Würzburg

Islamisten holen junge Europäer

Die schwedische Netflix-Serie „Kalifat“ zeichnet den Antiterrorkampf moralisch komplexer als üblich in dem Genre.

Filmszene aus Netflix-Serie „Kalifat“
Pervin (Gizem Erdogan) bereut, ihrem Mann Husam (Amed Bozan) nach Raqqa in Syrien gefolgt zu sein. Auch wegen ihrer kleinen Tochter möchte sie zurück. Sie nimmt Kontakt zum schwedischen Nachrichtendienst auf. Foto: Johan Paulin/SVT

Die islamistische Terrorismusgefahr spielt nicht nur in US-amerikanischen Spielfilmen eine wichtige Rolle. Auch in Europa setzen sich Filmemacher damit auseinander, etwa in der schwedisch-dänisch-deutschen Serie „Greyzone – No Way Out“ (DT vom 11.10.2018), die von einem geplanten islamistisch motivierten Anschlag auf schwedischem Boden erzählt, den eine Beamtin aus dem schwedischen Nachrichtendienst SÄPO verhindern will.

Ein Terrorist, der Angst vor dem Tod hat

Eine SÄPO-Mitarbeiterin steht ebenfalls im Mittelpunkt der aus acht Folgen mit je 45 Minuten bestehenden Netflix-Serie „Kalifat“: Fatima (Aliette Opheim) wird gerade vom Dienst suspendiert, als sie einen Anruf aus Syrien erhält. Die junge Pervin (Gizem Erdogan) war offensichtlich vor einiger Zeit ihrem Mann Husam (Amed Bozan) von Schweden nach Raqqa gefolgt, der für den IS an vorderster Front kämpfen will. Sein Kommandochef Omar (William Legue) bereitet derweil ein Attentat auf schwedischem Boden vor. Pervin erlebt den IS-Horror in Raqqa, und hat nur noch eins im Sinn: Sie will zurück nach Stockholm, auch wegen ihrer kleinen Tochter. Wie soll sie es aber anstellen? Die Gelegenheit bietet sich, als eine Nachbarin verhaftet wird. Denn sie übergibt Pervin ein Handy. Die junge Frau ruft ihre ehemalige Lehrerin Dolores (Monica Albornoz) an, die sie mit Fatima in Verbindung setzt.

Der Handlungsstrang in Syrien ist klar strukturiert: Auf der einen Seite die bösen Islamisten, auf der anderen Seite die Frau, die ihren Entschluss bereut, ihrem Mann nach Syrien gefolgt zu sein. Auch wenn die zwei Hauptfiguren von „Kalifat“ Frauen sind – Pervin und Fatima, die sich Pervin gegenüber „Eva“ nennt –, haben die Drehbuchautoren Wilhelm Behrman und Niklas Rockström gerade Pervins Mann Husam als besonders widersprüchlichen, zerrissenen Charakter gezeichnet: Er will zwar für das Kalifat kämpfen, hat aber mächtige Angst vor dem „Märtyrer“-Tod.

Dauerstress und Todesangst: Glaubwürdige Darstellung

Husam liebt seine Frau abgöttisch, droht aber sie umzubringen, weil sich ein anderer offenbar in sie verguckt hat. Dazu kommt eine gewisse Reue über seine Taten ... Amed Bozan stellt diesen Mann in Dauerstress und ständiger Todesangst äußerst glaubwürdig dar.

Aber auch Fatima/Eva stellt sich als komplexer Charakter heraus, fernab der uneigennützigen, über alle Zweifel erhabenen Ermittlerin. Denn sie muss sich gegenüber ihren Vorgesetzten beweisen. Den Druck gibt sie an Pervin einfach weiter: „Wenn wir Ihnen helfen sollen, dann helfen Sie uns“, sagt sie zu Beginn zu Pervin, die nun von ihr nach allen Regeln der Kunst manipuliert wird. Ähnlich Amed Bozan als Husam glänzt Aliette Opheim als die Polizistin, die fieberhaft einen Anschlag verhindern und die Bedenken ihres Chefs zerstreuen will, und sich damit auf einem auch moralisch sehr schmalen Grat bewegt.

Konzentriert sich die Handlung in Syrien auf einen einzigen Strang, auch weil über die Islamisten kaum etwas bekannt wird, so stellt sich in Schweden die Lage komplexer dar. Neben der an sich schon verworrenen Haupthandlung um Fatima/Eva, ihre Vorgesetzten Sara (Camilla Larsson) und Nadir (Arvin Kananian) sowie um ihren Kollegen und heimlichen Geliebten Calle (Albin Grenholm) spielt Aushilfslehrer Ibbe (Lancelot Ncube) eine zentrale Rolle. Bald stellt es sich heraus, dass er als sogenannter „Reisender“ sowohl die Attentate vorbereiten als auch die Schülerinnern Sulle (Nora Rios) und Kerima (Amanda Sohrabi) für den Islam gewinnen will, was dramaturgisch etliche Nebenhandlungen und Schauspielplätze mit sich bringt.

Ständiges Hin- und Herwechseln der Schauplätze zwischen Syrien und Schweden

Durch den ständigen Hin- und Her-Wechsel der Schauplätze und Handlungsstränge zeichnet „Kalifat“ eine ungeheure Intensität aus, die dem Zuschauer ein ständiges Gefühl der Angst vermittelt, schon deshalb, weil jede falsche Bewegung Pervins Leben kosten könnte. Diesbezüglich stellt „Kalifat“ unter Beweis, dass auch europäische Serien-Produktionen mit ihren US-amerikanischen Konkurrenten mithalten können.

Auch wenn die Figurenzeichnung insbesondere der Islamisten nicht ohne Klischees auskommt, geht „Kalifat“ jedoch wegen ihrer facettenreichen Inszenierung und der damit einhergehenden Fragen mehr in die Tiefe als etwa US-amerikanische Serien, nicht nur, wenn sie die Strukturen der Terroristen aufzeigt, sondern ebenfalls, wenn sie verdeutlicht, wie islamistische Netzwerke junge Menschen rekrutieren und für ihre Zwecke ausnutzen. Dass sich Jugendliche in europäischen Ländern radikalisieren lassen, wirkt besonders beunruhigend.

Darüber hinaus trauen sich die Drehbuchautoren und Regisseur Goran Kapetanovic, dem Zuschauer einiges zuzumuten – nicht nur, weil komplexere Fragen als üblich im Genre gestellt werden, sondern auch weil „Kalifat“ nicht auf ein unbedingtes Happy End hinausläuft.

„Kalifat“, Schweden 2020.
Serienentwickler: Wilhelm Behrman, 8-teilige Serie mit insgesamt 360 Minuten, auf Netflix.