Feuilleton

Warnen oder verharmlosen?

Mit der neuen Streitschrift von Thilo Sarrazin rückt das Thema Islam wieder in den Fokus des Diskurses. Was ist dazu aus dem Raum der Kirche zu erwarten? Eine fundierte Kritik täte Not. Ein Debattenbeitrag. Von Felix Dirsch
Vor dem Hadsch in Saudi Arabien
Foto: Foto: | Was soll man als Katholik vom Islam halten? Vergleicht man frühe theologische Traktate mit neuen Stellungnahmen, fallen die Unterschiede auf. In Mekka aber geht alles den gewohnten Gang.dpa

Für Herbst sind neue Debatten über den Islam angesagt. Sie werden wohl angeheizt von der Streitschrift Thilos Sarrazins, die vor wenigen Tagen unter dem Titel „Feindliche Übernahme“ im FinanzBuch-Verlag erschienen ist. Der Autor wird zur Richtung säkular-liberaler Islam-Kritiker gezählt, zu denen Tilmann Nagel, Henryk M. Broder, Alice Schwarzer und Samuel Schirmbeck zählen. Die Dresdner „Pegisten“, das Fußvolk, sind in der Regel scharf kirchendistanziert. Eine andere Strömung der Islam-Kritik umfasst Intellektuelle, die selbst islamischer Herkunft sind: Seyran Ateº, Necla Kelek, Hamed Abdel-Samad, Boualem Sansal, Imad Karim und andere.

Die altehrwürdige katholische Islam-Kritik ist im Gegensatz dazu bis auf Restbestände verschwunden. Der Heilige Thomas von Aquin setzte sich in der „Summa contra gentiles“ mit den „Muselmanen“ auseinander. Papst Pius II. trommelte zum Kreuzzug gegen die „Sekte“ Mohammeds und beauftragte den Theologen Juan de Torquemada mit der Abfassung eines antiislamischen Traktats. Lange Zeit überwogen Gegensätze. Der Philosoph Robert Spaemann schreibt im zweiten Band der „Meditationen eines Christen“: „In diese Geschichte gehört der tausendjährige Abwehrkampf der christlichen Zivilisation gegen den islamischen Imperialismus, die Erzählung von Karl Martell und der Schlacht von Tours und Poitiers, vom Sieg der Christen in der Seeschlacht von Lepanto mit Don Juan d'Austria, begleitet vom Rosenkranzgebet der ganzen Christenheit. Schließlich die Rettung Wiens durch den Prinzen Eugen und den König von Polen. Und so geht es weiter […].“ Versöhnlich zeigte sich dagegen das Zweite Vatikanum, das den Muslimen mit Hochachtung begegnete. Als Ereignis mit beträchtlichen symbolischen Wirkungen kann die Regensburger Rede Papst Benedikts XVI. 2006 gelten. Das Kirchenoberhaupt zitierte den byzantinischen Herrscher Manuel II., der Gewalttaten der Anhänger Muhammads beklagt hatte.

Gegenwärtig wiegeln Episkopat und katholische Publizistik zumeist ab, wenn der Islam im Kreuzfeuer der Kritik steht. Ihre Rechtfertigung findet diese konsensorientierte Haltung in Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils und im Treffen von Assisi im Jahre 1986. Vor diesem Hintergrund ist es kaum verwunderlich, dass bisher fast nur Katholiken ohne kirchlichen Auftrag mit dezidierter Islamkritik hervorgetreten sind: Auswahlweise sind (bei allen Meinungsverschiedenheiten im Detail) Heinz-Lothar Barth, Norbert Clasen, David Berger und Karl-Heinz Ohlig anzuführen.

