Wertevermittlung

Christoph Gilsbach will die Passion Jesu pantomimisch umsetzen

Warum Christoph Gilsbach die Passion Jesu pantomimisch umsetzen will.
Foto: GF | Schaut zuversichtlich in die Zukunft: Pantomime Christoph Gilsbach.

Pantomime Christoph Gilsbach wirkt sehr nachdenklich, wenn er auf den Zeitgeist zu sprechen kommt. „Wir reisen mit dem Raumschiff durch die materialistische Welt, und die Sucht nach dem Schneller, Höher und Weiter macht sich nach einem kurzen Innehalten wieder breit“, merkt er kritisch an. „Gott sei Dank gibt es aber auch viele stille, bewusste Menschen, die um den Wert unserer Existenz und unserer Endlichkeit wissen.“ Corona bietet nach Meinung des sensiblen Künstlers und gläubigen Katholiken aus Münster die einzigartige Chance, menschliche Fähigkeiten wie Barmherzigkeit, Güte und Mitgefühl weiterzuentwickeln. „Diese Werte gehören als Hauptfächer in die Bildung und in die Schulen“, fordert der Pantomime. Demnächst soll nach dreimaliger Verschiebung wegen der Corona-Pandemie seine pantomimische Version der Passion Jesu endlich Vorpremiere in Münster feiern.

Gilsbach, geboren 1956 in Konstanz, aufgewachsen in der Nähe von Rees/Niederrhein, lebt seit 1976 in Münster. Der bekannte Pantomime, der einst die renommierte Essener Folkwang-Hochschule absolviert hat, erinnert sich noch gut an den „Knall“, der mit dem schweren Covid-19-Ausbruch im Kreis Heinsberg an Karneval 2020 verbunden war: Hatte er bis dahin noch viele Auftrittstermine wahrnehmen können, so hat Gilsbach den Lockdown wie „einen Cut, eine Vollbremsung“ erlebt. „Ich bin 14 Tage wie betäubt durch die Landschaft gelaufen“, stellt der Clown im Rückblick fest. „Wenn man aus dem Tritt gerät, wird einem erst bewusst, was wir Künstler leisten und in welcher Taktung wir arbeiten, um Menschen zu unterhalten.“

Nur 30 Vorstellungen statt 150

Beim Blick in den Kalender ergab sich immer wieder dasselbe Bild: „Findet nicht statt“. Da Gilsbachs Frau in einem Seniorenheim in der Lüneburger Heide arbeitete, nutzte er die Gelegenheit, um dort stundenlang durch die schöne, ruhige Natur zu wandern. Hatte er sonst regelmäßig Vorbereitungen für Auftritte zu treffen, so fiel das auf einmal alles weg. Anstelle von 140 bis 150 Auftritten in einem normalen Jahr absolvierte Gilsbach 2020 nur 30 Vorstellungen. Wochenlang gab es reihenweise Stornierungen, wurden die Fortbildungen und Workshops, die er hätte durchführen sollen, abgesagt, was deutliche finanzielle Folgen nach sich zog. Umso mehr ist Gilsbach dem Bund und dem Land Nordrhein-Westfalen dankbar, dass es mit Hilfe der Corona-Hilfen einigermaßen möglich war, die schwere Zeit ohne Auftritte und Einnahmen zu überbrücken.

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Ab Mitte Oktober wurden alle Veranstaltungen gestrichen und auf März/April 2021 verschoben. Zu dieser Zeit im Frühjahr machte aber der dritte Lockdown allen Planungen einen dicken Strich durch die Rechnungen, und die ersten Auftritte konnten erst vor kurzer Zeit stattfinden. Immerhin wurden die Klinik-Clowns, zu denen Gilsbach gehört, als relevant erachtet, weil sie auf den Kinderstationen in dieser schlimmen Zeit für Aufheiterung und Ermutigung sorgen. „Durch die Tatsache, dass man einige Kinderstationen über einen Balkon von außen erreichen konnte, war es uns möglich, weiter ein- bis zweimal pro Woche aufzutreten und Heiterkeit in die Zimmer zu bringen“, freut sich der charmante Menschenfreund, der zudem den Eindruck hat, dass Musiker und Schauspieler durchaus eine Lobby haben und von der Politik insgesamt gehört werden.

