Würzburg

Die Kirche ist kein Koalitionsausschuss

Der Synodale Weg darf nicht wie Politik funktionieren. Kirchenrechtler Stephan Haering warnt vor einer Dynamik, die Bischöfe unter Druck setzt und dem "Geist der Wahrheit" widerspricht.

Beginn des Synodalen Wegs
Es könne nicht darum gehen, in Verhandlungen eine neue Kirche zu schaffen und eine neue Lehre zu erfinden, sondern Korrektur und Vertiefung sind zu leisten, betonte der Kirchenrechtler Stephan Haering mit Blick auf den beginnenden Synodalen Weg. Foto: Nicolas Armer (dpa)

Der Münchner Kirchenrechtler Stephan Haering OSB hat vor einer Übertragung politischer Verhältnisse auf die Beratungen des Synodalen Weges gewarnt. Zudem sieht er die Gefahr, dass der Synodale Weg eine Dynamik entwickeln könne, die am Ende Bischöfe unter Druck setze, Beschlüsse rechtlich geltend zu machen.

In einem Beitrag für "Welt&Kirche", der Sonderbeilage der Tagespost zum Synodalen Weg,  schreibt Haering, gemäß seiner Satzung präsentiere sich der  Synodale Weg "als auf zwei Säulen ruhend, nämlich einerseits der DBK und andererseits dem ZdK. Die beiden Gremien stellen selbst den Großteil der Mitglieder der Synodalversammlung und sie haben festgelegt, welche Personengruppen sonst noch daran teilnehmen dürfen." Das Präsidium des Synodalen Wegs sei als "episkopal-laikale „Doppelspitze“ konstruiert. Gleiches gelte für die beiden Präsidenten des Synodalen Wegs. Als solche würden der DBK-Vorsitzende und der ZdK-Präsident fungieren. 

Kompromisse finden wie in der Politik? 

 Ähnliche Konstrukte seien aus der Politik oder aus der sozialen Marktwirtschaft bekannt, betont Haering. Koalitionsausschüsse oder Tariforgane würden paritätisch mit Vertretern der beteiligten Parteien  besetzt. Dort gebe es auch gleichberechtigte Vorsitzende. Solchen Organen komme die Aufgabe zu, offene Fragen auszuhandeln und kontroverse Standpunkte durch das Eingehen von Kompromissen zum Ausgleich zu bringen. Das müsse beim Synodalen Weg anders sein, mahnte Haering.

"Es kann nicht darum gehen, in Verhandlungen eine neue Kirche zu schaffen und eine neue Lehre zu erfinden"
Stephan Haering, Professor für Kirchenrecht

"Denk- und Verhaltensmuster säkularer Akteure können nicht ungefiltert in der Kirche angewendet werden und ein parlamentarisch-politisches Verständnis dieses kirchlichen Prozesses wäre verfehlt. Vielmehr müssen sich die Beteiligten bewusst sein, dass nur Glaube und Tradition der Kirche inhaltliche Maßstäbe für die Erneuerung bieten können. Es kann nicht darum gehen, in Verhandlungen eine neue Kirche zu schaffen und eine neue Lehre zu erfinden, sondern Korrektur und Vertiefung sind zu leisten", betonte der Kirchenrechtler. 

Am Ende kommt es auf Rom an  

Professor Stephan Haering OSB
Nimmt in seinem Beitrag für die Tagespost-Sonderbeilage "Welt&Kirche" eine kirchenrechtliche Einordnung des Synodalen We... Foto: KNA

In seinem Beitrag nimmt Haering eine kirchenrechtliche Einordnung des Synodalen Weges vor. Demnach lässt sich der Synodale Weg als „organisierter Dialog“ bezeichnen. Der Synodale Weg werde gemäß einer Satzung durchgeführt, die Bischofskonferenz und ZdK gesondert angenommen hätten, schreibt Haering. "Eine besondere kirchenrechtliche Qualität hat diese Satzung nicht." Mit dem Synodalen Weg sei keine kirchliche Leitungsgewalt verbunden. Eine rechtliche oder lehramtlich wirksame Umsetzung seiner Ergebnisse bleibe daher auf Maßnahmen der Bischöfe angewiesen. 

"Dabei dürfte wohl nur bei wenigen Aspekten eine originäre Zuständigkeit der Bischofskonferenz bestehen. Bei den meisten Themen wird es entweder auf eine spätere Maßnahme des Apostolischen Stuhls oder auf eine rechtliche Inkraftsetzung der Beschlüsse durch die einzelnen Diözesanbischöfe für ihre Bistümer ankommen", hebt der Kirchenrechtler hervor. 

Eine Dynamik, die alle Bischöfe unter Druck setzt

Angesichts dieser Ausgangslage warnt Haering vor einer Dynamik, die Bischöfe unter Druck setzt und dem Geist der Wahrheit widerspricht. Möglicherweise werde vorausgesetzt, "dass sich im Synodalen Weg eine derartige Dynamik entwickelt, dass schließlich alle Bischöfe – vielleicht auch unter öffentlichem Druck – die Beschlüsse für ihre Teilkirche rechtlich geltend machten." Am Ende müsse aber auch in rechtlichen Normen der „Geist der Wahrheit“ seinen Ausdruck finden, von dem Papst Franziskus im Hinblick auf die Synodalität gesprochen habe.

"Welt&Kirche", die Sonderpublikation der Tagespost zum Synodalen Weg, liegt der heute erscheinenden Ausgabe der Tagespost bei.

DT

Eine ausführliche kirchenrechtliche Einordnung des Synodalen Weges und mehr zum Thema synodaler Prozess finden Sie in der aktuellen Ausgabe der Tagespost. Holen Sie sich das ePaper dieser Ausgabe hier .