Kreuzabnahme geschieht in den Herzen

"Selbstbewusst mit Christus" lautet das Motto des heute beginnenden Kongresses "Freude am Glauen". "Richtig und notwendig" sei das angesichts der heutigen Herausforderungen für die Kirche, meint der emeritierte Fuldaer Bischof Algermissen in seiner Predigt zum Auftakt.
Algermissen fordert Christen zu selbstbewusstem Glaubenszeugnis auf
Foto: Sven Hoppe (dpa) | Die eigentliche „Kreuzabnahme“ geschehe weniger in Schulen und Gerichtssälen als vielmehr in den eigenen vier Wänden und in den Herzen, beklagt der emeritierte Fuldaer Bischof Algermissen.

In Fulda wurde der 18. Kongress „Freude am Glauben“ unter dem Motto „Selbstbewusst mit Christus“ eröffnet. Der Fuldaer Bischof em. Heinz Josef Algermissen hob in seiner Predigt im Hohen Dom zu Fulda hervor, dass die eigentliche Kreuzabnahme in den Herzen geschehe. Immer wieder seien Christen Diskriminierung und Spott ausgesetzt - wie es eine Katholikin kürzlich in Berlin durch Atheisten erfuhr, als auch in dem Fall, dass sich die Fluglinie Turkish Airlines weigerte, ein Kreuz zu transportieren.

In der Kongresshalle kritisierte Werner Münch, ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt und Schirmherr des Kongresses, dass die EU kaum noch Bereitschaft zeige, die christlichen Wurzeln anzuerkennen. Selbstbewusst in und mit Christus bedeute, die Gleichberechtigung von Mann und Frau zu würdigen und nicht im Sinne einer Ideologie des Gender-Mainstreamings die Auflösung der Identitäten von Mann und Frau herbeizuführen. Ein kraftvolles Bekenntnis für Europa sei gefragt in Erinnerung des christlichen Erbes. Der eigentlich Kampf spiele sich nach dem heiligen Augustinus ab zwischen der Civitas Dei, der Stadt Gottes und der Civitas Terrena, der irdischen Stadt, betonte Münch. Der Kampf zwischen Wahrheit und Irrtum sei das eigentliche Thema der europäischen Geschichte.

DT/bwi

 

Im Wortlaut die Predigt im Pontifikalamt zur Eröffnung des Kongresses „Freude am Glauben“ am Freitag, 20. Juli 2018, im Hohen Dom zu Fulda:

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Vor einiger Zeit schrieb eine anonyme Katholikin in einem wehleidigen Gastbeitrag einer großen deutschen Tageszeitung (FAZ), sie fühle sich im atheistischen Berlin diskriminiert. Und sie belegte das so: Ihr Sohn sei in der Schule gehänselt worden, weil er zugegeben habe, abends zu beten. Sie selbst sei von einer Bekannten ironisch gefragt worden, warum denn ein Kreuz in ihrer Wohnung hänge. „Ich fand das einfach nicht gut“, schrieb sie.

"Selbstmitleid und Indifferenz schaffen keinen missionarischen Impuls"

Wenn indes solche Vorkommnisse heute schon als Diskriminierung und schwere Prüfung durchgehen und das katholische Selbstbewusstsein verunsichern, ist es um die Belastbarkeit des christlichen Glaubens wirklich schlecht bestellt. Kein Wunder, dass eine Glaubensgemeinschaft, die viel Verunsicherung ausstrahlt sowie Ansprüche und Maßstäbe abgebaut hat, vor dem Zeitgeist in die Knie geht. Selbstmitleid und Indifferenz schaffen tatsächlich keinen missionarischen Impuls. Nur das selbstbewusste Bekennen und Leben des Glaubens an den und mit dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn.

Oder, wie es im 1. Petrusbrief (3, 15) heißt: „Haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt…“

Nach Auskunft des 11. Kapitels der Apostelgeschichte (Vers 26) wurden die „Anhänger des neuen Weges“, wie die frühen Christen ursprünglich hießen, in Antiochia erstmals „Christen“ genannt. Der Begriff bezog sich auf den Erlöser und Heiland Jesus Christus als den Weg (vgl. Joh 14, 6) der Nachfolge derer, die zu ihm gehörten und durch ihn verwandelt wurden. Und „nur von Verwandelten können Verwandlungen ausgehen“, wie der Philosoph Sören Kierkegaard zu Recht feststellt.

