Vatikanstadt

„Die Welt hat sich für Kain entschieden“

Papst Franziskus kann Waffenkäufe durch Regierungen verstehen, aber nicht rechtfertigen – Der Teufel ist am Werk.
Karfreitagsprozession - Italien
Foto: Evandro Inetti (ZUMA Press Wire) | Papst Franziskus hat am Karfreitag seinen tiefen Schmerz darüber ausgedrückt, dass sich die Welt in den Fängen des Krieges befindet und bezeichnete den Krieg als "teuflisches Schema".

In einem Fernsehinterview hat Papst Franziskus seinen tiefen Schmerz darüber ausgedrückt, dass sich die Welt in den Fängen des Krieges befindet – und selber daran nicht unschuldig ist. In der Sendung „A Sua Immagine“ (Nach seinem Abbild) des Senders RAI 3 sagte er am Karfreitag auf die Frage der Journalistin Lorena Bianchetti, was der Menschheit gerade passiere, dass Europa hart von einem Krieg betroffen werde. „Aber wir müssen den Blick nur etwas weiter in die Ferne schweifen lassen: Die Welt ist im Krieg!“, fügte der Papst an. „Syrien, Jemen – und denken wir an die Rohingya, die vertrieben wurden, die keine Heimat haben. Überall ist Krieg. Der Völkermord in Ruanda vor 25 Jahren. Denn auch wenn es noch so schwer fällt, das zu sagen: die Welt hat sich fur das Schema Kains entschieden – und Krieg bedeutet, dass man den Kainismus in die Tat umsetzt, also seine eigenen Geschwister tötet.“

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Die Sprache des Friedens vergessen

Der Papst hatte in Italien für Aufsehen gesorgt, als er kurz vor der Weihe Russlands und der Ukraine an das Unbefleckte Herz Mariens vor einem italienischen Frauenverband gesagt hatte, dass er sich für die Regierungen schäme, die angesichts der aktuellen Lage Programme der Aufrüstung auflegten. Jetzt meinte er gegenüber der Journalistin zu der Beschaffung von Waffen: „Ich verstehe die Regierenden, die Waffen kaufen, ich verstehe sie. Ich rechtfertige sie nicht, aber ich verstehe sie. Weil wir uns verteidigen müssen, weil das das Kain-Schema des Krieges ist. Wenn es sich um ein Schema des Friedens handeln wurde, wäre das nicht notwendig. Aber wir leben nach diesem teuflischen Schema, das besagt, dass wir uns gegenseitig töten sollen – um der Macht willen, um der Sicherheit willen und um vieler Dinge willen.“

Wieder lenkte Franziskus die Aufmerksamkeit auf „die verborgenen Kriege, die niemand sieht, die sich weit weg von uns abspielen“. Es seien viele. „Warum? Um andere auszubeuten? Wir haben die Sprache des Friedens vergessen: Wir haben sie vergessen. Wir sprechen über den Frieden. Die Vereinten Nationen haben alles getan, aber ohne Erfolg. Ich kehre zum Kalvarienberg zurück. Dort hat Jesus alles getan. Er versuchte mit Mitleid, mit Wohlwollen, die Machthaber zu überzeugen – und stattdessen, nein: Krieg, Krieg, Krieg gegen ihn! Der Sanftmut setzen sie den Krieg für die Sicherheit entgegen. ,Es ist besser, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt’, sagt der Hohepriester, denn die Römer werden kommen. Und der Krieg.“

„Der Teufel, eine Realität, kein Mythos"

Deutlich sprach Franziskus die Existenz des Teufels an. Das Diabolische fasziniere oft mehr als das Gute, meinte die Interviewerin und der Papst entgegnete: „Ja, das stimmt: Das Böse ist verführerischer. Und um auf den Teufel zurückzukommen: Manche sagen, dass ich zu viel über den Teufel rede. Aber das ist eine Realität. Ich glaube daran, ja! Einige sagen: ,Nein, das ist ein Mythos’. Ich halte nichts vom Mythos, ich halte mich an die Realität, ich glaube daran. Aber der Teufel ist ein Verführer. Und die Verführung versucht immer, einen Weg zu finden, sich bei uns einzuschleichen, uns etwas zu versprechen. Wenn Sünden hässlich wären, wenn sie nicht etwas Schönes hätten, wurde niemand sündigen. Der Teufel zeigt dir in der Sünde etwas Schönes, und er verfuhrt dich zur Sünde. Zum Beispiel jene, die Krieg fuhren; jene, die das Leben anderer zerstören; die Menschen bei der Arbeit ausbeuten.“  DT/gho

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