Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Bewegte Christusbilder

Ein heiliges Schauspiel

Handelnde Bildwerke als stumme Katechesen während der Passions- und Osterliturgie.
Jesu Passion
Foto: Imago/epd | Franziskaner und Pilger gedenken am Karfreitagabend in der Jerusalemer Grabeskirche des Leidens Christi. Eine bewegliche Christusfigur wird von einem Kreuz abgenommen, um anschließend in einem Leinentuch am Eingang ...

Christus handelt in der Geschichte und auch in der Kunst: Zu den agierenden Kunstwerken, beweglichen Skulpturen und handelnden Bildwerken aus der Liturgie der Kirche und ihrer Glaubenspraxis gehören unter anderem Krippen, bekleidete Jesusfiguren, mechanische Ölbergfiguren, Kruzifixe mit beweglichen Gliedern, Grablieger, Heiliggrabanlagen mit Bühneneffekten, Skulpturen des Auferstandenen, die dann an Christi Himmelfahrt mit Seilen durch den offenen Gewölbeschlussstein heraufgezogen wurden, Geisttauben, die durch das „Himmelsloch“ herabschwebten, und manches mehr.

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Gerade das österliche Triduum kennt handelnde Bildwerke Christi: Bis heute lebendig geblieben ist die Verwendung agierender Skulpturen in der Karliturgie in Jerusalem. Nach der Kreuzverehrung halten die Franziskaner in der Grabeskirche eine Grablegungsfeier am Kreuzaltar auf Kalvaria und vollziehen die Kreuzabnahme rituell nach.

Grablegungsfeier Jesu

Eine geschnitzte Skulptur des Gekreuzigten wird vom Kreuz abgenommen und die schwenkbaren Arme werden an den Körper angelegt. Auf einem weißen Tuch wird die Skulptur zum Salbungsstein getragen. Dort warten bereits zahlreiche Gläubige auf die „Salbung“: Die Skulptur wird mit Weihrauch bestreut und mit Rosenwasser besprengt, anschließend in ein Tuch gewickelt und in einer Prozession ohne Gesang zum Heiligen Grab überführt und dort bestattet.

Die Grablegungsfeier der Griechisch-Orthodoxen beginnt ebenfalls am Kalvaria-Altar. Sie kennt keine Kreuzabnahme. Auf dem Altar liegt ein „Epithaphios“ („zum Grab gehörig“) genanntes Tuch mit einem aufgestickten Christus, das mit Blumen bedeckt wurde. Vier Priester tragen den Epithaphios zum Salbungsstein. Anschließend wird der Epithaphios in das Heilige Grab gelegt. Während der dreimaligen Prozession um das Grab wird dieses Troparion gesungen: „Der edle Joseph von Arimathäa / nahm vom Holze des Kreuzes / Deinen makellosen Leib, / wickelte ihn in reines Linnen, / deckte ihn mit duftenden Kräutern zu / und legte ihn in ein neues Grab“.

Mitvollzüge der Leidensgeschichte

Wie der Reisebericht der spanischen Pilgerin Egeria aus dem 4. Jahrhundert bezeugt, bilden die Stationsgottesdienste der Heiligen Woche in Jerusalem den Anfang nachahmender Mitvollzüge der Leidensgeschichte Jesu sowie des Kirchenjahres. Es gab eine Prozession mit Palmzweigen von Bethanien nach Jerusalem am Palmsonntag. Man zog am Gründonnerstag zum Ölberg, gedachte der Kreuzigung auf Golgotha, trauerte am Heiligen Grab und ahmte den Besuch der salbentragenden Frauen am leeren Grab am Ostermorgen nach.

Allerdings führt die Suche nach den frühesten Zeugnissen agierender Kunstwerke nach Europa. Frühestes Zeugnis einer Grablegungsfeier ist die um das Jahr 1000 entstandene Vita des heiligen Bischofs Ulrich von Augsburg: Er soll nach der Kommunion der Gläubigen die heilige Speise rituell „begraben“ und einen Stein darüber gelegt sowie am Ostersonntag eine Prozession mit den konsekrierten Hostien und dem Evangeliar gehalten haben.

Genaue Abläufe der Kar- und Osterliturgie enthalten die Akten der Synode von Winchester (um 973): Nach dem Ende der Karfreitagsliturgie wurde das bei der Kreuzverehrung verwendete Kreuz in ein Leinentuch gewickelt und bestattet, nach der Osternachtsfeier setzte sich ein Mönch mit einem Palmzweig vor das Grab. Er stellte mit drei weiteren Mönchen mit Weihrauchgefäßen den Dialog der Frauen mit dem Engel am Grab nach. Der Auferstandene wurde nicht dargestellt. Auf die Auferstehung verwies das Grabtuch.

„Quem queritis“

Die Abfolge der Karfreitagsriten war früh festgelegt und bestand aus der Depositio, der Niederlegung eines Christussymbols am Karfreitag, der Erhebung oder Erhöhung in der Osternacht, die meist mit einer Prozession verbunden war, und der Visitatio, dem Besuch am leeren Grab am Ostermorgen.

Aus dem Gesang des biblischen „Quem queritis“ („Wen sucht ihr?“) haben sich erweiterte Gesänge entwickelt. Sie bilden Anfang der Osterspiele, die dann bald in der jeweiligen Volkssprache und außerhalb der Kirchen aufgeführt wurden und enthielten auch heitere Szenen wie den Wettlauf der Apostel Johannes und Petrus zum Grab.

Bewegliche Christusskulpturen der Geschichte

Genaue Anweisungen von 1513 für eine Kreuzabnahme und Grablegung Christi sind aus Meißen überliefert: Eine Christusskulptur mit Schultergelenken wurde vom Kreuz abgenommen, es wurden die Wunden gewaschen und die Figur wurde in Prozession unter Mitführung der Leidenswerkzeuge zur Bestattung getragen. Vermutlich gab es diese Feier mit beweglichen Christusskulpturen spätestens im 15. Jahrhundert in den meisten Bischofskirchen, Stiftskirchen, Stadtpfarrkirchen, größeren Konventen. Solche Kruzifixe wurden zudem in Passions- und Osterspielen verwandt.

Eine multifunktionale Christusskulptur hat sich im sächsischen Döbeln erhalten. Der „Mirakelmann“ (um 1510) hat einen beweglichen Kopf und bewegliche Extremitäten. Man konnte mit dieser Figur die Annagelung, den Lanzenstoß, die Kreuzabnahme, die Beweinung und die Grablegung Jesu im Heiligen Spiel nachvollziehen.

Inszenierung von Wundern und Emotionen

Wurde die mit Wachs verschlossene Seitenwunde mit der Lanze durchstochen, floss aus dem Inneren eine rote Flüssigkeit aus. Gedrechselte Kugelgelenke des ebenfalls lebensgroßen „Mirakelmann“ aus dem Museum in Rattenberg in Tirol ermöglichten eine noch größere Verwendbarkeit im Heiligen Theater der Passionsfeiern, die auch Dornenkrönung, Ecce homo sowie die Erscheinungen des Auferstandenen umfassten.

Solche Skulpturen wurden auch in Andachten eingesetzt, wie der Andacht zu den sieben letzten Worten Jesu am Kreuz. Es wurden einem Kruzifixus mit beweglicher Kinnlade Weihrauchkörner in den Mundraum gelegt, der austretende Rauch simulierte die Aushauchung des Geistes Jesu. Zur Grablegung wurden mobile Heiliggrabtruhen mit aufklappbarem Satteldach verwendet. Diese wurden dann von aufwendig geschnitzten, vergoldeten Grabschreinen abgelöst. Ein Grabschrein von 1507 hat sich in Zwickau erhalten.

Die Reformatoren nahmen Heilige Spiele nicht ernst

Alle nachahmenden Vollzüge wurden sowohl von den Reformatoren wie auch von der Aufklärung massiv bekämpft. Heilige Spiele galten als Ausdruck einer niederen, kindisch-naiven Stufe der Menschheitsentwicklung, die durch Vergeistigung und Moralisierung überwunden werden sollte.

Das Missale Romanum kennt die Riten Depositio, Elevatio und Visitatio nicht. Zunehmend wurde das Depositionsgrab, in dem der Grabchristus mit oder ohne konsekrierte Hostie verschlossen lag, vom Expositionsgrab abgelöst, in dessen Mitte die Monstranz exponiert wurde. Durch die Jesuiten verbreitete sich das gestaffelte Kulissengrab in Bretterbauweise.

Mit bemalten Bretterfiguren konnten die verschiedensten Szenen vom Abendmahl über den Ölberg bis zum Emmausgang gestellt werden. Hinzu kamen typologische Vorausbilder auf die Passion Jesu aus dem Alten Testament, wie die Opferung Isaaks oder der Verkauf Josephs durch seine Brüder.

Tendenz zur Vergeistigung und Entleiblichung

Mittels Bühnentechnik konnte die Auferstehung Jesu eindrucksvoll inszeniert werden. Die kunsthistorischen Befunde belegen eine Tendenz zur Vergeistigung und Entleiblichung. Mit dem Verbot der Kulissengräber, die ohne menschliche Akteure Affekte als „gefrorenes Theater“ zum Ausdruck brachten, schritt die Entsinnlichung weiter voran.

Von heute aus gesehen, besteht bei manchen Fragwürdigkeiten der mittelalterlichen Passionsfrömmigkeit kein Grund, sich darüber zu erheben: War nicht die Verlagerung der Auferstehung ins rein Geistige ein Schritt zur Verneinung der Auferstehung des Fleisches?

Aufgabe bleibt es, über die erfahrbare Umwandlung von Trauer und Tod die verklärte Gegenwart des Herrn zu feiern und seine heilende Anwesenheit im Sakrament. Weil Christus das fleischgewordene Bild Gottes ist, ist es sein Bild, das uns bewegt. So sehr die Bilder verkündigen, müssen sie natürlich immer neu erschlossen werden.

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