Leben im Licht Gottes

Vitaminstoß für das geistliche Leben: Thomas von Aquins Auslegungen des Glaubenbekenntnisses sind alltagstauglich. Von Manfred Gerwing

Heilige Thomas von Aquin von Maler Zurbarán
Ein von der Heiligen Schrift inspirierter Lehrer: So sah der Maler Zurbarán die Erhebung des heiligen Thomas von Aquin zu Gott. (Museum der Schönen Künste in Sevilla). Foto: IN

Neapel in der Fastenzeit des Jahres 1273. Thomas von Aquin (1224/5–1274) predigt über das Apostolische Glaubensbekenntnis: kurz, klar und prägnant. Die Menschen hören ihm zu. Er spricht nicht in Latein, der Sprache der Gelehrten, sondern in der Volkssprache. Er will von allen verstanden werden.

Thomas weiß: Der Glaube hat einen Inhalt, der an jedermann weitergegeben werden will. Dabei handelt es sich um einen gemeinsamen Glauben, einen Glauben, der dem Einzelnen und sogar der jeweiligen Gemeinschaft vorgegeben ist. Und Thomas ist überzeugt davon: Der Glaube ist verstehbar, mehr noch: Es ist notwendig, den Glauben zu verstehen, wenn er Frucht bringen soll (vgl. Matthäus 13, 24).

In seinen Erklärungen geht Thomas geordnet vor, in der Reihenfolge der Glaubensartikel. Das sei ja gerade die Aufgabe des Weisen: zu ordnen und zu straffen. Die Wahrheit müsse gelehrt werden, den Irrtümern aber sei zu widersprechen.

Sein Bemühen um Kürze begründet er mit dem Tun des Ewigen Wortes. Es habe sich klein gemacht, obwohl es unermesslich sei und alles umfasse. Überhaupt zeugt die Auslegung des Thomas von einer tiefen Liebe zum Wort Gottes. Der Aquinat kennt die Heilige Schrift, zitiert sie auswendig und ausgiebig, er weiß um die Überlieferung und schaut auf die Wirklichkeit und auf den Menschen vor Ort. Letztlich ist es Thomas um das Seelenheil seiner Zuhörerschaft zu tun, cura animarum.

Thomas von Aquin gehörte zu den Predigerbrüdern. Insofern wundert es nicht, dass er gern und oft predigte. Er predigte aber auch, weil er Professor der Theologie war. Zu den Aufgaben eines Theologieprofessors gehörte seinerzeit neben dem Lehren und Lesen (legere), Forschen und Disputieren (disputare) auch das Predigen (praedicare). Die Predigt bildete dabei die Nagelprobe des Forschens und Lehrens. Es geht um die Weitergabe des Wortes Gottes. Die Predigt wurde verstanden als Dienst am Heilsauftrag der Kirche, als Sendung zum Heil der Seelen und zum Aufbau der Kirche. Sie wurde als eine Kunst verstanden, ars praedicandi, als eine Kompetenz zur Verkündigung, die ebenso an intellektuelle Fähigkeiten wie an die Gnade Gottes gebunden ist. Es galt, Erkenntnisse zu vermitteln, die Affekte des Menschen anzusprechen und die Herzen der Menschen zu öffnen für den Glauben an das Wort Gottes.

In der Heiligen Schrift fest verwurzelte Predigten

Von Thomas sind uns zwanzig authentische Universitätspredigten überliefert. Zwölf davon stammen vermutlich aus seiner Pariser Professorenzeit. Überdies existieren vier Predigtreihen, collationes genannt, und zwar zum Vaterunser, zum Ave Maria, den Zehn Geboten und zum Apostolischen Glaubensbekenntnis. Letztere Predigtreihe ist in gut 140 Textzeugen überliefert. Sie besteht aus insgesamt fünfzehn Predigten und sind als Mitschriften (reportationes) seines Sekretärs Riginald von Piperno (1230–circa 1290) in lateinischer Sprache erhalten. Dabei wurden sie überarbeitet: Weg vom Predigtstil hin zum scholastischen Traktat.

Bis zum Erscheinen der definitiven kritischen Textversion in der Editio Leonina müssen wir uns mit der Marietti-Ausgabe, Turin, begnügen. Die vorliegende Ausgabe bietet sie an. Im synoptischen Blick folgt die deutsche Übersetzung auf der gegenüberliegenden Seite. Sie stammt von Josef Pieper, Heinrich Raskop und Hans Schulte.

Die einzelnen Predigten zeigen einen dreigliedrigen Aufbau: Zunächst erfolgt die Erläuterung des jeweiligen Glaubensartikels, der sodann in scholastischer Manier erörtert, begründet und von Irrtümern, Häresien und Einwänden abgegrenzt wird, um schließlich auf das geistliche Leben hin angewandt zu werden. In der Regel endet die Darlegung mit einer Aufforderung zum Gebet.

Bemerkenswert ist der extensive Gebrauch der Heiligen Schrift. Die Hälfte des gesamten Textes besteht aus Bibelzitaten, zwei Drittel davon stammen aus dem Neuen Testament, davon wiederum die Hälfte aus dem Johannes-Evangelium. Ausgiebig werden auch patristische Autoren zitiert, vor allem Augustinus und Gregor der Große. Bei seiner Erklärung des Apostolischen Glaubensbekenntnisses scheut Thomas sich nicht, auch auf zeitgenössische Auseinandersetzungen einzugehen, auf die These von der Ewigkeit der Welt etwa, auf die Verneinung einer umfassenden Vorsehung Gottes oder auf eine an Joachim von Fiore orientierten Geschichtstheologie.

Vor allem aber thematisiert Thomas, was seine Zuhörer unmittelbar bewegt: ihr Leben und ihren Alltag. Ihm war klar, die Glaubensverkündigung lässt sich nicht aus der menschlichen Erfahrung entwickeln, sie ist aber stets auf die Erfahrung zu beziehen. Durch das Wort Gottes wird die Lebenswirklichkeit gedeutet, ins helle Licht des Glaubens gehoben und dadurch verändert. Gott ist Schöpfergott. Sein schöpferisches Wort ist der ewige Sohn. Sein Schöpfungswerk gewinnt als Produkt des Erkennens und Sprechens Gottes Profil: Gott sah oder sprach – „und es wurde“. Hanns–Gregor Nissing führt umsichtig in die vorliegende Ausgabe sowie in die neueste Thomas-Forschung (mit Literatur) ein. Dabei werden die genauen Umstände erörtert, wie es zu diesen Auslegungen zum Apostolischen Glaubensbekenntnis kam.

Die Übersetzung ins Deutsche ist tadellos. Es gelingt, den heutigen Leser unmittelbar anzusprechen. Man darf auf die nächsten Bände der von Hanns–Gregor Nissing und Berthold Wald mustergültig herausgegebene Reihe gespannt sein. Sie werden, wie der gelehrte Leiter des Pneuma-Verlags, Thomas Schumacher, bestätigt, die Auslegungen des Vaterunsers und die der Zehn Gebote durch Thomas von Aquin beinhalten.

Thomas von Aquin: Das Credo. Auslegungen zum Apostolischen Glaubensbekenntnis. Übersetzung von Josef Pieper, Heinrich Raskop und Hans Schulte. München, Pneuma Verlag, 2019 (= Thomas von Aquin. Einführende Schriften Bd. 3), 212 Seiten, broschiert ISBN-13: 978-3942013376, EUR 19,95 €.

Der Verfasser lehrt Dogmatik und Dogmengeschichte an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt