Pauline Jaricot

Pauline Jaricot wird seliggesprochen

Am Sonntag wird die Französin Pauline Jaricot seliggesprochen. Als Katholikin verpflichtete sie sich dem Missionsauftrag der Kirche.
Pauline Jaricot
Foto: Missio Österreich | Was Paulines Originalität von Jugend an ausmacht, ist die Tatsache, dass sie sich nie über die anderen stellt. Sie spannt diejenigen, die sie unterstützt, in ihre Werke ein.

Pauline Jaricot (1799-1862), die in jungen Jahren zwei große Werke mit Bestand gründete - des "Werks der Glaubensverbreitung" und des "Lebendigen Rosenkranzes" -, war zu ihrer Zeit weithin bekannt. Mit einem ausgeprägten und bahnbrechenden Gespür für das, was man später die "soziale Frage" nennen sollte, hatte sie sogar den Einfall zu einem "Werk der Arbeiter", der jedoch aufgrund eines Betrugs schmählich scheitern sollte.

Aus ihrer Perspektive   der einer jungen Frau aus dem Lyoner Bürgertum am Ende der erschütternden Jahre der Revolution und der Terrorherrschaft   hat sie ausgesprochen klar verschiedene Probleme ihrer Zeit erfasst. Sehr aufmerksam registrierte sie alle Formen des Elends in ihrer näheren und weiteren Umgebung und nahm sich ihrer äußerst großherzig, mit Einfallsreichtum und großem Verantwortungsgefühl an; sie war überzeugt von der Notwendigkeit zu handeln und pflegte die Kraft dafür aus dem Gebet zu schöpfen. Sowohl in ihren Erfolgen wie auch in ihren Niederlagen und im Unglück ist das Leben dieser Frau - einer Laienkatholikin und Wegbereiterin in vielen Bereichen, einer Frau, die in Gott versenkt und von Wahrheit, Modernität und apostolischer Wirkkraft im Dienst des Evangeliums erfasst war - von großer Aktualität.

Ehre Gottes und das Heil der Menschen als Leitmotiv

Die Familie Jaricot hat wie viele andere Familien in Lyon unter der Revolution gelitten. Dieses Trauma ist Träger einer "heilenden" Spiritualität, in die Paulines Jugend eingetaucht ist - nicht in einer Sehnsucht nach der Vergangenheit, sondern in einem Vorwärtsgehen, dessen einziges Leitmotiv "die Ehre Gottes und das Heil der Menschen" ist. Nur davon ist sie seit ihrer Bekehrung im Alter von 17 Jahren und auch schon vorher, in ihrer Kindheit, beseelt. So will sie etwa, empfänglich für die missionarische Bewegung, die sich damals entwickelte, nach China gehen. Und sie lässt sich nicht aus der Fassung bringen, als ihr Bruder Philéas erwidert: "Das kannst du nicht, du bist ein Mädchen", jedoch hinzufügt: "Du wirst einmal einen großen Rechen nehmen und viele Groschen zusammenkehren!" Das wird sie - mit Einfallsreichtum und Begeisterung.

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"Du bist ein Mädchen!" Was über diese kindliche Kabbelei hinaus an Pauline auffällt, ist ihre Weiblichkeit ohne feministischen Protest. Frau zu sein stellt kein Problem für sie dar. Sie lebt und agiert als solche in einer Welt, in der die Frau ausgenutzt wird und ihre Rolle oft wenig Anerkennung findet. Doch das 19. Jahrhundert blickt auch auf viele Frauen zurück, die einen wichtigen Platz in der Gesellschaft und in der Kirche eingenommen haben   viele Stifterinnen, wie Pauline. Als sie in Lyon den Brauch einführt, wöchentlich einen Sou zu spenden, stößt sie auf manche Hindernisse, großteils von Seiten der diözesanen, klerikalen und gallikanischen Obrigkeiten. Ebenso bei der Gründung des "Lebendigen Rosenkranzes". Sie stellt sich ihnen entgegen, einzig darum besorgt, dass der karitative und apostolische Zweck in der Treue gegenüber dem Evangelium und der Kirche erreicht wird. Sie wendet sich zunächst an die Frauen, denen sie in ihrem Viertel begegnet.

