Terrorismus

New York: Wie die Josefskapelle den 11. September überstand

Wie die Josefskapelle den 11. September überstand – Ein Besuch am Gedenkort der katholischen Kirche auf dem Ground Zero.
Heilige
Foto: M. Benini | Von links: Der Erzengel Michael, Florian, Josef und Maria Magdalena verkörpern die Fähigkeit, Dramen mit Gottes Hilfe zu bewältigen.

Am 11. September jähren sich die Terrorangriffe auf das World Trade Center in New York zum 20. Mal. Wo einst die beiden Zwillingstürme in die Höhe ragten, sind nun zwei Hohlräume mit den Namen der knapp 3 000 Opfer zu sehen, an denen Wasser in die Tiefe fließt. Unweit davon befindet sich das katholische Memorial, die Kirche St. Peter. Beim Angriff hatte ein Teil des Fahrwerks des ersten Flugzeugs ein Loch von etwa einem Meter Durchmesser in das Dach gerissen.

Lesen Sie auch:

Nicht aufgeben

Kevin Madigan, Pfarrer in St. Peter von 1989 bis 2012, erinnert sich: „Ich rannte sofort auf die Straße, weil ich dachte, dass ich vielleicht den Verwundeten und Sterbenden die Krankensalbung spenden müsste.“ Doch er sah nur eine Menschenmenge, die auf das Feuer im Nordturm blickte. Als das zweite Flugzeug in den Südturm raste, liefen alle auseinander. „Ich kehrte in die Kirche zurück, um mich zu vergewissern, dass die Pfarreimitarbeiter in Sicherheit waren, und um ihnen zu sagen, dass sie das Gebiet sofort verlassen sollten.“

Auf den Stufen der Kirche weinte ein Mann, dessen Bruder im 77. Stock arbeitete. „Nicht wissend, was ich sagen sollte, ermutigte ich ihn, nicht die Hoffnung aufzugeben. Und wahrscheinlich hat sich diese Hoffnung bewahrheitet, denn über 98 Prozent der Menschen, die in den Stockwerken unterhalb der Einschlagstelle arbeiteten, konnten sich in Sicherheit bringen.“ Pfarrer Madigan war gerade auf dem Weg zu einer Erste-Hilfe-Einrichtung, wo er Verletzte vermutete – da stürzte der erste Tower ein; er konnte sich in eine U-Bahn-Station, die sich schnell mit Staub füllte, retten.

Kapelle als Einsatzzentrale

Die zur Pfarrei gehörende St. Joseph Chapel im Erdgeschoß eines zehnstöckigen Apartmentbuilding, noch etwas näher zu Ground Zero, wurde tags darauf auf staatliche Anordnung zu einer Kommandostation für Einsatzkräfte. Die Gottesdienstgemeinde wechselte für ein Jahr in eine Turnhalle. Für den Mesner Jim O´Conner spiegelte das Fehlen der Kapelle auch die Situation der Menschen, die in Lower Manhattan arbeiteten: „Alles wurde weggenommen, aber wir sind als Kirche trotzdem zusammengeblieben.“ Zwei regelmäßige Kirchgänger starben beim Angriff.

Der Schock über die Tragödie saß tief, doch die Frage, warum Gott das zuließ, berichten Pfarrer und Mesner gleichermaßen, spielte keine vorrangige Rolle in der Pfarrei. Dagegen erzählen sie von der großen Solidarität, die man nach den Angriffen erlebt hatte. In der Pfarrei ging es darum, die christliche Hoffnung nach der Katastrophe zu betonen. St. Joseph wurde in diesem Sinn von bedeutenden Künstlern neu ausgestaltet. Johannes 12, 24 diente als Leitwort: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es reiche Frucht.“ Die Kapelle sollte nicht nur die Toten und Helfer in ehrender Erinnerung halten, „sondern auch die Kraft der Gnade Gottes bezeugen, Gutes aus dem Bösen hervorzubringen, Liebe aus dem Hass, Leben aus dem Tod“, so Pfarrer Madigan.

