Anschlag ohne Ende

9/11 – auch nach 15 Jahren sind die terroristischen Anschläge, denen 3 000 Menschen zum Opfer fielen, unvergessen. Wie konnte es dazu kommen? Welche Folgen haben die Anschläge bis heute? Oder war etwa alles nur ein Schwindel? Ein Blick zurück. Von Klaus Kelle
Einstürzende Türme des World Trade Centers unmittelbar nach dem Terroranschlag
Foto: dpa | Nachwirkender Schock: Die eingestürzten Türme des World Trade Centers unmittelbar nach dem Terroranschlag.

Es gibt Ereignisse, die man niemals vergisst. Bei vielen ist es die eigene Hochzeit, bei wahrscheinlich jedem ist es die Geburt des eigenen Kindes. Andere erleben Schreckliches, einen Unfall, oder sie werden Opfer eines Verbrechens. Eines ist sicher: Kaum ein Mensch auf der Welt wird den 11. September 2001 vergessen, zumindest wenn er einen Fernsehapparat besitzt. Der Angriff von 19 islamistischen Terroristen auf das World Trade Center in New York und das Pentagon nahe Washington DC war eine Zeitenwende, deren Folgen bis heute – 15 Jahre danach – noch nicht einmal absehbar sind. Für jeden von uns.

Alles hängt mit allem zusammen… So lautet ein gebräuchliches Sprichwort in deutschen Landen, das ohne jeden Zweifel wahr ist. Wäre Jajid Qutb, ein Lehrer mittleren Alters aus Ägypten, im November 1948 nicht mit dem Schiff über den Atlantik in die Vereinigten Staaten gereist, hätte es vielleicht die Terroranschläge, die heute 9/11 genannt werden, 53 Jahre später gar nicht gegeben. Oder hätten seine Vorgesetzten in der amerikanischen Bundesbehörde FBI auch nur einmal zugehört, was ihnen ein Abteilungsleiter des New Yorker Büros, ein gewisser John O'Neill, über eine kleine Gruppe islamistischer Fanatiker in den Bergen Afghanistans erzählte, das World Trade Center und das Pentagon könnten heute noch stehen und 3 000 Menschen, die dem mörderischen Terror zum Opfer fielen, würden noch leben.

Die amerikanischen Sicherheitsbehörden hätten die Zeichen der Zeit erkennen können, wenn sie miteinander, statt gegeneinander gearbeitet hätten, nachdem es bereits am 26. Februar 1993 einen Autobomben-Anschlag auf die mächtigen Zwillingstürme in New York gegeben hatte. Sechs Menschen wurden bei diesem ersten islamistischen Terroranschlag in den USA getötet, mehr als 1 000 verletzt. Die Täter wurden gefasst, und die Vereinigten Staaten kehrten zu ihrem Alltag zurück. Ein singuläres Ereignis, so dachten die meisten Amerikaner und wendeten sich wieder dem Geldverdienen, dem Football und ihrem Familien-Barbecue am Wochenende zu. Die Terroranschläge eines islamistischen Netzwerkes, von dem wir heute wissen, dass es schon damals ein Ableger von Osama bin Ladens Organisation „al-Kaida“ war, auf die amerikanischen Botschaften in Daressalam (Tansania) und Nairobi (Kenia) im August 1998 riefen weltweite Empörung hervor. 224 Menschen starben, mehrere Tausend wurden verletzt. Und dann der 12. Oktober 2000, als zwei Sprengstoffattentäter mit einem kleinen Boot das US-Kriegsschiff „Cole“ im Hafen von Aden (Jemen) rammte, es zur Explosion brachten und 17 Matrosen töteten sowie 30 weitere verletzten. Der FBI-Spezialagent John O'Neill reiste mit einer große Gruppe Ermittler nach Jemen, doch zerrieb man sich im Behörden-Gerangel, bei den Zuständigkeiten und persönlichen Animositäten.

