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Kann die Schule aus Barbaren Bürger machen?

Der Anstieg an jugendlicher Gewalttätigkeit in Frankreich ruft nach mehr Autorität.
Le premier procès de l assassinat du professeur Samuel Paty PHOTOPQR/LE PARISIEN/Olivier Lejeune ; PARIS ; 27/11/2023 ;
Foto: IMAGO/LP/Olivier Lejeune (www.imago-images.de) | Der Prozess gegen den Mörder von Samuel Paty in Paris beginnt.

Die Enthauptung des Geschichtslehrers Samuel Paty am 16. Oktober 2020 durch den islamistischen Terroristen Abdoullakh Anzorov hatte in der ganzen westlichen Welt Entsetzen ausgelöst. Der Mörder, ein tschetschenischer Flüchtling, war noch vor Ort – dem Städtchen Conflans-Sainte-Honorine in der Pariser Großregion – von der Polizei getötet worden. Trotzdem hat diese Woche in Paris ein erster Prozess begonnen: Vor dem Jugendgericht stehen sechs Schüler der Schule, an der Paty unterrichtete, darunter die Schülerin, die mit einer falschen Anschuldigung die Tat ausgelöst hat. Sie ist die Tochter des Islamisten, der im Internet den Namen Samuel Patys und die Adresse der Schule veröffentlichte – aufgrund einer Lüge seiner Tochter: Samuel Paty habe im Unterricht eine Nacktkarikatur von Mohammed gezeigt und muslimische Schüler angeblich aufgefordert, den Raum zu verlassen. 

Falsche Darstellung der Situation

Wie im Nachhinein klar wurde, war das Mädchen in der betreffenden Stunde gar nicht anwesend, die außerdem anders ablief als von ihr berichtet. Den anderen fünf Schülern wird der Tatbestand der Bildung einer kriminellen Vereinigung zur Vorbereitung einer Straftat vorgeworfen. Im Klartext: Am Tag der Tat überwachten sie, gegen Bezahlung durch den Terroristen, die Umgebung der Schule, beschrieben ihm das Aussehen von Samuel Paty und bezeichneten ihm den Lehrer, als er die Schule verließ. Allen sechs droht eine Gefängnisstrafe von bis zu 30 Monaten. Fünf der sechs Jugendlichen, die bei der Tat zwischen 13 und 15 Jahre alt waren, stammen aus dem arabisch-muslimischen Kulturkreis. 

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Die Eiseskälte, mit der diese jungen Menschen dazu bereit waren, einem anderen Menschen zu schaden, schockiert. Mit 13 oder 14 Jahren ist der Mensch sehr wohl dazu imstande, gut und böse, richtig und falsch, auseinanderzuhalten und entsprechend zu handeln. Sicher, man darf ihnen zugutehalten, dass sie vielleicht nicht mit einer solch grausigen Tat gerechnet haben. Das gilt leider nicht für die hunderten Schüler, die bei den Gedenkfeierlichkeiten für Samuel Paty und den vor kurzem ebenfalls von einem Islamisten ermordeten Lehrer Dominique Bernard für Störungen und Protestaktionen gesorgt haben. Hier handelte das Bildungsministerium sofort: Insgesamt wurden über 600 Sanktionen gegen Schüler verhängt, darunter 454 vorrübergehende oder endgültige Schulverweise.

Von europäischen Werten weit entfernt

Was muss in den jungen Menschen vorgehen, die durch ein solches Verhalten ihre Zustimmung zur Ermordung von Lehrern signalisieren? Von den Werten und Regeln des Zusammenlebens in einem durch Christentum und Aufklärung geprägten Europa sind sie mittlerweile meilenweit entfernt. Frankreich sieht sich offensichtlich einer signifikanten Anzahl an solchen Jugendlichen gegenüber. Die Geisteshaltung dahinter ist mehr als passiver Widerstand und fordert oft genug blutige Opfer. Das haben nicht nur die Aufstände in den Banlieues im vergangenen Sommer gezeigt – von den über 3500 festgenommenen Personen war ein Drittel minderjährig, meist Jungen.

Ein weiterer Fall hält Frankreich in Atem: Vor 10 Tagen wurde im südfranzösischen Dorf Crépol der 16jährige Thomas bei einem Dorffest erstochen, weitere Personen wurden verletzt. Auch hier: Unter den neun verhafteten Personen befinden sich drei Minderjährige. Nach anfänglichem Schweigen in den Medien kam die Wahrheit Schritt für Schritt ans Licht. Die Täter stammen aus einer nahegelegenen Siedlung des sozialen Wohnungsbaus, tragen arabische Vornamen. Augenzeugen erklären, die mit Messern bewaffneten Täter hätten gerufen, „Weiße abstechen“ zu wollen. 

Mehr Autorität nötig

Das Jahr 2023 hat einen ungeahnten Anstieg der Gewalt erlebt, von Jugendlichen und an Jugendlichen. Ein Zusammenhang mit der Herkunft der Täter aus dem islamisch-arabischen Raum ist nicht zu leugnen. Das ist aber nur ein Teil des Problems. Die Randalierer in den Banlieues sind zu einem großen Teil Jungen, die ohne Vater aufgewachsen sind, ohne ein positives männliches Vorbild, ohne Autorität. Die Französische Republik war bisher immer stolz auf ihr egalitäres Schulsystem, das aus kleinen Menschen verschiedenster Herkunft und Bildungslage gute kleine Franzosen machte.

Es ist kein Zufall, dass beides nicht mehr funktioniert: Autorität wird seit der 68er-Revolution schnell als Anzeichen toxischer Männlichkeit und patriarchaler Unterdrückung verdächtigt. Dabei ist Autorität für das Funktionieren jeder Gemeinschaft unerlässlich, von der Familie bis zur Nation. Grundlegende Werte des Zusammenlebens sollten durch Erziehung vermittelt werden. Wo das in der Familie nicht mehr passiert, müssen sie von Staat und Schule eingefordert werden, und zwar mit Autorität und den nötigen Konsequenzen.

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