auch davon kann Gottes Geist befreien.
Ohne den Heiligen Geist wächst keine Kirche
Die junge Kirche surfte gewissermaßen auf den gewaltigen Wellen des Heiligen Geistes. Nur deshalb konnte sie sich ausbreiten. Paulus schreibt im ersten Korintherbrief: „Meine Botschaft und Verkündigung war nicht Überredung durch kluge Worte, sondern war mit dem Erweis von Geist und Kraft verbunden, damit sich euer Glaube nicht auf Menschenweisheit stützte, sondern auf die Kraft Gottes.“ Damals wie heute ist es der Heilige Geist, der in „der Kirche in all jenen am Werk ist, die das Evangelium verkünden und sich von ihm ergreifen und führen lassen“, um es mit Paul VI. zu sagen.
Wenn man sieht, wie die katholische Kirche in Deutschland mühsam und indem sie Irrwege betritt, versucht, die Kirche wieder groß zu machen, dabei aber oft nur um Strukturen statt um geistliche Erneuerung kreist, während andernorts Menschen wie aus dem Nichts um die Taufe bitten, drängt sich eine Frage auf: Sollte das nicht motivieren, wieder dem Gründer dieser Kirche zuzuhören, dem Heiligen Geist wieder mehr Raum zu geben? Sich nach dem Geist Gottes auszustrecken, müsste Dreh- und Angelpunkt der Kirche sein. Die Charismen des Heiligen Geistes, ja das Charismatische, ist nichts für spezielle religiöse Gruppen. Die Kirche selbst ist zutiefst charismatisch. Vielleicht muss sie das nur wieder neu entdecken.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.