Auch zu diesem Zeitpunkt gab es kaum jemanden in Washington, der jemals den Namen bin Laden oder gar den Namen seiner Organisation al-Kaida auch nur einmal gehört hatte. Außer John O'Neill. In seinem Buch „Der Tod wird euch finden“ beschreibt Lawrence Wright, der dafür den Pulitzer-Preis erhielt, ausführlich die Geschichte, wie es zu den Anschlägen im Jahr 2001 kommen konnte, wie sich das latente islamische Unterlegenheitsgefühl gegen den Westen im Allgemeinen, dann aber immer heftiger gegen den „großen Satan USA“ richtete. Und wie ein Beamter namens O'Neill warnte, Vermerke verfasste, seine Vorgesetzten immer wieder mit Telefonaten nervte, die dann nicht durchgestellt wurden. Was konnten ein paar verrückte Fanatiker am Hindukusch denn gegen die atomar hochgerüstete Supermacht Amerika ausrichten? Offenbar eine ganze Menge, wie sich später zeigen sollte. Die Geschichte von John O'Neill hat eine bizarre Wende, die nicht unerwähnt bleiben soll. Am 22. August 2001 quittierte O'Neill, frustriert von der Arroganz seiner Vorgesetzten, den Dienst beim FBI und trat Anfang September seine neue Stelle an: als Sicherheitschef des World Trade Centers. Sein zweiter Arbeitstag war 9/11, er starb in den Trümmern des World Trade Centers durch den großen Terroranschlag, vor dem er selbst jahrelang erfolglos gewarnt hatte. Der US-Fernsehsender PBS widmete O'Neill 2003 eine Dokumentation über sein rastloses Leben mit dem Titel „The man who knew“ (Der Mann, der es wusste).

Hätte man auf ihn gehört, wäre es möglich gewesen, bin Laden zu stoppen. Und wäre Jajid Qutb nicht in die Vereinigten Staaten gereist, hätte er nicht die vielen negativen Erfahrungen gemacht, die ihn zu einem erbitterten Feind Amerikas werden ließ. Voller Hoffnungen und Erwartungen hatte er seine Fahrt an Bord eines Kreuzfahrtschiffes angetreten. Gläubiger Muslim, ja, aber offen für das große Abenteuer Amerika. Wie werde er auf das große Land der Freiheit und des Kapitalismus reagieren? Qutb war offen für ein neues Lebensgefühl. Und er wurde enttäuscht. All die billigen Vergnügungen, die ständigen Ausschweifungen und auch sexuelle Versuchungen bei gleichzeitig oberflächlicher Religionsausübung führten den Gelehrten schnell auf einen Weg der Desillusion. Schon nach einem halben Jahr, so geht es aus seinen Aufzeichnungen hervor, war sein persönlicher Traum von den Vereinigten Staaten geplatzt. Als er nach zwei Jahren die Rückreise nach Ägypten antrat, war er zu einem strengen und wie er sagte „neugeborenen Muslim“ geworden, der alles andere seinem Glauben unterordnete. 1951 trat er der Muslimbruderschaft bei und wurde einer ihrer führenden Denker. Zu den Feinden zählte er nun nicht nur mehr „die Juden“, sondern explizit die Vereinigten Staaten. Bis zu seinem Tod durch den Strang am 29. August 1966 als Strafe für Qutbs aktive Beteiligung an einem Putschversuch der Muslimbrüder gegen Ägyptens Präsident Nasser vertrat der islamistische Vordenker diese Haltung, die ein reicher Saudi namens Osama bin Laden dann aufgriff und weiterentwickelte. Die USA sind der Feind, den man vernichten muss.

Denkt man zurück an den furchtbaren Angriff auf Amerika vor 15 Jahren, dann gibt es viele Aspekte, die Entwicklungen seither zu analysieren. Noch immer gibt es rund um den Erdball Interessengruppen und Medien, die gutes Geld damit verdienen, die Mär von der großen Verschwörung wachzuhalten. Die angeblichen „kontrollierten Sprengungen“, die die mächtigen Türme, das beeindruckendste Symbol der amerikanischen Omnipotenz, zum Einsturz brachten. Die Passagierflugzeuge, die angeblich gar keine Flugzeuge waren, sondern Marschflugkörper. Manche Zeitgenossen meinten in den Bildern von dunklen Rauchschwaden des Infernos aus New York gar Satan höchstpersönlich entdeckt zu haben. Und das berühmt gewordene Gebäude WTC 7, in dem es auch ein CIA-Büro gab? Warum stürzte das 186 Meter hohe Gebäude nach sechs Stunden auch noch ein, wo es doch durch kein Flugzeug getroffen wurde? Viele Menschen trauen den offiziellen Verlautbarungen bis heute nicht. Erst vor wenigen Tagen erschien das Magazin der „European Physical Society“ mit einem Artikel von gleich vier wissenschaftlich ausgebildeten Autoren, die nahelegten, die beiden Türme des World Trade Centers und auch das WTC 7 seien von finsteren Mächten zum Einsturz gebombt worden.

Ja, Verschwörungstheorien sind unterhaltsam, sie versprechen ordentlich Grusel für diejenigen, die sich darauf einlassen. Aber nur wenige (Ermordung John F. Kennedy) haben Potenzial für eine echte Verschwörung. Der Abschlussbericht der Ermittler in Sachen WTC 7 von 2004 stellte klar fest, dass man keinerlei Anhaltspunkte für Bomben, Raketen oder eine kontrollierte Sprengung des Gebäudes gefunden habe. Es sei nahezu unmöglich gewesen, eine für eine derartige Sprengung notwendige Menge Sprengstoff unbemerkt ins Haus zu bringen. Hinweise auf Detonationsgeräusche, wie sie bei der Sprengung eines Hochhauses üblicherweise vorkommen, gab es nicht.