Immerhin wagte es jüngst der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, aus der episkopalen Korrektheit auszubrechen. Ihn beschlichen Zweifel an der Integrationsfähigkeit des Islam. Kürzlich bezeichnete er diese Religion als postchristliche Erscheinung. Islamisierung komme durch Asylgewährung und Fruchtbarkeit zustande! Er nahm die in Schutz, die sich um die Zukunft der christlich-abendländischen Kultur sorgten. Der frühere Theologieprofessor verwies darauf, dass der Verlust eigener Glaubenssubstanz den Blick auf drohende Gefahren verstelle. Kurienkardinal Robert Sarah teilt diese Sicht: „Europa ist ohne Identität, Tradition und Kultur dem Untergang geweiht.“ Darüber hinaus hat Voderholzer in Papst Franziskus einen prominenten Verbündeten gefunden, der verlautbaren ließ: „Müssen Flüchtlinge aufhalten, wenn Zahlen untragbar werden.“ Jedoch gibt es vom amtierenden Pontifex auch andere Stellungnahmen.

Gesellschaftliche Offenheit mutiert zum zentralen Wert

Deutlicher noch sind Äußerungen des Weihbischofes von Astana (Kasachstan), Athanasius Schneider. Der Regularkanoniker vom Heiligen Kreuz konstatierte einen von internationalen Mächten geplanten Bevölkerungsaustausch. Kritiker sprechen diesbezüglich von sinistren Verschwörungstheorien. In der Tat sind die Dimensionen dieses Projekts nur umrisshaft wahrzunehmen. Deshalb muss die These freilich nicht aus der Luft gegriffen sein. Zu ihrem Beleg können sogenannte „Resettlement“- und „Relocation“-Programme der Vereinten Nationen angeführt werden, die bei deutschen Eliten weithin auf Zustimmung stoßen. Der Politologe Sascha Mounk zeigte sich in einem TV-Interview fasziniert vom Experiment, monoethnische Populationen in multiethnische zu verwandeln. Schneider dagegen sieht von diesen Umsiedlungsaktionen nicht nur die nationale, sondern auch die christliche Identität berührt. Sie bringen in der Praxis stets eine Erhöhung des muslimisch-arabischen Bevölkerungsanteils mit einem deutlichen Männerüberschuss mit sich. Der russlanddeutsche Kleriker kennt die schönfärberische Kulisse ostentativ vorgetragener Menschenliebe, die traditionell als Feigenblatt vieler Freimaurerdiskurse dient. Ebenso wie dem Philosophen Alexander Grau ist ihm nicht entgangen, dass die Verweltlichung vieler Glaubensvertreter den grassierenden Hypermoralismus hoffähig macht, weswegen gesellschaftliche Offenheit immer häufiger zum zentralen Wert mutiert.

Schneider steht außerhalb Deutschlands nicht allein. So fand der ungarische Bischof Laszlo Kiss-Rigo scharfe Worte für die Absicht, noch mehr Flüchtlinge aufzunehmen. Der Papst kenne die Situation nicht, erklärte der Bischof laut Washington Post. „Das sind keine Flüchtlinge, das ist eine Invasion“, so Kiss-Rigo vor einiger Zeit. Die zumeist muslimischen Invasoren gefährdeten die „christlichen universellen Werte“ Europas.

Schneiders Worte über bevölkerungspolitische Umstrukturierungen sind insofern bemerkenswert, da sie bisher nur aus dem Munde erklärter Atheisten stammten: Der französische Schriftsteller Renaud Camus, bekennender Homosexueller, und der Krawallautor Akif Pirinçci polterten bisher rabaukenhaft von der „Umvolkung“. Neurechte betätigen sich oft als Multiplikatoren derartiger Polemik. Dadurch erhalten entsprechende Debatten den Anschein des Unseriösen.

Es führte hier zu weit, die These vom Bevölkerungsaustausch eingehend zu prüfen. Nur so viel: Durch die ungebremste Zuwanderung ist der muslimische Anteil besonders in der Altersgruppe der Zwanzig- bis Fünfunddreißigjährigen hoch. Hier ist der Identitätswandel besonders auffallend. Kulturbrüche kündigen sich bereits an. Das Geschlechterverhältnis ändert sich – und nicht nur in quantitativer Hinsicht. So machen sich Veränderungen im Speiseplan von Schulen ebenso bemerkbar wie das Vordringen der Scharia-Polizei und die Veränderung von Beerdigungsbestimmungen. Arabische Clans beherrschen No-Go-Areas in vielen Großstädten. Michael Berlachs Studie „Deutschland im Jahr 2030“ gibt Einblicke in mögliche wie bereits reale Veränderungen. Der Einwand, viele Zuwanderer werden nach einer bestimmten Zeit naturalisiert, dürfte weithin statistischen Wert besitzen. Bei den meisten wird es nach gesicherten Erfahrungen nicht gelingen, aus ihnen „Autochthone“ zu machen. Auch der triviale Einwand, das Abendland habe sich immer gewandelt, ist kaum aussagekräftig, kommt es doch auf den Inhalt solcher Prozesse an, ansonsten müsste man auch den Einbruch des Totalitarismus als Gewinn verbuchen.