Die "Mutter der Missionen"

Doch sehr rasch schließen sich Männer, Laien, Priester, Ordensleute dieser Bewegung an und erkennen die geistliche Autorität Paulines an. Die auf der ganzen Welt verbreiteten Rundschreiben des "Lebendigen Rosenkranzes" bezeugen dies. Sie ist anerkannt, gefragt, wird "unsere Mutter", "Mutter der Missionen" genannt. Gegenüber der Stellung des Priesters bezeugt sie stets großen Respekt und beansprucht nichts als ihre Rolle als Getaufte, mit dem Gefühl - lange Zeit vor dem Zweiten Vatikanum - für das universelle Priestertum, das dem Platz der Laien und der Frauen in der Kirche zugrunde liegt: einem Platz, der -. ohne Komplexe   durch Handeln einzunehmen ist. Sie hat sich nicht für den Eintritt in ein Kloster entschieden und ist zweifellos auch Vorreiterin in ihrer Auffassung von einem Leben als Laienkatholikin in der Welt. "Mein Kloster ist die Welt" ist ihre Maxime. Das wird sie leben, aber es wird ihr nicht gelingen, diese Lebensform, die noch nicht praktiziert worden ist, zu einer ständigen Einrichtung zu machen, sagt sie.

Sie erweist sich auch als Vorläuferin auf sozialer Ebene, selbst wenn es sehr langer Zeit bedurfte, bis dies in der Kirche anerkannt wurde. Die soziale Frage entdeckt sie bereits in der Kindheit. Ihr Vater ist durch Seidenhandel reich geworden, entstammt jedoch der Armut auf dem Land. Ihre Mutter war Seidenarbeiterin. Sie sind durch Arbeit aufgestiegen. Ihr Glück lässt sie ihre ursprüngliche Armut nicht vergessen und macht sie nicht blind gegenüber der erheblichen Not, mit der sie in ihrem Viertel am Fuß des Croix-Rousse-Hügels in Berührung kommen. Pauline wird in diesem Bewusstsein aufgezogen. Sie lernt auch die Arbeiterinnen in der Fabrik ihres Schwagers in St. Vallier kennen. Einige Christen beginnen sich allmählich der sozialen Frage bewusst zu werden. Ein langwieriger Prozess, zweifellos, doch viele katholische Werke legen davon Zeugnis ab. Seit Beginn des Jahrhunderts ist dies eines der Anliegen der Kongregation von Lyon. Neben der sozialistischen Bewegung, die in dieser Epoche großer industrieller Entwicklungen entsteht, zeichnen sich die ersten Grundzüge eines sozialen Christentums ab, die noch sehr zaghaft sind, doch schöne Initiativen wie die "Vinzenz-Konferenzen" von Friedrich Ozanam aufweisen.

Nie stellt sie sich über andere

Was Paulines Originalität von Jugend an ausmacht, ist die Tatsache, dass sie sich nie über die anderen stellt. Sie spannt diejenigen, die sie unterstützt, in ihre Werke ein. Zusammengeschlossen unter dem Begriff "Heilerinnen des verleugneten und verachteten Herzens Jesu" sammeln sie den wöchentlichen Sou ein, schließen sich zu Rosenkranzgebeten, zum Handeln und zum Gebet zusammen. Zur Idee der Solidarität kommt bei Pauline das hinzu, was im 20. Jahrhundert der Leitgedanke der JOC (Jeunesse ouvrière chrétienne/ christliche Arbeiterjugend, Anm. d. Ü.) und der "Action Catholique" sein wird: "Der Arbeiter ist der beste Apostel des Arbeiters." Dies liegt ihrer Vorstellung einer "christlichen Fabrik" zugrunde, die es ermöglichen soll, unter guten Bedingungen zu arbeiten und ein berufliches, familiäres und geistliches Leben zu führen, sowie die Arbeiter auszubilden, die durch diese Schulung andernorts die Verbesserung ihres Schicksals fördern werden. Der Betrug, dessen Opfer Pauline 1845 wird, sollte verhindern, dass dieses Projekt, das natürlich keine Nachfolger hat, zustande kommt. Man musste auf Leo XIII. warten, um allmählich zu entdecken, inwieweit sie sich auch in diesem Bereich als Pionierin erwiesen hat.

