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Albtraum der Liberalen: Wenn junge Christen die Tradition vorziehen

Junge Christen in den USA fühlen sich zunehmend zu traditionellen Formen der Liturgie hingezogen. Ein Phänomen, das von ihren liberalen Gegnern als „jugendlicher Wahn“ abgetan wird.

Aus Nordkorea geflohene Christin
Junge Christen, hier zwei jungen Koreanerinnen. Foto: Daniel Dal Zennaro (ANSA)

Unter jungen Christen in den Vereinigten Staaten macht sich ein neues Phänomen breit – von den Medien wird es als „weird christianity“ bezeichnet, was so viel bedeutet wie „seltsames, bizarres, eigenartiges“ Christentum. Gemeint ist damit die Vorliebe gerade junger Leute für alte traditionelle Formen der Liturgie. Im katholischen Online-Magazin The Catholic Thing greift John Horvat II, der Vizepräsident der „American Society for the Defense of Tradition, Family and Property“ (Amerikanische Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum) den Essay „Christianity Gets Weird“ von Tara Isabella Burton auf, der in den USA großes Aufsehen erregte. Burton gewährte damit Einblicke in das religiöse Leben ihrer gleichgesinnten Altersgenossen.

Weihrauch statt Klassenkampf

Horvat erläutert in The Catholic Thing zunächst die Schwierigkeiten vieler liberaler Kommentatoren die Anziehungskraft zu deuten, die die Religion, insbesondere in ihren eher traditionellen Formen, auf junge Leute ausübt: „Diese Anziehung sollte es gar nicht geben“. Denn sie widerspreche der Logik liberaler Narrative: „Junge Menschen sollten sich zu revolutionären Narrativen hingezogen fühlen, die Fortschritt und Gleichheit predigen. Die Geschichte, so meinen Liberale, sei eine Abfolge von Machtkämpfen, die den Menschen in Ausbeuter und Ausgebeutete spalten. Junge religiöse Menschen passen nicht in dieses Narrativ, weil sie einen versöhnenden und allliebenden Gott suchen“. Wenn liberale Kommentatoren bei dieser religiösen Anziehung keinen Klassenkampf finden, verfielen sie in eine „Litanei von Angriffen und klagen die jungen Gläubigen des Rassismus, der Frauenfeindlichkeit und der Homophobie an“.

Burton nun, die sich selbst als „traditionelle junge Christin“ bezeichnet, fühle sich von älteren äußeren Formen angezogen. Sie liebe Weihrauch, das Tragen eines Schleiers während der heiligen Messe, gregorianische Gesänge und Sakramentalien. Dennoch finde sie es als postmoderne junge Frau schwer, ihr Hingezogensein zu der mittelalterlichen Pracht und dem „historischen Gepränge“ des Gottesdienstes auf Latein anderen zu erklären.

Sie finden hier eine
authentische Schönheit,
die ihre Seele berührt und erhebt.

Kulturelle Ödnis der Postmoderne

Säkulare Liberale, konstatiert Horvat wiederum, seien bei der Beobachtung dieses Trends ähnlich ratlos wie Burton. Sie versuchten, diese religiöse Anziehung als „jugendlichen Wahn“ abzutun. Sie schieben die Schuld auf eine „oberflächliche und fetischisierte Anhänglichkeit an eine ‚jenseitige Ästhetik‘“, was sie zur Verzweiflung bringe, sodass sie all das, was sie nicht verstehen können, als „weird“ etikettierten.

Doch für Horvat entspringt die Vorliebe der jungen Christen für die Tradition einem anderen Grund: „Diese Millennials spüren die Hohlheit der postmodernen kulturellen Ödnis. Darüber hinaus lehnen sie die Seichtheit der etablierten protestantischen Kirchen ab, die übernatürliche Wahrheiten verwässert haben und das Banale verherrlichen. Sie verabscheuen die öden, hässlichen und brutalen Aspekte des modernen Lebens“. Stattdessen suchten sie nach etwas Realem und Tiefsinnigem: „Ihr Hang zum Mittelalter und dem traditionellen Glauben ist der schlimmste Albtraum eines Liberalen. Was die Liberalen verwirrt, ist nicht nur die Anziehung, die diese jungen Leute gegenüber einem stabilen Christentum gegenüber empfinden, sondern auch deren Absage an antimetaphysische Fundamente der liberalen Ordnung, die durch den politischen und ökonomischen Zusammenbruch in der Corona-Krise nur beschleunigt wurde“.

Ehrfurcht führt zu einer anderen Lebensweise

Es gebe einen Namen für das, „was diese jungen Menschen in traditionellen Gottesdienstformen wie lateinischen Messen, Weihrauch und feierlichen Vespern suchen. Sie finden hier eine authentische Schönheit, die ihre Seele berührt und erhebt. Das abendländische philosophische Denken bezeichnet diese Schönheit als das ‚Sublime‘, das Erhabene“-.

Daher hätten junge Christen recht, wenn sie meinen, „dass die Dinge, die Ehrfurcht hervorrufen, zu einer anderen Lebensweise als derjenigen gehören, die sie in der Welt von heute vorfinden. Sie haben ebenfalls recht mit ihrer Wahrnehmung des unwiederbringlichen Zusammenbruchs der liberalen Ordnung, die ihnen nichts Erhabenes bietet. Es ist nichts ‚Seltsames‘ an ihrer Erkundung einer christlichen Sozialordnung, die den öden individualistischen Alternativen zuwiderläuft, die doch die eigentliche „weirdness“ in der Menschheitsgeschichte darstellen“.

 

DT/ks

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