Jerusalem

Mit der Sprache die Identität stärken

Alltagssprache der Christen im alten Ägypten: Das Jerusalemer Institut für Sprachen bietet Kurse auf Koptisch an.

Im „Vater Unser“ der koptischen Evangelienübersetzung wird auch „das Brot für morgen“ erbeten – so hat die koptische Bibel noch Bedeutung für das heutige Verständnis der Heiligen Schrift. Foto: IN

Nein, Koptisch ist keine tote Sprache – es gibt nur keine Muttersprachler mehr“, erklärt Christophe Rico. „Heute wird die ehemalige Alltagssprache der koptischen Christen in Ägypten, soweit ich weiß, nur noch in einem Sankt Shenouda gewidmeten Kloster gesprochen.“ Koptisch ist die letzte Entwicklungsstufe der Sprache der Pharaonen, bevor im 8. Jahrhundert Arabisch in Ägypten zur Amtssprache erklärt wurde. Die koptische Sprache entstand im 2. Jahrhundert vor Christi und wurde zur liturgischen Sprache der Christen in Ägypten. Sie ist eine heilige Sprache, die bis zum 17. Jahrhundert den Christen auch als Alltagssprache diente. Heute wird sie nur noch von einzelnen Mönchen und Gelehrten gesprochen. Doch in dem von Christophe Rico geleiteten Jerusalemer Institut für Sprachen und Geisteswissenschaften, „Polis“, gibt es seit vergangenem Herbst Sprachkurse, die in Koptisch unterrichtet werden, mit dem Ziel, dass die Lernenden die Sprache sprechen können.

Die Sprachentwicklung der Kinder ist das Vorbild

Christophe Rico ist Professor für Linguistik und Griechisch an der Universität in Straßburg. Seit 25 Jahren doziert er Griechisch im Namen seiner Universität in Jerusalem in der von den Dominikanern geleiteten „École Biblique et Archéologique“. Und vor zehn Jahren gründete er mit befreundeten Wissenschaftlern „Polis“, unter anderem um die für die Tradition des Christentums grundlegenden Sprachen zu erforschen und zu lehren. Als er 21 Jahre alt war, schloss sich der heute 56-Jährige als Laie der Prälatur vom Heiligen Kreuz und Opus Dei an, lebt seitdem zölibatär und widmet sich ganz den alten Sprachen. Als er vor drei Jahren einen amerikanischen protestantischen Philanthropen in Kalifornien traf, machte dieser ihn auf ein von ihm finanziertes Projekt in Ägypten aufmerksam: Ein koptischer Bischof hatte sich dazu entschlossen, seinen Gläubigen die koptische Sprache als ihre Sprache beizubringen und so ihre Identität zu stärken.

Koptische Christen, die nach verschiedenen Angaben zwischen sechs und zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung ausmachen, beklagen seit Jahren die zunehmende gesellschaftliche, aber auch staatliche Diskriminierung im Land sowie eine Zunahme eines intoleranten islamischen Diskurses. Der von dem koptischen Bischof organisierte Koptisch-Unterricht fand jedoch auf Arabisch statt und ihm fehlte eine zugrunde liegende Methode.

Christophe Rico hatte 2001 auf den Impuls seiner Studenten hin angefangen, Altgriechisch als eine gesprochene Sprache zu unterrichten. Diese Methode hat er zusammen mit seinen Kollegen in „Polis“ perfektioniert und auch auf andere Sprachen übertragen. Der Lernprozess richtet sich dabei nicht an Grammatiken aus, sondern an dem Vorbild der Sprachentwicklung von Kindern. Die Lernenden tauchen angeleitet, audio-visuell und praktisch in die jeweilige Sprachwelt ein mit dem Ziel, sich in dem völlig von der zu lernenden Sprache geprägten Kontext ausdrücken zu können. In Christophe Ricos Methode fanden der protestantische Philanthrop und der koptische Bischof das fehlende Puzzlestück für ihr Projekt.