Mehr als menschliches Leid

Das Vortragekreuz etwa stellt den Sieg über den Tod dar: Nicht der leidende oder tote Christus hängt am Kreuz, sondern der Auferstandene triumphiert in goldenem Gewand. Das Kreuz inkorporiert ein kleineres Kreuz, das von einem der Tragebalken des World Trade Centers ausgeschnitten wurde. So nimmt es die Tragödie buchstäblich in das Kreuzesgeschehen Christi hinein und verweist darauf, alles menschliche Leid mit Christus am Kreuz zu verbinden und mit ihm zu tragen.

Jim O'onner, der den pfarrlichen Religionsunterricht viele Jahre in einem Teil der Kapelle abhielt – in staatlichen Schulen gibt es in den USA keinen Religionsunterricht –, hebt vor allem die Hoffnung hervor, die in den vier fast lebensgroßen Heiligenfiguren ausgedrückt wird. Der heilige Florian, Patron der Feuerwehrleute, personifiziert die Männer und Frauen, die am Tag des Angriffs mutig in die Zwillingstürme liefen, um möglichst viele Leben zu retten und dabei das eigene hingaben. Er steigt gerade auf eine nicht mehr intakte Leiter, die an die Treppenhäuser und Außentreppen der Tower erinnert. Der Eimer, dessen Henkel sich schon auf einer Seite gelöst hat, zeigt den Einsatz bis zum Ende.

Magdalena drückt Verzweiflung und Hoffnung aus

Besonders die Figur der heiligen Magdalena drückt passend zu Nine Eleven Verzweiflung und Hoffnung aus. Sie ist noch in der Trauer dargestellt, mit zwei Gefäßen voll wohlriechender Salben in den Händen, um den toten Jesus zu salben. Doch ihre Klage um den Verlust des Geliebten führte sie zur Begegnung mit dem Auferstandenen, der sie beim Namen rief und so zu neuem Leben erweckte (Johannes 20, 11–18). So wurde sie zur Apostolin der Apostel, zur ersten, die jene Botschaft verkündete, die bis heute angesichts des Todes Kraft und Hoffnung zu schenken vermag. Ihre Statue soll alle ehren, die einen Dienst für andere ausüben: die Piloten, Flugbegleiter, die Opfer in den vier am 11. September entführten Flugzeugen, und alle Ehrenamtlichen, die in den folgenden Wochen und Monaten zu Ground Zero kamen.

Kreuz aus Stahlträgern

Der heilige Joseph erinnert an alle Arbeiter, die bei den Angriffen ihr Leben ließen oder beim Wiederaufbau beteiligt waren. Der Erzengel Michael ist Patron der Polizisten und zertritt der Schlange Satan den Kopf. Die Figuren sind nun wie andere beweglichen Kunstwerke in St. Peter, weil die Mieten für St. Joseph so stark anstiegen, dass die Kapelle 2018 aufgegeben werden musste. Altar, Ambo und Glasfenster wurden für einen Kirchenneubau in Ghana verschenkt.

Pfarrer Magidon verweist außerdem auf zwei Relikte: Bei den Aufräumarbeiten fand man eine Bibel, die jemand offenbar im Büro hatte und die durch die Hitze mit einem Stahlstück verschmolz. Sie ist auf der Seite der Bergpredigt (Matthäus 5) geöffnet. Wo so viele nach Vergeltung verlangten, liest man noch heute Jesu Aufruf zur Vergebung. Bekannter ist das große Kreuz aus den Stahlträgern des Word Trade Centers, das nach dem Einsturz zutage trat. Einige Zeit war es am Ground Zero, dann vor St. Peter und nun ist es im Ground Zero-Museum aufgestellt. Ein Zeichen der Hoffnung: Es verweist auf die Gegenwart Christi selbst in der Tragödie von 9/11.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Marco Benini Apostel Bibel Debakel Entführungsopfer Hass Jesus Christus Katholische Kirche Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Krankensalbung Memorial Pfarrer und Pastoren Polizistinnen und Polizisten Satan Terroranschläge Terroranschläge am 11. September 2001 Terrorismus

Kirche