Straßburg

Missionskongress in Straßburg: Evangelisieren auf Französisch

Ein Labor kreativer Christen: Beim Missionskongress in Straßburg zeigt sich die katholische Kirche von ihrer besten Seite.
Thema der Woche: Congrès Mission
Foto: Regina Einig | Für ein Wochenende stand Straßburg, Geburtsstadt des heiligen Charles de Foucauld (1858-1916), als eine von neun französischen Städten ganz im Zeichen der Evangelisierung.

Was ist denn hier los?" Der junge Radfahrer stoppt mit einer Vollbremsung am Stand des Missionskongresses vor der Straßburger Kirche Saint-Pierre-le-Jeune und schaut neugierig auf die Freiwilligen am Eingang. "Jésus sauve" - Jesus rettet - steht auf ihren leuchtend orangen Westen. Auf die Auskunft "Das ist ein Missionskongress" antwortet er mit einem ratlosen Blick, als höre er das Wort Mission zum ersten Mal. "Kommt ihr vom Arbeitsamt?" "Nein, wir wollen Jesus Christus bekannt machen".

Für ein Wochenende steht Straßburg, Geburtsstadt des heiligen Charles de Foucauld (1858-1916) als eine von neun französischen Städten ganz im Zeichen der Evangelisierung. Auf den Straßen, in Kirchen, bei Workshops und an Runden Tischen treffen sich 1.500 unternehmungslustige Gläubige aus allen Generationen. Die schier unerschöpfliche Kreativität der Veranstalter zeigt sich vor allem bei den gut 50 Workshops, den Gebetstreffen, einem eigenen Tag für Priester und Ordensleute, dem Tagesprogramm für Schüler und der Straßenmission.

Schon immer für Wirbel gesorgt

Wie der berühmte Satz von Papst Franziskus beim Weltjugendtag in Rio de Janeiro 2013 - "macht Wirbel" - umgesetzt werden kann, vermittelt auf amüsante Weise das Podium in der Kirche Saint-Jean über die Belebung der Pfarreien. Die verbreitete Maxime "das haben wir schon immer gemacht" lasse sich nicht von heute auf morgen über Bord werfen, schon gar nicht in ländlichen Gegenden, in denen die alteingesessene Bevölkerung Beharrungskräfte verkörpere, so der Tenor der Veranstaltung.

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Doch die Erfahrungen der so genannten Wemps, Aktionen, bei denen 30 bis 40 Jugendliche ein Wochenende den Pfarrer einer Dorfpfarrei mit Mission, Gebet und Dienst am Nächsten unterstützen, wirft zumindest ein Schlaglicht auf das, was mit gutem Willen alles möglich ist. "Drei Tage lang konnten wir es uns erlauben, die Pfarrei aufzumischen", erinnert sich Thibault Humann, 26, der seit drei Jahren bei den "Wemps" mitarbeitet. Selbst, wenn vieles bald wieder vergessen ist, bleibt die Hoffnung, dass die ein oder andere Idee früher oder später zündet. Erst ein Perspektivwechsel schafft die Voraussetzungen für eine missionarische Gemeinde.

Pfarrer Fabrice du Hays von der Gemeinschaft Emmanuel möchte die Pfarrei von außen betrachten statt aus der Binnensicht. Wie wirken praktizierende Katholiken auf andere? Um unbequeme Entscheidungen zu treffen, ohne die eingefahrene Gleise nicht überwunden werden können, braucht es einen unerschrockenen Pfarrer, der das Heft in die Hand nimmt. Das ist nicht leicht, denn Hays weiß: "Leiten haben wir im Seminar nicht gelernt." Doch weder künstliche Harmonie noch falsches Schweigen brächten Pfarrer und Gläubige weiter. Und ganz verkehrt sei es, den Bischof als Sündenbock für eine trostlose Pfarrei auszumachen, denn die vier goldenen Regeln für eine Willkommenskultur in der Gemeinde könne man in der Pfarrei selbst umsetzen: eine gepflegte Liturgie, eingängige Musik, eine gute Predigt und ein freundlicher Empfang neuer Gottesdienstbesucher.

Pioniergeist zeigt sich in Migrantenmission

Auch Vincent Breynaert, Studentenseelsorger der Gemeinschaft Chemin Neuf, betrachtet die Fernstehenden als ein wichtiges Qualitätskriterium seelsorglicher Arbeit. Nur 15 Prozent der Studenten in Frankreich bezeichnen sich derzeit als katholisch. Von ihnen praktiziert ein Prozent den Glauben. Ihnen stehen 67 Prozent gegenüber, die sich zu keiner Religion bekennen. Die entscheidende Frage an die Mitglieder der Studentengemeinde laute: "Was müsste geschehen, damit du deine nichtgläubigen Freunde zu uns einlädst?" Praktische Hilfen werden dazu in Hülle und Fülle angeboten. Im Workshop für geistliche Kirchenführungen lernt man, wie Besucher aller Generationen ein Bauwerk wie beispielsweise das Straßburger Münster nicht als Museum, sondern als Gotteshaus erleben. Dieser Ansatz ist auch ökumenekompatibel, denn "Sie ahnen gar nicht, wie die Elsässer Protestanten an ,ihrem  Münster hängen", schmunzelt die Domführerin. Ausgehend von den Sakramenten, den Fenstern oder dem Kirchenjahr sind verschiedene Parcours denkbar, deren Ziel immer die Vermittlung der biblischen Botschaft ist.

