Würzburg

Wie Menschen ein Urteil fällen 

Die belgische Netflix-Serie „Die zwölf Geschworenen“ verknüpft einen Gerichtsfilm mit dem Psychogramm einiger Jury-Mitglieder

Zwölf Geschworene
Zwölf Geschworene müssen in einem in Gent geführten Prozess darüber urteilen, ob die etwa 40-jährige Angeklagte nicht nur ihre zweieinhalbjährige Tochter, sondern auch noch vor 18 Jahren ihre beste Freundin getötet hat. Foto: Netflix

Die zwölf Geschworenen“ gehört zu den wohl bekanntesten Spielfilmen überhaupt. Das Justizdrama geht auf ein Drehbuch von Reginald Rose (1920–2002) zurück, das er 1954 fürs Fernsehen verfasste. Bekannt wurde das Drama allerdings in seiner Kinofassung von 1957: „12 Angry Men“ – so der Originaltitel – wurde von Henry Fonda produziert, der auch die Hauptrolle übernahm. Für Sydney Lumet war der Film sein Spielfilmdebüt als Regisseur. Im Jahr 1963 folgte eine deutsche Fassung – heute würde sie wohl „Remake“ heißen – mit Mario Adorf und Siegfried Lowitz unter anderen bekannten Schauspielern. Unter Filmkennern gehen die Meinungen auseinander, welche von den beiden Fassungen die bessere sei.

Neben einer intakten Ehe sexuelle Vielfalt

Mit zunehmender Spannung erzählt der Film von einer aus zwölf Geschworenen bestehenden Jury, die nach einem Mordprozess über Schuld oder Unschuld des Angeklagten entscheiden und ein Urteil einstimmig fällen muss. Aufgrund von Zeugenaussagen scheint der Fall eindeutig, so dass bei der ersten Abstimmung elf Geschworene für schuldig stimmen. Einer von ihnen aber ist sich jedoch nicht sicher. Nach und nach kann er die anderen Geschworenen überzeugen. 

Die Streaming-Plattform Netflix hat nun eine belgische (flämische) Serie mit demselben Titel eingestellt: Bei „Die zwölf Geschworenen“ („De twaalf”) handelt es sich jedoch nicht um ein weiteres Remake, obwohl die Weiterentwicklung eines Kinofilmes zu einer Online-Serie nichts Außergewöhnliches darstellt, so zuletzt bei Netflix „Snowpiercer“ (DT vom 18. Juni). Zwar gibt es Gemeinsamkeiten, zunächst einmal in der Ausgangssituation: Die Jury-Mitglieder müssen ebenfalls über einen Mordfall abstimmen. Das Unterscheidende ist jedoch größer als das Verbindende. Denn die Serie stellt nicht so sehr die Beratungen der Geschworenen in den Mittelpunkt. „De twaalf” zeigt ebenfalls Teile der Verhandlungen, insbesondere aber auch das Privatleben der Geschworenen. Insofern nimmt der Serientitel eine andere Bedeutung als in den Spielfilmen. 

Des Mordes angeklagt wird in Gent die etwa 40-jährige Lehrerin Frie Palmers (Maaike Cafmeyer): Sie soll ihre zweieinhalbjährige Tochter vorsätzlich getötet haben, die bei ihrem Ex-Ehemann Stefaan De Munck (Johan Heldenbergh) und dessen neuer Freundin Margot Tindemans (Greet Verstraete) lebte, seit Stefaan das alleinige Sorgerecht gerichtlich übertragen wurde. Im Laufe der Ermittlungen kam noch eine weitere schwerwiegende Tat hinzu, die ihr nun im Prozess zur Last gelegt wird: Frie soll vor 18 Jahren ihre beste Freundin ebenfalls vorsätzlich getötet haben, die damals ein Liebesverhältnis zu Stefaan hatte. 

Lebensumstände der Protagonisten werden ausgeleuchtet

„Die zwölf Geschworenen“ stellt sich auf dieser einen Ebene als Gerichtsfilm heraus mit einer Vorsitzenden Richterin (Mieke De Groote), einer Staatsanwältin (Isabelle Van Hecke) und dem Verteidiger der Angeklagten (Josse De Pawn), der eine immer größere Rolle spielt. Dazu kommen etwa auch die Nebenkläger und ihre Anwälte. Bei der Rekonstruktion der Taten fügt Regisseur Wouter Bouvijn immer wieder Szenen aus der Zeit um die Jahreswende 1999/2000 ein, als Fries' (nun von Luoise De Bisscop dargestellt) beste Freundin Brechtje Vindevogel (Lynn Van Royen) ermordet aufgefunden wurde. 

Auf der anderen Ebene, die mit dem Gerichtsfilm verknüpft wird, werden die familiären und sonstigen Umstände einiger Geschworenen beleuchtet, wobei der Zuschauer von wiederum anderen so gut wie nichts erfährt. Die dreifache Mutter Delphine Spijkers (Maaike Neuville) leidet vor allem unter der Eifersucht ihres Mannes. Dabei ist ihre Ehe die einzige wenigstens zu Beginn intakte Ehe; sonst wimmelt es in der Serie vor Geschiedenen und auch Menschen in wechselnden Beziehungen einschließlich einem lesbischen Paar (das offenkundig in so gut wie keiner Netflix-Serie fehlen darf).

Sind die Geschworenen befangen? 

Dazu kommen etwa auch ein einsamer Witwer, der eben im Zusammenhang mit der lesbischen Kollegin, aber auch im Beruf nur Enttäuschungen erlebt, eine junge Juryvorsitzende, die mit sexuellen Abenteuern ihren größten Verlust verdrängen will, ein Mann mittleren Alters, der mit seiner pubertierenden, eventuell autistisch veranlagten Tochter nicht mehr klarkommt, ein einsamer, sexsüchtiger Mann, ein Unternehmer, der illegale ausländische Arbeiter beschäftigt, von denen einer bei einem Bauunfall stirbt. 

Rückt die Serie im Gegensatz zu den eingangs erwähnten Filmen das Privatleben der Geschworenen in den Blickpunkt, so stellt dies natürlich die Frage, inwieweit die eigenen Befindlichkeiten das Urteil beeinflussen (können). Sogar ausdrücklich wird zu Beginn die Frage gestellt, ob eine der Geschworenen aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen voreingenommen sei. Bei der belgischen Netflix-Serie geht es demnach nicht nur um die Schuldfrage, sondern auch um die Frage, warum Menschen in einem oder anderen Sinne urteilen. 


„Die zwölf Geschworenen“, Regie: Wouter Bouvijn, 10 Folgen mit insgesamt 465 Minuten. Auf Netflix. 

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