Seit über einem Jahr wird nun im Polis-Institut an einem Lehrbuch für Koptisch gearbeitet. Christophe Rico wandte sich direkt zu Beginn des Projektes an den an der Hebräischen Universität lehrenden jüdischen Experten in der Koptischen Sprache, Eitan Grossmann, der zusammen mit der Doktorantin Halely Harel nun die wissenschaftliche Leitung des Projekts innehat. Halely Harel, die das Lehrbuch schreibt, ist eine hervorragende Kennerin des Koptischen, aber konnte es bis zum Anfang des Projektes selbst nicht sprechen. Daher lernte sie die Sprache sozusagen neu, um andere in dieser Sprache unterrichten zu können.

Das Projekt hilft, Tradition besser zu verstehen

Der erste Kurs ist nun erfolgreich abgeschlossen. Die beim Unterrichten gemachten Erfahrungen fließen direkt in das Lehrbuch, das im kommenden Jahr vollendet werden soll. Der Erfolg der angewandten Methode zeigt sich vielleicht auch darin, dass sich für den kommenden Kurs bereits koptische Mönche aus Jerusalem angemeldet haben.

Christophe Rico weist jedoch auch darauf hin, dass dieses erste Lehrbuch nur der Beginn des Projektes sein wird. „Eine Sprache zu lernen, bedeutet in dieser Sprache sprechen und erzählen zu lernen und am Ende selbst Reden halten zu können.“ Das Lehrbuch, an dem sie momentan arbeiten, zielt vor allem darauf, Konversationen auf Koptisch zu ermöglichen. „Und es wird auch nur hilfreich für die Kopten in Ägypten sein, wenn wir in der nächsten Projektphase Lehrer ausbilden, die entsprechend der Methode Koptisch in den Gemeinden unterrichten können.“

Gefragt, ob er in dem Projekt eine Wiederbelebung des Koptischen als Alltagssprache der Christen in Ägypten sieht, antwortet er zurückhaltend. „Es wird ihnen helfen, ihre Tradition besser zu verstehen.“ Und er erzählt lachend, wie ein koptischer Bischof in Ägypten seine Gläubigen immer wieder dazu auffordert, wenn sie Arabisch sprechen, einzelne koptische Worte einzuflechten.

Neue Sinnzusammenhänge durch alte Übersetzungen

Für Christophe Rico hat das Lehrbuch des Koptischen aber noch eine größere Bedeutung. Zwar beginnt er selbst jetzt erst die koptische Sprache grundlegend zu erlernen, aber in seinen neutestamentlichen Studien befragt er auch immer die koptischen Evangelienübersetzungen. „Man darf nicht unterschätzen, welche Bedeutung die alten Übersetzungen für unser heutiges Verständnis des Bibelgriechisch besitzen!“ Und er verdeutlicht dies sogleich anhand des Vater-Unser-Gebetes. In der Übersetzung der revidierten Einheitsübersetzung heißt es: „Gib uns heute das Brot, das wir brauchen!“ (siehe Matthäus 6,11). „In der koptischen Übersetzung dieser Textstelle erbittet der Beter ,das Brot für morgen‘. Diese Sinndimension ist auch im griechischen Text angelegt.

In dieser Übersetzung eröffnet sich ein bedeutender Sinnzusammenhang. Das ist zum einen eine Anspielung auf das Manna, mit dem Gott sein Volk Israel während der Wüstenwanderung versorgt hat: Am Freitag gab Gott ihnen eine doppelte Ration, also auch „Brot für morgen“, damit sie auch am Ruhetag zu essen hatten. Und zugleich bezieht sich der Ausdruck ,das Brot für Morgen‘ mit seiner eucharistischen Dimension auf das eschatologische Morgen im Reich Gottes, wie es die Kirchenväter seit Origenes deuteten“, fängt Christophe Rico an, die Bedeutung des Koptischen für das Christentum zu erklären. Er unterbricht sich jedoch direkt selbst: „Darüber könnten wir jetzt ohne Ende reden.“