Angesichts all dessen hat der heute beginnende 18. Kongress „Freude am Glauben“ das richtige und notwendige Motto gefunden: „Selbstbewusst mit Christus“.

Kreuz ist Bekenntnis- und Erkennungszeichen

Liebe Schwestern und Brüder vom Forum Deutscher Katholiken!
In der Glaubensüberlieferung hat sich ein Bekenntnis- und Erkennungszeichen herausgebildet, das zum geradezu körperlichen Identitätsmarker dieses „neuen Weges“ der Christen geworden ist: das Kreuz. Und mit ihm das Sich-Bekreuzigen unter dem Segen Gottes. Wo aber bekreuzigen sich in unserem Umfeld noch katholische Christinnen und Christen außerhalb des „geschützten“ Kirchenraums in der Öffentlichkeit, mitten im Leben?

Faktisch überwältigt sie fast überall die Scham, sich zum eigenen Glauben und Hoffen zu bekennen, unbewusst verbunden mit der elenden Furcht, gegenüber Nichtglaubenden aufdringlich zu wirken. Gleichzeitig entblößen sich die Menschen sonst massenhaft öffentlich, geben Intimstes etwa über Facebook preis, ohne sich zu schämen.

Fragen wir im Sinne einer Gewissenserforschung weiter: Wo hängen in den Wohnungen noch Kreuze? Wo verehren wir Kreuze als stumme sprechende Zeugen unserer Glaubensgeschichte über so viele Generationen? Menschen haben jahrhundertelang angesichts von Leid, Sünde und Tod die Sehnsucht nicht aufgegeben, einmal in das österliche Licht einzugehen - mit dem gekreuzigten Auferstandenen.

Es ist schlimm feststellen zu müssen, dass die eigentliche „Kreuzabnahme“ weniger in Schulen und Gerichtssälen als vielmehr in den eigenen vier Wänden und in den Herzen geschieht. Kreuze aber aus politischen Gründen eines faulen Kompromisses wegen abzulegen, ist ganz und gar verantwortungslos. Mit solchem Gebaren schwindet das zentrale Heils- und Siegeszeichen, vor dem wir atmen, glauben und hoffen können, mehr und mehr aus dem Bewusstsein.

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Ich möchte in diesem Kontext zwei persönliche Erfahrungen zur Sprache bringen:

Während meines letzten Sommerurlaubs im Oberallgäu nahm ich Anteil an der Empörung der Menschen dort, weil man immer wieder Gipfelkreuze schändete. Einige Kreuze wurden komplett gefällt, andere so beschädigt, dass sie abgenommen werden mussten. Die Täter sind bis zum heutigen Tag unbekannt, bezüglich des Motivs geht die Polizei von „religiösem Hass aggressiver Atheisten“ aus.

Nicht nur radikale Islamisten bekämpfen Kreuze

Der Bischof von Rottenburg-Stuttgart erzählte vor einigen Wochen in einer kleinen Bischofsrunde, die Fluglinie „Turkish Airlines“ habe sich geweigert, ein Kreuz für eine Kirche in Stuttgart zu transportieren.
Also nicht nur radikal-islamische Zeitgenossen bekämpfen Kreuze.

Warum, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, wird das Zeichen der Erlösung für uns Christen so oft besudelt oder lächerlich gemacht?

Ein ganz besonderes Bild habe ich da vor Augen: Eine Wandkritzelei aus dem 3. Jahrhundert nach Christus zeigt einen eselsköpfigen Gekreuzigten, den ein unbekannter Alexamenos als seinen Gott verehrt. Darunter die griechische Inschrift „Alexamenos sebete theon“ (= „Alexamenos betet seinen Gott an“). Vermutlich verspotteten römische Legionäre einen Christen wegen seines Glaubens. Es ist die älteste Darstellung Jesu Christi als des Gekreuzigten, gleichzeitig eine bewusste Blasphemie. Sie bestätigt den Satz des Apostels Paulus, der Inhalt seiner Botschaft, „der gekreuzigte Christus“, sei „für die Heiden eine Torheit“ (vgl. 1 Kor 1, 18-25).

