Das Fest „Mariä Heimsuchung“ in ein Wort zu fassen, ist schwierig. Es ist vor allem Begegnung, aber auch Ankündigung, Offenbarung, Freude. Zwei Schwangere treffen sich, wobei eine (Elisabeth) von der besonderen Schwangerschaft der anderen (Maria) noch nichts weiß. Aber kaum trifft Maria bei ihr ein, verrät ihr Baby, naja, eigentlich der Heilige Geist, das Geheimnis. Der kleine Johannes hüpft im Leib Elisabeths, die erkennt, wen sie da vor sich hat. Zugleich besucht der Messias Elisabeth und Johannes – verborgen im lebendigen Tabernakel, der Maria ist. Die Szene verweist zurück auf König David, der einst vor der Bundeslade tanzte und ausrief: „Wie kann die Lade des Herrn zu mir kommen?“ (2 Sam 6).
Fast genauso fragt Elisabeth: „Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?“ Maria ist die neue Bundeslade, nur trägt sie statt der steinernen Gesetzestafeln den menschgewordenen Sohn Gottes selbst. An diese bedeutungsvolle Begegnung der beiden Frauen erinnert die Kirche am heutigen Fest „Mariä Heimsuchung“. Auch wenn das Wort heute nach Pest und Cholera klingt, ist es eines der freudigsten im ganzen Kirchenjahr.
Gott macht Unmögliches möglich
In der Begegnung der beiden Frauen verschmelzen Altes und Neues Testament. Johannes, der letzte Prophet des Alten Bundes und an der Schwelle zum Neuen, begrüßt bereits im Mutterleib den Messias des Neuen Bundes. Vor allem aber zeigt das Fest, dass Gott das Unmögliche möglich machen kann, wie es der Erzengel Gabriel Maria bei der Verkündigung verheißen hatte: Zwei Frauen werden wider alle Naturgesetze schwanger. Elisabeth ist dabei schon betagt, vielleicht ähnlich wie Sara es war, die mit 90 Jahren noch einen Sohn gebar – gegen alle Hoffnung auf Hoffnung hin, wie es später der Apostel Paulus über Saras Mann Abraham schreiben wird (Röm 4,18). Elisabeth steht damit in genau dieser Reihe des hoffenden Glaubens.
Es ist eigentlich göttliche Ironie: Mit Alter wird der Ewige gut fertig. Denn seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken und seine Wege nicht unsere Wege, wie der Prophet Jesaja schreibt – seine Pläne übersteigen alles menschliche Planen und Berechnen. „Ein Gott, der das Meer teilt, kommt niemals zu spät", heißt es in einem Lied von Timo Langner. Alter ist für ihn keine ernst zu nehmende Kategorie.
Ein Fest von Gottes Macht und Treue
So wird „Mariä Heimsuchung" zu einem Fest der Hoffnung. Es lädt dazu ein, diese Hoffnung nicht sterben zu lassen, sondern wie Abraham, Sara und Elisabeth allen äußeren Umständen zum Trotz zu glauben und zu vertrauen. Gott kann alles in seinen Heilsplan einbinden und alles zum Besten führen. „Mariä Heimsuchung" ist ein wundervolles Fest, das Gottes Macht und Treue sowie das von den beiden Frauen erwartete und ersehnte Leben feiert. Gerade angesichts der Leichtigkeit, mit der heute über menschliches Leben verfügt wird – am Anfang wie am Ende –, erscheint dieses Fest damit wie ein Kontrapunkt.
In der Musik übertönt ein Kontrapunkt andere Töne nicht, sondern fügt sich in den Gesang ein, ohne ihn zu zerstören. Zugleich bringt er eine Reibung hinein, einen Einspruch und einen Weckruf. Auf die heutige Zeit übertragen heißt das: Er fügt das Entscheidende hinzu, indem er mitten in der Vergänglichkeit und den Wirrungen menschlicher Irrwege auf etwas verweist, das über das Sichtbare hinausgeht und das wirklich trägt und wahrhaft erfüllt.
Genau das wird in der Begegnung von Maria und Elisabeth bereits sichtbar. Gottes Allmacht zeigt sich, während Christus noch verborgen bleibt. Auch Marias Magnificat – jener Lobgesang, den auch evangelische Christen bis heute schätzen – nimmt vorweg, was Jesus erst später predigen wird: Gott erhöht die Niedrigen und stürzt die Mächtigen vom Thron. Schon vor der Geburt Jesu zeigt sich, dass Gottes Reich anderen Maßstäben folgt als die Welt. Die hoffnungsvolle Botschaft dieses Festes: Auch wenn einem manchmal der Sinn des eigenen Lebensweges verwehrt bleibt – wer einmal zurückblickt, darf vielleicht erkennen: Gott hat mich die ganze Zeit getragen.
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