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Selbstverständlich hat man sich nach ihrem Misserfolg über diese Frau lustig gemacht, die danach strebte, sich mit der Industriewelt zu beschäftigen! Was das Urteil über ihre Beziehung zum Geld betrifft - das sie im Übrigen nur in dem Maß interessiert, in dem es zu ihren Werken beitragen kann -, so hat man sich getäuscht. Man hat sie des Leichtsinns beschuldigt, während sie ihren Plan, nachdem sie lange im Gebet darüber nachgedacht hatte, erst nach dem Einholen maßgeblicher Meinungen umzusetzen versuchte. Nachdem der Betrug als solcher erkannt worden ist, hat sie keine andere Sorge, als alle zu entschädigen, die sich für ihren Ruf eingesetzt haben - wozu sie rechtlich nicht verpflichtet ist. Menschlich wird sie sich von dieser Prüfung nicht mehr erholen und zu Füßen des Kreuzes das Drama leben, das die letzten 15 Jahre ihres Lebens prägt.

Jeder kann heute seine Rolle wahrnehmen

Paulines Zeugnis ist ein Aufruf, an dem Platz zu leben, an den man gestellt wird, und dass jeder heute seine Rolle wahrnehmen kann. "Ich bin geschaffen, um zu leben und zu lieben", sagte sie. Zweifellos ist das der Auftrag jedes Christen auf der Welt: Männer, Frauen, junge, ältere Menschen. Zum Zeitpunkt ihrer ersten Gründungen war sie noch keine zwanzig Jahre alt. Ja, es gibt einen Platz für die Laien, für die Frauen und für die jungen Menschen in der Kirche. Pauline legt ein Zeugnis der Treue ab, das mit Leid verbunden ist. Letzteres wird durch die Kämpfe verursacht, in die so viele Menschen der Kirche verwickelt sind. Liebe zur Kirche, genauso unerschütterlich wie illusionslos, was die Sünden ihrer Mitglieder betrifft.

Gleichzeitig zeigt die Geschichte Paulines, dass es ohne ein intensives Gebetsleben kein wirksames christliches Leben geben kann. Bei ihr erwächst das Handeln aus dem Gebet und das Gebet aus dem Handeln. Im Gebet, im Nachdenken über das Wort und in der Eucharistie richtet sie ihren Blick unablässig auf Christus, der wirklich das Herzstück ihres Lebens bildet. Er ist Grund, Quelle und Ziel ihres Lebens. Pauline bezeugt die Wirklichkeitsnähe des menschgewordenen Christus. Sie ist ein Kind ihrer Zeit. Sie handelt mit den verfügbaren Mitteln, ohne faule Kompromisse mit der "Welt" einzugehen, indem sie den Zustand der Welt, deren Schreie sie unaufhörlich wahrnimmt, im Handeln wie im Gebet annimmt und alles den Herzen Jesu und Marias anvertraut.


Übersetzung aus dem Französischen von Claudia Reimüller

Die Autorin ist Historikerin und hat die Standardbiografie über die neue Selige verfasst: "Pauline Jaricot - die Mutter der Weltmission" (Edition Missio). Die deutsche Übersetzung ist im Be & Be-Verlag erschienen.

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