Unterhalb der kirchlichen Leitungsebene wird öfters auf Gefahren verwiesen. Die syrisch-orthodoxe Ordensschwester Hatune Dogan, Leiterin der Hilfsorganisation Helfende Hände, hat wortgewaltig auf die Folgen der Islamisierung für ein gedeihliches Zusammenleben hingewiesen. Erzbischof Flavien Joseph Melki von Beirut ist angesichts des Geburtendefizits in Deutschland und angesichts des Einflusses arabischer Geldmagnaten über hiesige islamische Machtstrukturen besorgt. Der Sozialethiker Wolfgang Ockenfels macht auf die „jugendgefährdenden“ Stellen im Koran aufmerksam; darüber hinaus warnt er davor, vor den Gefahren der Masseneinwanderung die Augen zu verschließen.

Allerdings dominieren im Moment noch die Verharmloser. Der verdiente Altabt von St. Ottilien, Notker Wolf, beteiligt sich in seiner Schrift „Schluss mit der Angst“ am beliebten Populismus-Bashing. Der Benediktiner suggeriert, dass die verbreitete Furcht keine realen Grundlagen besitze. Alles nur postfaktische Erregungszustände! Wirklich? In ganz Europa haben Gewalttaten mit islamischem Hintergrund Spuren hinterlassen. Das Jahr 2016 begann mit den sexuellen Massenbelästigungen in Köln und anderen Städten, die fast alle von (im islamischen Kulturbereich sozialisierten) Männern begangen wurden, und endete mit der Amokfahrt auf einem Berliner Weihnachtsmarkt. Mittlerweile sind weitere Orte des Schreckens in aller Mund.

Verwies man auf die symbolträchtige Tat eines IS-Sympathisanten, der den betagten Priester Jacques Hamel in Saint-Étienne-du-Rouvray 2016 am Altar ermordet hatte, so konnte man alle möglichen Ausflüchte hören. Auch Getaufte, so die Entschuldigung von Papst Franziskus, hätten ähnliche Verbrechen begangen. Diese werden aber nicht, so ist zu kontern, von amtskirchlicher Seite applaudiert. Anders der Hintergrund des Hamel-Mörders. Für ihn und seine Umgebung ist der Dschihad zentraler Bestandteil ihres Credos.

Wenig hilfreich ist das an sich richtige Argument, auch christliche und biblische Traditionen offenbarten Schattenseiten. Hexenverfolgung und Kreuzzüge zählen dazu, ebenso einige gewaltverherrlichende Stellen aus dem Alten Testament. Nun hat sich die Verfassung des Christentums seit der Aufklärung rapide gewandelt. Im islamischen Kontext haben die strengen Vertreter der Scharia in der Moderne hingegen nicht an Einfluss verloren, im Gegenteil. Auf kriegerische Stellen der Bibel pflegen sich selbst sinistre christliche oder jüdische Fundamentalisten nicht zu berufen. Auf dem Feld der Koran-Exegese sieht es anders aus. Die letzte Steinigung einer Hexe in Europa liegt lange zurück, in manchen islamischen Regionen aber erst kurze Zeit. Unterwerfungsgesten der Christen gibt es genug. Kürzlich twitterte das Bistum Osnabrück folgende Tagesbotschaft: „Der Mensch hat Begleiter unmittelbar vor oder hinter sich, die ihn behüten im Auftrage Gottes. Mohammed“. Es ist längst Zeit für eine fundierte katholische Islamkritik!

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