Lourdes: Die Macht der Wunder

Nicht nur für Mediziner und Theologen aufschlussreich: Ein Symposion über Lourdes. Von Regina Einig

Papst in Lourdes
Auch ein Gesamtkunstwerk: Gebet, Gemeinschaft und Liturgie schaffen in Lourdes eine Einheit. Foto: dpa
Papst in Lourdes
Auch ein Gesamtkunstwerk: Gebet, Gemeinschaft und Liturgie schaffen in Lourdes eine Einheit. Foto: dpa

Mit dem Unvorhersehbaren zu rechnen liegt in der Logik des Glaubens. Spektakulär und zugleich herausfordernd wie zur Zeit Jesu sind die Berichte über Wunderheilungen. Bei einem Symposion der Delegationen Elsass und Baden-Württemberg des Souveränen Malteserordens beleuchteten Wissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen das Phänomen der wissenschaftlich unerklärbaren Heilungen. Der Vatikan sitze auf einem ungeheuren Schatz von Anomalien, weil Wunder in der katholischen Kirche seit Jahrhunderten geprüft und approbiert würden, erklärte Walter von Locadau, Physiker und Direktor der Parapsychologischen Beratungsstelle in Freiburg. „Dieser Schatz ist noch gar nicht ganz für die Wissenschaft gehoben.“

Dabei spielt auch der Umstand eine Rolle, dass Wunder, die sich beispielsweise im Zug einer Pilgerfahrt nach Lourdes ereignen, nicht geglaubt werden müssen – und zwar auch dann nicht, wenn die Kirche sie anerkannt hat. Skeptizismus sei nichts Unfrommes, so von Locadau, der wissenschaftliche Anomalien als „echte Durchbrechungen der Naturgesetze“, nicht als rein kirchliches Phänomen verstanden wissen wollte. Sie gehörten seiner Erfahrung nach auch zum Alltag von Richtern.

In Lourdes geschehen von Locadau zufolge Heilungen, die im Grunde spontane Remissionen mit einem religiösen Bezug sind. Seit den Erscheinungen der Muttergottes in der Grotte von Massabielle im Jahr 1858 prägen Berichte über Wunderheilungen die Geschichte des Ortes.

Siebentausend Krankenakten von Geheilten sind seither angelegt worden. Fünfzig der siebzig von der Kirche als Wunder anerkannten Heilungen geschahen in Verbindung mit Lourdeswasser. Doch der Leiter des Ärztebüros von Lourdes, Alessando de Franciscis, das medizinisch unerklärbare Heilungen untersucht, unterstrich, dass im Quellwasser von Lourdes keine therapeutischen Wirkstoffe nachweisbar sind. Von Locadau zitierte den heiligen Thomas von Aquin, für dessen Wunderdefinition Lourdes eine gutes Beispiel sei: Der Schöpfer handele nicht gegen die Natur, aber er kann die Natur modifizieren, er kann Vorgänge beschleunigen und unter besonders günstigen Bedingungen eine Gesamtsituation schaffen und handelt damit nicht außerhalb, sondern im Einklang mit der Natur. „Lourdes ist ein schönes Beispiel dafür.“

Die Rahmenbedingung, damit ein Wunder geschehen kann, definierte der Physiker als „organisierte Geschlossenheit“ – eine große, emotional packende Einheit, die Verliebte erleben oder die eine Mutter-Kind-Beziehung prägt. „Wenn tausende Menschen gemeinsam in Lourdes einen Gottesdienst feiern, entsteht etwas Neues, was wir als organisierte Geschlossenheit bezeichnen. Aus ihr kann man den Einzelnen nicht mehr heraustrennen, es gibt eine gemeinsam verbindende Sache, die nicht eingebildet ist und eine neue Einheit schafft. In solchen geschlossenen Einheiten entstehen Wunder.“ Wesentlich sei die innere Einstellung des Geheilten: Sie rechneten in der Regel nicht damit, seien aber bereit, etwas anzunehmen. „Wunder sind nicht machbar, sondern Geschenke.“

De Franciscis unterstrich, dass die Kirche bis heute an die von Papst Benedikt XIV. erstellten Kriterien für die Untersuchungen von Wunderheilungen festhält. Die Heilung müsse spontan, ohne Rückfall und vollständig sein. Auch dürften keine therapeutischen Mittel angewendet worden sein. Aus diesem Grund schieden in der Regel Krebserkrankungen für ein kirchliches Anerkennungsverfahren als Wunder aus, obwohl sie die Statistik der im Ärztebüro von Lourdes gemeldeten Heilungen deutlich vor allen anderen Erkrankungen anführten. In den meisten Ländern der Welt würden sie jedoch früher oder später erkannt und behandelt. Das Phänomen Wunderheilung als Zeichen für das Wirken Gottes in der Geschichte erhält jedenfalls in Lourdes persönliche Gesichter.