Dinge in der Pandemie aufgearbeitet

Der sonst so quirlige Künstler hat die Chance, dass sein Leben in Corona-Zeiten ruhiger wurde, genutzt, um Dinge aufzugreifen, die lange liegen geblieben waren, Stücke umzuschreiben und sich ansonsten an Natur Sonne und Farben zu erfreuen. Angst vor einer Ansteckung hatte er nicht, weil er sich bewusst und umsichtig verhielt und verhält. „Mutter Erde hat uns ein solches Virus geschickt, weil wir sie so schlecht behandeln und dem natürlichen Lebensraum an den Kragen gehen“, mahnt er. „Jetzt kommt es darauf an, dass wir Solidarität üben, um Menschen zu schützen und das Weiterleben zu sichern.“

Gilsbach betrachtet es als besonderes Geschenk, dass innerhalb von wenigen Monaten wirksame Impfstoffe entwickelt werden konnten, „aber anstelle von Dankbarkeit höre ich nur Beschwerden und oftmals Unzufriedenheit“, merkt er an. Unklar sei noch, wohin die Gesellschaft sich nach Corona entwickeln werde. Kritisch sieht er die „Querdenker“ und Corona-Leugner. Schreihälse jeglicher Art, so seine Einstellung, bekommen heutzutage viel zu viel Raum. Dabei müsste eigentlich denen, die sich in dieser schweren Zeit für andere einsetzen, die volle Aufmerksamkeit gehören. Dass sich Corona und Humor vereinbaren lassen und man über Corona lachen kann, ist für Christoph Gilsbach keine Frage. „Ohne Humor stirbt das Leben und wird grau und kalt“, betont er. „Gerade eine Jahrhundertkrise kann man mit Humor nehmen, die humorvolle Haltung gegenüber Mitmenschen trägt einen auch auf der Intensivstation.“

Den Glauben des Katholiken, der täglich betet, hat Corona nicht verändert, obwohl er nach Gilsbachs eigener Einschätzung „größere Klarheit“ bekommen hat. Zu Ostern hat er zusammen mit dem Schauspieler Markus von Hagen einen Dreiteiler zum Auferstehungsgedanken produziert, den er den Kirchen als Stream zur Verfügung gestellt hat. Die Passion Jesu will er im Auftrag der katholischen und evangelischen Kirchengemeinde in Weingarten (Oberschwaben) demnächst pantomimisch auf die Bühne bringen, „weil sie viele relevante Themen enthält, die das ganze Mensch-Sein betreffen“.

Statt Gesten wählt er Themen der Passion

Zunächst habe er vorgehabt, die klassischen Bilder der Passion gestisch umzusetzen, sei aber durch Gespräche mit Ulrich Laws, dem früheren leitenden katholischen Seelsorger an den Uni-Kliniken in Münster, von dieser Linie abgekommen. Stattdessen werde er die eigentlichen Themen der Passion wie Zweifel, Unsicherheit und Verrat herausarbeiten und sie für die heutige Zeit fruchtbar machen. „Jesus geht stellvertretend für uns den Kreuzweg“, unterstreicht er. „Jeder ist Jesus und muss einen eigenen Entwicklungsweg gehen.“ Aus theologischen Diskussionen wolle er sich bewusst heraushalten, zugleich aber die Zuschauer mit Jesus in Beziehung setzen, der sich nicht korrumpieren lasse und für die Wahrheit in den Tod gehe. Interessanter Aspekt der pantomimischen Version: Sie rollt das Geschehen der Passion von hinten auf, beginnt mit dem Gang der beiden Jünger nach Emmaus, und geht dann zurück zur Ölberg- und zur Gerichts-Szene. Die Kreuzigung wird als innere Auseinandersetzung Jesu mit dem Gott, der ihn verlassen zu haben scheint, gezeigt, bevor das Stück nach der großen Erschütterung des Todes am Kreuz und dem totalen Hereinbrechen der Dunkelheit mit der Emmaus-Szene endet.

Gilsbach selbst wird Jesus und seinen inneren Kampf darstellen und verspricht eine Inszenierung, die auf verschiedenen Ebenen alle Sinne ansprecht. „Wie kann man so etwas einem Menschen antun? Die Passion erschüttert mich bis ins Mark“, hebt der nachdenkliche Künstler hervor. „Früher hätte ich mich daran nie herangewagt. Die ganze Dimension des Geschehens begreife ich erst jetzt im Alter: Dass Güte und Mitgefühl mehr zählen als alles andere und das Leben ein wunderbares Geschenk ist.“

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