Nach der Krise, vor der Reform

Ein Gespräch mit dem Präsidenten der deutschen Assoziation, Erich Prinz von Lobkowicz, über offene Fragen beim Malteserorden. Von Guido Horst
Albrecht von Boeselager
Foto: Wolfgang Kumm (dpa) | ARCHIV - Bundespräsident Joachim Gauck (l) wird am 07.09.2013 vor dem Berliner Dom in Berlin vom Präsidenten der Deutschen Assoziation des Malteserordens, Erich Prinz von Lobkowicz (r) und von Albrecht Freiherr zu ...

In Rom hat der Große Staatsrat des Malteserordens getagt und Fra’ Giacomo Dalla Torre, einen 73 Jahre alten Adligen aus Treviso, zum neuen Großmeister gewählt, nachdem dieser bereits im April 2017 wegen des von Papst Franziskus gewollten Rücktritts des alten Großmeisters Fra’ Matthew Festing Statthalter des Großmeisters geworden war. Es war die größte institutionelle Krise, die der Orden in jüngerer Zeit durchlaufen musste und zu der Dalla Torre gegenüber Vatican News sagte, sie sei „anstrengend und herausfordernd“ gewesen und habe „alle zu mehr Nachdenken gebracht“.

Auf Schloss Maxlrain in Oberbayern lebt Erich Prinz von Lobkowicz, seit 2006 Präsident der deutschen Assoziation des Ordens und als solcher Mitglied des Großen Staatsrats der Malteser. Auf die Frage, was an der Ordenskrise so „herausfordernd“ gewesen sei, meinte er gegenüber der „Tagespost“: „Der alte Großmeister war vom Heiligen Vater um seinen Rücktritt gebeten worden, nachdem die vom Papst eingesetzte Kommission zahlreiche Rechtsverstöße und Unregelmäßigkeiten in seiner Amtsführung aufgedeckt hatte, die die davon Betroffenen großem Stress und großer Ungerechtigkeit ausgesetzt hatten und natürlich dem Orden geschadet haben. Das hat die grundsätzliche Frage aufgeworfen, ob institutionelle Änderungen notwendig sind, um so etwas in Zukunft zu verhindern. Gleichzeitig begannen Legendenbildungen interessierter Kreise um den alten Großmeister. Eine wirkliche Reform braucht Ruhe. Diese wieder herzustellen, war eine Herausforderung. Wir können mit Genugtuung feststellen, dass die Arbeit des Ordens für die Armen und Kranken in der ganzen Welt nicht gelitten hat, sondern im Gegenteil weiter ausgedehnt werden konnte.“

Skeptisch ist Lobkowicz angesichts der Gerüchte, die Ordenskrise sei im Kern ein Kampf von zwei Fraktionen gewesen. Aber von einigen „wenigen, die ihre Minderheitsposition nicht wahrhaben wollten“, seien „Verschwörungstheorien“ in die Welt gesetzt und solche Fraktionen behauptet worden. „Natürlich gibt es insbesondere, wenn eine Reform ansteht, unterschiedliche Meinungen, über die offen gesprochen und notfalls auch gestritten werden muss. Der Orden und seine Werke sind in den vergangenen Jahren sehr gewachsen. Neue Ordensgliederungen im Fernen Osten sind hinzugekommen. Unsere Strukturen müssen entsprechend angepasst werden.“

Entschieden weist Lobkowicz die Lesart der Ordenskrise zurück, wonach in deren Mittelpunkt der deutsche Großkanzler Boeselager und der von diesem angeblich vertuschte Kondom-Skandal – vor allem deren Verteilung in Myanmar – standen. Die fraglichen Projekte von Malteser International seien vielmehr von Großmeister Festing Ende 2016 zum Vorwand genommen worden, „um den Großkanzler zum Rücktritt zu zwingen. Dabei waren diese Projekte von Malteser International im Rahmen einer internen Revision bereits 2013 selber aufgedeckt worden. Die Verantwortlichen bei Malteser International hatten sofort angemessen reagiert. Im Übrigen stellt die Hilfe von Malteser International in Myanmar eine Erfolgsgeschichte dar. Wenige Organisationen konnten und können in diesem nicht einfachen Land gerade in den Regionen helfen, wo absolutes Elend herrscht.“ Die Treue zur Lehre der katholischen Kirche in der Ordensleitung, so Lobkowicz, sei von niemandem in Frage gestellt worden.