Doch lassen wir uns einmal einen Moment auf das faszinierende Gedankenspiel ein, die US-Regierung, namentlich Präsident George W. Bush und sein nahes Umfeld, steckten selbst hinter 9/11. Warum sollten sie das tun? Die Theorie ist: um einen Krieg gegen den Irak beginnen zu können. Ist das realistisch? Die USA haben viele Kriege geführt, ohne vorher ein paar Tausend eigene Bürger umbringen zu müssen. Würde in einer westlichen Demokratie ein Staatschef aus politischen Gründen Tausende seiner Landsleute umbringen lassen? Auch um die Gefahr, dass es rauskommt und derjenige Präsident zweifellos auf dem elektrischen Stuhl enden würde? Motiv? Nicht überzeugend! Und die Flugzeuge waren ferngesteuert, lesen wir. Von wem? Bush im Oval Office mit einem Joystick? Und in den Flugzeugen waren gar keine Passagiere mehr, heißt es im Internet. Ja, liebe Verschwörungstheoretiker: Wo sind sie denn? Alle umgebracht vom Geheimdienst CIA? Und wer hat dann die CIA-Agenten umgebracht, um das alles unwiederbringlich zu vertuschen? Bush und sein Vize Cheney mit einer Maschinenpistole? Absurd, oder? Fast alle Verschwörungstheorien kann man dadurch ad absurdum führen, dass man selbst nach einer plausiblen These fragt, wer denn dahintersteckt und wie man es organisiert hat – mit möglicherweise hunderten Beteiligten, die aber alle bis heute schweigen. Ein US-Minister sagte einmal, keine geheime Sitzung des Kabinetts könne stattfinden, ohne dass am folgenden Tag darüber in der „Washington Post“ berichtet werde. Mit Zitaten!

Nein, der 11. September 2001 war, was er war. Ein Terroranschlag islamistischer Fanatiker gegen den „großen Satan USA“, erdacht und geplant von Osama bin Laden und al-Kaida. Das ist schlimm genug.

Die Welt hat sich verändert seitdem. NACH 9/11 marschierten USA und NATO in Afghanistan ein, um das Taliban-Regime zu stürzen und die Basis von al-Kaida zu zerschlagen. Beides ist gelungen. Tausende Soldaten der Bundeswehr waren dort im Einsatz, ungefähr 50 ließen ihr Leben. Die Vereinigten Staaten führten auch Krieg gegen den Irak, einen völkerrechtswidrigen Krieg, denn weder die angeblichen Massenvernichtungswaffen Husseins noch der Terror gegen die Vereinigten Staaten waren der wahre Grund für diesen Angriff, der mehr als hunderttausend Menschen das Leben kostete. Die Bush-Administration wollte neben Israel eine demokratische Großmacht Irak installieren, die ein Stabilitätsfaktor im Nahen Osten hätte werden können. Hätte… Nun gibt es den „Islamischen Staat“ (IS), tägliche Massenmorde, Köpfungen, Bombardierungen. Die Großmächte scheinen trotz ihrer HighTech-Flugzeuge machtlos. Und die Vereinigten Staaten von Amerika – ein Treppenwitz der Geschichte – haben den islamistischen Horror-Staat IS erst möglich gemacht. Durch Präsident Obamas übereilten Abzug seiner Truppen aus innenpolitischen Gründen. Wären heute noch 120 000 amerikanische Soldaten im Irak, gäbe es gar keinen IS.

Mit dem 11. September 2001 wurde eine Ära des weltweiten Terrors islamistischer Regime und Organisationen eingeleitet. Das Ziel des sinnlosen Mordens sind nun wir. 130 Tote und 350 Verletzte bei Anschlägen in Paris, Flughafen und U-Bahn in Brüssel als Ziel des Terrors und nun auch Würzburg. Ein Islamist, Flüchtling aus Afghanistan, der in Deutschland freundlich aufgenommen wurde, greift Fahrgäste mit einer Axt in einem Regionalzug an und brüllt „Allahu Akbar!“. Oder der Selbstmordattentäter im beschaulichen fränkischen Städtchen Ansbach, der Gott sei Dank unfähig war, seine Rucksack-Bombe so zu zünden, dass andere Menschen zu Tode kamen. Der islamistische Terror ist heute überall, auf allen Kontinenten außer Australien übrigens. Dort lässt man Flüchtlinge aus islamischen Staaten gar nicht mehr ins Land.

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