Dies entspricht den frühesten Urteilen über den neuen Glauben. So klagte der Philosoph und Märtyrer Justin, man betrachte die Verbindung des Gekreuzigten mit Gott schlicht als „Wahnsinn“. Und für den Christenfeind Celsus war der schändliche Tod Jesu der Beweis dafür, dass er nicht Gottes Sohn sein könne, denn Gott sei leidensunfähig.

Jesu Hinrichtung hat die Welt wie kein anderer Tod bewegt und verändert

Die Hinrichtung Jesu vor den Mauern Jerusalems am Passah-Fest des Jahres 30 hat die Welt wie kein anderer gewaltsamer Tod bewegt und grundsätzlich verändert.

In Jesu Kreuzestod erfüllt sich die alttestamentliche Verheißung vom leidenden Gottesknecht, der durch seine Lebenshingabe stellvertretend Vergebung der Schuld und Heil erwirkt. Es war eine befremdliche Botschaft, die von Anfang an die Hörer spaltete, aber das Leben so vieler Menschen ganz tief veränderte.
Die Boten des gekreuzigten Messias trugen neue, befreiende Kunde hinaus ins römische Reich.

Paulus, der erste christliche Theologe, weiß sich wenige Jahre später „zu allen Völkern“ gesandt. Sein Evangelium hatte als Herzstück die Botschaft von Gottes Kommen zu den Menschen, ja seine wirkliche Menschwerdung in Jesus Christus, wie es der früheste christliche Hymnus beschreibt: „Er entäußerte sich und nahm Knechtsgestalt an, …er erniedrigte sich selbst, wurde gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz“ (Phil 2, 7f).

Dieses Herzstück der neuen Botschaft fand seinen Niederschlag als Mittelpunkt des alle Christen verbindenden Apostolischen Glaubensbekenntnisses und ist bis heute das stärkste ökumenische Band für die gespaltene Christenheit: „…der gelitten hat unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, …am dritten Tage auferstanden von den Toten…“.

Christentum hält Blick in die Wirklichkeit am ehrlichsten aus

Die Kniebeuge vor dem Kreuz ist je ein Sich-Hineinknien in die Wirklichkeit einer gespaltenen und aus vielen Wunden blutenden Welt. Und es gibt keine andere Religion, die so ehrlich den Blick in die Wirklichkeit aushält, wie das Christentum. Darum ist es so einmalig wie sein Gründer, der Gekreuzigte und Auferstandene, einmalig ist, überhaupt nicht auf eine Stufe zu stellen etwa mit Mohammed, Buddha oder Konfuzius.

Das müssen wir uns immer wieder klarmachen in einer Zeit, die unseres christlichen Profils wesentlich bedarf, weil sie sich in Indifferenz und Gleichgültigkeit aufzulösen scheint. Und in einer Umwelt, die den religiösen Sinngehalt der Heilszeichen in den Hintergrund schiebt und dafür ihre Funktion als gesellschaftliche Identitätsmarker hervorzuheben versucht.

Als selbstbewusste Zeugen Jesu Botschaft auftreten

Christliches Selbstbewusstsein als Bedingung solchen Profils ist entscheidend in einem Hymnus der Karwoche zusammengefasst: „O crux ave - Spes unica“. So ist es: Das Kreuz ist unsere einzige Hoffnung, dass wir durch unsere eigenen Kreuze hindurch zum Ostermorgen und zur Auferstehung gelangen.

Liebe Schwestern und Brüder im Forum Deutscher Katholiken!
Unserem Kongress 2018 wünsche ich Gottes Segen und einen neuen Schritt auf dem Weg zu Jesus Christus, der uns versprochen hat: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28, 20).

Ich bin sehr dankbar für die Sammlungsbewegung des „Forums Deutscher Katholiken“, in der sich glaubenstreue Frauen und Männer aus verschiedenen Generationen zusammengeschlossen haben. Bitte gehen Sie Ihren Weg als selbstbewusste Zeuginnen und Zeugen der Botschaft Jesu Christi weiter, wissend, dass es der beste ist und der einzige, dem Zukunft verheißen wurde. Leben Sie weiter den Mut zu Identität und zum klaren Bekenntnis! Amen.

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