Ein Gang über die Ständemeile im Innenhof der Schule "La Providence" im Herzen der Altstadt zeigt viel Pioniergeist. Beispiel Migrantenmission: Die Initiative "Mission Ismerie" begleitet Muslime, die zum Christentum konvertieren und berät Christen über den klugen Umgang mit Familienangehörigen, die zum Islam übergetreten sind. Isabelle Didelin, die stellvertretende Direktorin, setzt dabei auch auf freundliche junge Frauen, die entwaffnend auf ihr Gegenüber wirken. Man stelle gezielte Fragen - nicht um zu provozieren, sondern um den anderen zum Nachdenken über das Wesentliche zu bringen. Vor allem das Gespräch über die Letzten Dinge setze bei Muslimen etwas in Bewegung. Muslime, so Frau Didelin, seien oft von der Großzügigkeit der Christen beeindruckt. Caritas ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten brächte das Eis innerlich zum Schmelzen und bereite dem Bild eines barmherzigen Gottes den Boden. Vor allem die Beobachtung liebender christlicher Familien stelle für viele Muslime ein Kontrastprogramm zum eigenen häuslichen Umfeld dar. So wächst das Interesse am Christentum. Als Gebetsschule haben sich Wallfahrten bewährt. Don Pascal Boulic von der Priestergemeinschaft Saint-Martin beschreibt, wie in der Grotte von Lourdes oft aus spontanen Gesten Gebet wird: bei einer Berührung des Felsens, beim Wasserschöpfen oder Niederknien.

Zusammenwirken von Priestern und Laien

Petra Cador, Mitarbeiterin des Straßburger Offizialats und ehrenamtliche Helferin des Missionskongresses, zeigt sich im Gespräch mit dieser Zeitung angetan vom Zusammenwirken von Priestern und Laien. "Es ist eine lebendige Kirche, die man hier heute trifft", bilanziert die Juristin. Dass dies kein Zufall ist, bestätigt Myriam Odeau, die Organisatorin des Straßburger Kongresses. Die hochgewachsene, energiesprühende Frau spricht bei der Presserunde selbst den springenden Punkt an: "Wir wollen, dass sich die Laien ihrer Stellung in der Kirche bewusst werden, und nicht versuchen, sich an die Stelle der Priester zu setzen. Wir glauben und stehen als Weltchristen in der vorderen Reihe. Mit den Priestern wollen wir zusammenarbeiten".

Thema der Woche Congrès Mission
Foto: Regina Einig | Thomas Kaspar, Gemeindereferent im Bistum Trier.

Wären grenzüberschreitende Effekte des "Congrès Mission" in die Nachbarbistümer gewünscht? Zweifellos. Aus dem Bistum Trier sind mehrere hauptamtliche Mitarbeiter des am 1. September gegründeten neunköpfigen diözesanen missionarischen Teams mit von der Partie. Thomas Kaspar, Gemeindereferent, bewertet die Veranstaltung als hilfreich. "Wir sind in Trier noch ganz am Anfang", erläutert er. Einige Impulse aus den Workshops und Runden Tischen könnten für die Kirche in Deutschland auch umsetzbar sein. Ein Workshop über Straßenmission hat ihn besonders angesprochen. Die Kirche in Frankreich ist seiner Beobachtung nach "schon weiter" als die Kirche in Deutschland, in der noch stark auf den Ist-Zustand geachtet werde. "Die Impulse, die wir hier mitnehmen, sind bemerkenswert", so Kaspar und verweist auf den Workshop: "Was sage ich in zehn Minuten über Jesus Christus?"

Konkrete Botschaften in schnelllebiger Zeit

Seiner Erfahrung nach suchten die Menschen in einer schnelllebigen Zeit konkrete Botschaften. "Wir müssen in Deutschland sprachfähiger und mutiger werden. Was mir hier überall auffällt, ist der Impuls, mutig nach außen zu gehen. Die Botschaft lautet: Ihr müsst ehrlich und authentisch sein und nicht warten, bis die Menschen zu euch kommen."

Seine Kollegin Christiane Herrig ist ebenfalls beeindruckt von der missionarischen "Kirche von unten" in Straßburg. Der Gedanke, dass jemand, der selbst von Gott berührt wird, das Evangelium allein dadurch unter die Menschen bringt ohne sich immer aufs Machen konzentrieren zu müssen, hat sie besonders beeindruckt. "Ich darf auch einmal sprachlos berührt sein", stellt sie im Gespräch mit dieser Zeitung fest und kommentiert ihre Teilnahme am Kongress: "Das war das erste und nicht das letzte Mal."

 

 

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