Dem Staatsrat, der jetzt lediglich den Großmeister zu wählen hatte, lag noch kein Entwurf einer neuen Ordensverfassung vor. Aber im vergangenen Februar, so fügt Lobkowicz an, „hatte es in einem Exerzitien- und Tagungshaus bei Rom eine sehr fruchtbare Zusammenkunft mit Teilnehmern aus allen Erdteilen gegeben, um die notwendigen Reformen zu beraten. Dabei geht es einmal um Reformen von Verwaltungsprozessen, transparente Güterverwaltung und so weiter, wozu keine Verfassungsänderungen notwendig sind, dann aber auch um Anpassungen der Verfassung und der Gesetze. Das muss ein eigenes Generalkapitel später dann entscheiden.“

Es ist ein offenes Geheimnis, dass dem Malteserorden Professritter fehlen, die die Gelübde von Armut, Ehrwürdigkeit und Gehorsam ablegen. In Deutschland, so Lobkowicz, „haben wir derzeit mit Fra Georg Lengerke einen vorbildlichen Professen, der zehn Jahre mit weiter Ausstrahlung unsere große Kommende in Ehreshoven bei Köln geleitet hat, und der nun dabei ist, ein Gemeinschaftsprojekt in München zu begründen. Wann und wo Gott einem Orden Berufungen schenkt, liegt allein in seiner Hand, aber junge Menschen für unser Charisma begeistern, das können und tun wir.“ Weltweit gibt es zur Zeit laut Lobkowicz 47 Professen, was recht wenig ist, wenn man bedenkt, dass die hohen Ämter der Ordensleitung eigentlich von Professrittern bekleidet werden sollen. Dennoch „sind und bleiben“  die Professen für den Orden sehr wichtig, was aber nicht ausschließt, wie Lobkowicz anfügt, dass die Rolle der Frauen im Orden immer wichtiger wird: „Der Orden ist heute ohne eine Beteiligung von Frauen nicht mehr denkbar. In vielen unserer Ordenswerke haben sie tragende und führende Aufgaben.“ Allerdings sei der erste Stand des Ordens, den die Professen mit Gelübden bilden, ein Männerorden. „Inwieweit daher Frauen in der Ordensregierung integriert werden können, ist eine noch offene Frage.“

Überraschend hat Papst Franziskus hat die Amtszeit seines Delegaten beim Orden, Erzbischof Angelo Becciu, über die Wahl des neuen Großmeisters hinaus verlängert, was darauf hindeutet, dass die Zeit des Kardinalpatrons Raimund Leo Burke endgültig abgelaufen ist. Becciu ist für Lobkowicz „ein hoch engagierter Delegat“, dem man für seinen Einsatz sehr dankbar sei. „Wir sind froh, dass er den weiteren Weg der Reform mit begleitet“, was für Lobkowicz nicht heißt, dass dessen Mitarbeit bei der Verfassungsreform eine Einschränkung der Souveränität des Ordens darstellt: „Dem Heiligen Vater geht es um eine Reform des ersten Standes, den die Professen bilden, und grundsätzlich um eine Stärkung der Spiritualität. Das hat mit der Souveränität des Ordens nichts zu tun, sondern mit seiner Identität als katholischer Orden.“ Im Übrigen nehme der Vatikan auf die Angelegenheiten des Ordens keinen Einfluss. Vielmehr erkenne er die Souveränität des Ordens an. Diese Souveränität, so Lobkowicz, „ist wichtig für unsere Arbeit in vielen Teilen der Welt. Insbesondere in Krisengebieten ermöglicht sie uns schnelle und effiziente Hilfe, die wir neutral und unpolitisch leisten können.“

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