ABC des katholischen Glaubens

Gott hat kein Gefallen am Blut

Papst Benedikt in Regensburg und die Vorlesung, die für Aufregung sorgte. Ihre Botschaft war aber klar: Nicht gemäß der Vernunft zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider.
Rede von Papst Benedikt XVI.
Foto: Matthias Schrader (dpa) | Papst Benedikt XVI. hielt an der Uni Regensburg eine beachtenswerte Vorlesung, die leider nur zu gerne missverstanden wurde.

Wenn sich Benedikt XVI. um eines keine Sorgen machen muss, dann darum, in Vergessenheit zu geraten. Angefangen bei der legendären Schlagzeile „Wir sind Papst!“ aus dem Jahre 2005, die uns die Wahl des ersten deutschen Papstes seit knapp 500 Jahren verkündete, bis zu seinem Rücktritt im Jahre 2013, den es in dieser Form seit über 700 Jahren nicht mehr gegeben hatte, war es ein Ausnahmepontifikat. Inhaltlich wird, zumindest im deutschsprachigen Raum, vielleicht am meisten seine 2006 an der Universität Regensburg gehaltene Rede in Erinnerung bleiben, wenngleich bedauerlicherweise nicht wegen ihrer durchaus bemerkenswerten Botschaft, sondern wegen einer bewusst verzerrten Darstellung derselben.

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Kaiser Manuel II.

Benedikt erinnert in seinem Vortrag an ein Gespräch aus dem Jahre 1391 zwischen dem byzantinischen Kaiser Manuel II. und einem (anonymen) persischen Gelehrten über den Zusammenhang von Glaube und Vernunft. Kurz nach der Einführung folgte die mittlerweile berüchtigte Passage: „Ohne sich auf Einzelheiten wie die unterschiedliche Behandlung von ,Schriftbesitzern‘ und ,Ungläubigen‘ einzulassen, wendet er [der Kaiser] sich in erstaunlich schroffer, uns überraschend schroffer Form ganz einfach mit der zentralen Frage nach dem Verhältnis von Religion und Gewalt überhaupt an seinen Gesprächspartner. Er sagt: ,Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, dass er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.‘“

Disclaimer in der Fußnote

Die heutige Fassung des Vortrags ist leicht abgewandelt und um eine Fußnote ergänzt, in der Benedikt erklärt: „Dieses Zitat ist in der muslimischen Welt leider als Ausdruck meiner eigenen Position aufgefasst worden und hat so begreiflicherweise Empörung hervorgerufen.“

Versteht man das angegebene Zitat als Position Benedikts, so ist die Empörung begreiflich.  Unbegreiflich ist hingegen, wie man dieses Zitat so verstehen konnte,da nichts, aber auch gar nichts darauf hindeutet, weder in der Hinführung auf das Zitat, noch in seiner Fortführung, die wie folgt lautet: „Der Kaiser begründet, nachdem er so zugeschlagen hat, dann eingehend, warum Glaubensverbreitung durch Gewalt widersinnig ist.

Kein Gefallen

Sie steht im Widerspruch zum Wesen Gottes und zum Wesen der Seele. ,Gott hat kein Gefallen am Blut‘, sagt er, ,und nicht vernunftgemäß, nicht ,sìn lógo‘ zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider. Der Glaube ist Frucht der Seele, nicht des Körpers. Wer also jemanden zum Glauben führen will, braucht die Fähigkeit zur guten Rede und ein rechtes Denken, nicht aber Gewalt und Drohung‘ […] Der entscheidende Satz in dieser Argumentation gegen Bekehrung durch Gewalt lautet: Nicht vernunftgemäß handeln ist dem Wesen Gottes zuwider.“

Kategorien der Vernunft

Der Papst benennt also selbst unmissverständlich jenen Gedanken des Kaisers, dem er tatsächlich zustimmt und auf den er in seiner Rede hinaus will. Nicht nur für den Kaiser als einen „in griechischer Philosophie aufgewachsenen Byzantiner“ ist diese Aussage evident, sie muss es vielmehr für jeden Christen sein. Die Verbindung des Evangeliums mit dem griechischen Geist stellt keine, wie oft behauptet, wesensfremde Veränderung desselben dar, vielmehr trägt es „in sich selber die Berührung mit dem griechischen Geist“ und bezeugt somit einen Gott, der an die Vernunft gebunden ist und sich auch in Kategorien der Vernunft offenbart. Dass es in unserer Kultur um den Gebrauch der Vernunft nicht zum Besten steht, wusste Benedikt – die Reaktion auf seine Rede gab ihm Recht.

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