Mit der Revolution in die Freiheit

Für die Philosophin Hannah Arendt gibt es auch gelungene Umstürze von Regierungsformen. Von Alexander Riebel
Hannah Arendt, Publizistin
Foto: IN | Hannah Arendt.
Hannah Arendt, Publizistin
Foto: IN | Hannah Arendt.

Sind Revolutionen nötig, um die Freiheit zu erreichen? Und welche Freiheit brauchen wir, um frei zu sein? Die Philosophin Hannah Arendt (1906–1975) hat sich mit diesen gesellschaftlichen Prozessen beschäftigt – jetzt ist eine Schrift wohl von 1967 von ihr erschienen, die noch nicht ins Deutsche übersetzt wurde.

Wenig Hoffnung auf revolutionäre Männer

Arendt unterscheidet immer wieder die beiden großen Revolutionen, die amerikanische und die französische. Der amerikanischen gibt sie den Vorzug, weil hier Befreiung der Freiheit vorausging. Zwar sei Amerika damals ein „gutes Land für arme Männer“ gewesen, doch war die Armut durch die Rassenfrage in den Hintergrund gerückt: Die Armen „existierten in Amerika entweder nicht oder bleiben völlig im Verborgenen“. Ganz anders in Frankreich, wo erstmals das Volk, „le peuple“, auf die Straße ging und merkte, dass die Freiheit die einiger Weniger war. Jedoch, schreibt Arendt, „blieb die Amerikanische Revolution weitgehend folgenlos für das historische Verständnis von Revolutionen, während die französische Revolution, die krachend scheiterte, bis heute bestimmt, was wir als revolutionäre Tradition bezeichnen“.

Arendt wiederholt mehrmals ihre These vom Scheitern der Französischen Revolution, ohne immer den Grund für dieses Scheitern anzugeben. Dann sagt sie es doch – es sei die Katastrophe für diejenigen gewesen, die die Revolution „wagten oder sich gegen ihre Neigung und Erwartung daran beteiligten“. Und anstatt wie sonst um Opfer besorgt zu sein, um die Opfer von Tätern, stellt Arendt nur die Opfer heraus, die zuvor Täter waren, also Urheber der Französischen Revolution. Weiter heißt es an der Stelle: „Der Sinn von Revolutionen ist die Verwirklichung eines der größten und grundlegendsten menschlichen Potenziale, nämlich die unvergleichliche Erfahrung, frei zu sein für einen Neuanfang, woraus der Stolz erwächst, die Welt für einen Novus Ordo Saeculorum geöffnet zu haben“, also für eine neue Ordnung der Zeitalter, wie es auch auf der Rückseite des Siegels der Vereinigten Staaten zu lesen ist, was sie aber nicht erwähnt. Bei der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten 1776 sollte das Siegel auch so verstanden werden, dass Gott den Beginn der neuen Ordnung segne. Auch auf der Rückseite der Ein-Dollar-Note ist der Ausdruck zu lesen. Befremdlich ist jedoch, dass auch bei diesem Zitat kein Wort über die grausam ermordeten Opfer der Französischen Revolution zu finden ist – stattdessen unterstreicht Arendt den Stolz derer, die eine neue Ordnung der Zeitalter herbeigeführt haben.

Als Urheber des Gedankens einer neuen Ordnung sieht die Autorin Machiavelli, den „Vater der Revolutionen“, der sich die neue Ordnung für Italien wünschte. Doch könnten Revolutionen auch die Freiheit in Gefahr bringen, wie die russische. Verhindern sollte man Revolutionen aber nicht, wie Arendt meint, denn diese Umbrüche seien die Folge von Regimen, die sich bereits in völliger Auflösung befinden – „dann bedeutet das Verhindern einer Revolution eine Veränderung der Regierungsform, was letztlich auch eine Revolution bedeutet mit all den Gefahren und Risiken, die sie mit sich bringt“.

Was hat aber die Revolution mit der Freiheit, frei zu sein, zu tun? Nach Condorcet lässt sich das Wort revolutionär nur auf Revolutionen anwenden, die auf Freiheit abzielen. Ja mehr noch, auf dem Großen Siegel Englands von 1654 steht, nachdem das Land von der Monarchie in die Republik umgewandelt wurde: „Freedom by God' blessing restored“ (Freiheit mit Gottes Segen wiederhergestellt).

Auch wenn Arendt, die dies zitiert, beim Gedanken an Revolution an Gott zu denken scheint, an anderer Stelle spricht sie von der Wichtigkeit derer, die die geistigen und politischen Lehren der Antike für die modernen Institutionen zurückgewinnen sollen, die Lehren, die „in den Jahrhunderten einer strengen christlichen Überlieferung verloren gegangen oder halb in Vergessenheit geraten waren“. Die christliche Tradition hat Arendt wohl nicht im Auge, eher das Ringen um Freiheit wie in Amerika. Sie hatte 1951 die amerikanische Staatsbürgerschaft angenommen und sich auch als Amerikanerin verstanden. Dass sie den amerikanischen Schriftsteller und Philosophen Henry David Walden zitiert, ist wohl auch kein Zufall: „Was bedeutet es, frei geboren zu sein, aber nicht frei zu leben? Welchen Wert hat politische Freiheit, wenn sie nicht Mittel ist für moralische Freiheit? Ist es die Freiheit, Sklave zu sein, oder die Freiheit, frei zu sein, auf die wir stolz sind.“

In Europa sah es mit dem Stolz auf die Freiheit ganz anders aus. Thomas Meyer fasst im Nachwort zusammen, wie sich Europa in der Sicht Arendts gestaltet hat: „Im Rückblick wird leicht erkennbar, dass die Gestaltung des neuen politischen Raumes namens ,Europa‘ versäumt wurde... Die für viele Völker soeben nach Jahrzehnten der Unterdrückung erfahrbare ,Freiheit, frei zu sein‘, wurde schnell als gefährlicher Rausch denunziert. Und das aus einer Perspektive, die vorgab, dass es ,nur‘ der Osten war, der etwas zu lernen hatte, nicht aber der sich gleich gebliebene Westen. Jener hatte aus der eigenen Geschichte zudem ein Argument vorbereitet, das er sofort Wirklichkeit werden lassen wollte: Der vermeintliche Vorrang des Ökonomischen hat in der Folge jedweden möglichen ,Stolz‘ des ,Neuanfangs‘ in die zerbrechliche Nüchternheit von Zahlen und Zwecken überführt.“ Schließlich wird Arendt ganz in die Nachfolge der Aufklärung gestellt, denn es gebe kein „größeres und notwendigeres Risiko“, schreibt Meyer, als sich des eigenen Verstandes zu bedienen.

Freiheit hat nach Hannah Arendt als Vorbild die amerikanische Revolution, über die sie sagt, dass wir Grund zu wenig Hoffnung haben, dass Menschen „irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft an praktischer und theoretischer Klugheit an die Männer der amerikanischen Revolution heranreichen“. Eine verwegene Auffassung von Freiheit, die Revolutionen nicht ausschließt. Noch lieber würde man an einen friedlichen Umbruch wie beim Fall der Berliner Mauer denken.

Hanna Arendt: Die Freiheit, frei zu sein. Mit einem Nachwort von Thomas Meyer. Dtv Verlag 2017, 61 Seiten, ISBN 978-3-423-14651-7, EUR 8,–

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