Es war ein sichtbar stolzer J.D. Vance, der unter dem Jubel der Teilnehmer am „March for Life“ in Washington die Bühne betrat. Mit einem Schmunzeln erinnerte der US-Vizepräsident daran, dass er im vergangenen Jahr bei seinem Auftritt im Rahmen der großen Lebensrechts-Demonstration erklärt habe, er wolle „mehr Babys in den Vereinigten Staaten“. Ein Jahr später könne er sagen, er sei „ein Vizepräsident, der seinen Worten Taten folgen lässt“: Denn seine Frau erwarte das vierte gemeinsame Kind. „Es wird unser dritter Junge. Wir sind dankbar für alle Gebete, die ihr für uns sprechen könnt. Wir werden sie sicherlich brauchen“, so der 41-Jährige, der im dicken schwarzen Mantel den winterlichen Temperaturen der Hauptstadt trotzte, und wie alle Redner zum Schutz hinter Panzerglasscheiben sprach.
Vance: „Ich höre und verstehe euch“
Zehntausende hatten sich am Freitag wieder einmal versammelt, um unter dem Motto „Life is a gift“, das Leben ist ein Geschenk, für das Lebensrecht Ungeborener zu demonstrieren. Es war bereits die 53. Auflage des Marsches, der ursprünglich als Demonstration gegen das umstrittene Grundsatzurteil „Roe v. Wade“ aus dem Jahr 1973 initiiert worden war. Die Route führte die Teilnehmer quer durch die US-Hauptstadt, von der National Mall bis zum Gebäude des Obersten Gerichtshofs.
Die Rede des Vizepräsidenten Vance war wohl im Vorfeld mit der größten Spannung erwartet worden. Denn nachdem die US-Lebensrechtsbewegung 2022 ihren vielleicht größten Sieg eingefahren hatte, indem der Oberste Gerichtshof „Roe v. Wade“ kippte und ein neues Grundsatzurteil in der Abtreibungsfrage erließ, blickte man in diesem Jahr eher mit gemischten Gefühlen auf die Rechtslage zum Thema Abtreibung im Land. Zwar kann seit dreieinhalb Jahren jeder Bundesstaat wieder selbst über seine Abtreibungsgesetze entscheiden. Die Abtreibungszahlen steigen jedoch weiter, insbesondere da die Abtreibungspille „Mifepriston“ nahezu uneingeschränkt verfügbar ist. Statistiken zufolge kommt das Präparat inzwischen bei 63 Prozent aller vorgeburtlichen Kindstötungen zum Einsatz. Kritiker warfen der amtierenden US-Regierung immer wieder vor, zu wenig gegen die Verbreitung der Abtreibungspille zu unternehmen.
Vance ging in seiner Rede auf die Unzufriedenheit über diesen Trend ein, sprach selbst sogar vom „Elefanten im Raum“, ohne jedoch die Abtreibungspille explizit zu erwähnen. Einige würden fürchten, „dass wir nicht ausreichend Fortschritt erzielt haben, dass wir nicht schnell genug voranschreiten, dass unsere Maßnahmen den Weckruf für das Leben, den dieser Marsch sendet, und den alle von uns im Herzen tragen, noch nicht beantwortet haben“. All jenen wolle er sagen: „Ich höre und verstehe euch“, so Vance. Gleichzeitig betonte er, dass es „offene Gespräche“ geben werde, wie man das politische System am besten nutzen könne, um den Schutz des Lebens voranzubringen, und auch darüber, wie behutsam man dabei vorgehen müsse.
Vizepräsident zieht positives Zwischenfazit, Trump mit Videobotschaft
Aus den Worten des Vizepräsidenten war herauszuhören, dass er selbst durchaus ein positives Zwischenfazit zu den bisherigen Errungenschaften der amtierenden Regierung im Lebensschutz zieht. Und Vance konnte dies auch mit einigen Beispielen untermauern: So seien es die von Trump ernannten konservativen Richter gewesen, mit deren Stimmen das neue Grundsatzurteil möglich geworden sei. Damit habe der Oberste Gerichtshof „der Tyrannei der Herrschaft der Justiz über die Fragen menschlichen Lebens“ ein Ende gesetzt. Zudem habe man die Praxis der Vorgängerregierung beendet, Steuergelder zur Finanzierung von Abtreibungen zu verwenden. Und gläubige Amerikaner, die Abtreibungen aus ihrem Gewissen heraus ablehnten, müssten nun nicht mehr fürchten, dafür bestraft zu werden. Vance versicherte den Teilnehmern des Marsches: „Unter dieser Regierung, vom Präsidenten der Vereinigten Staaten bis zu seinem Vizepräsidenten, habt ihr einen Verbündeten im Weißen Haus.“
Diese Botschaft untermauerte auch Donald Trump. Zwar nahm der US-Präsident nicht persönlich an der Lebensrechts-Demo teil, sendete jedoch ein gut zweiminütiges Grußwort in Form eines vorab aufgezeichneten Videos, das während des Marsches gezeigt wurde. Darin betonte Trump, man habe beispiellose Fortschritte dabei gemacht, „unschuldiges Leben zu schützen und die Institution der Familie wie noch nie zuvor zu unterstützen“. Jetzt gelte es, eine Kultur aufzubauen, die das Leben schützt, „in jedem Staat, jeder Gemeinde und jedem Winkel unseres wunderschönen Landes“ weiter. Der 79-Jährige sprach in diesem Zusammenhang von einem Kampf, der vor allem „in den Herzen und Seelen der Menschen“ gewonnen werden müsse. Daher wolle seine Regierung die Religionsfreiheit verteidigen. „Wir bringen den Glauben zurück nach Amerika, wir bringen Gott zurück.“ Mithilfe der Teilnehmer des Marsches werde seine Regierung weiter „für die ewige Wahrheit kämpfen, dass jedes Kind ein Geschenk Gottes ist“.
Dass dem Weißen Haus daran gelegen war, das in letzter Zeit brüchiger gewordene Vertrauen wiederherzustellen, dass man auf der Seite des Lebensschutzes stehe, ließ sich an einer Reihe von Maßnahmen erkennen, die die Regierung pünktlich zum Marsch ankündigte: So will Trump künftig Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die Fördermittel aus US-Steuergeldern erhalten, verbieten, die Genderideologie zu verbreiten und Maßnahmen zur „Diversität, Gleichstellung und Inklusion“ (DEI) zu ergreifen. Dazu plant die US-Regierung, die sogenannte „Mexico City Policy“, unter der bereits jetzt ausländische NGOs, die Abtreibungen anbieten, fördern oder dafür werben, von staatlicher Finanzierung ausgeschlossen sind, auszuweiten. Die „New York Times“ hatte schon im Vorfeld des Marsches darüber berichtet, Vizepräsident Vance gab die Pläne in seiner Rede dann offiziell bekannt.
US-Regierung nimmt „Planned Parenthood“ unter die Lupe
Darüber hinaus will die Regierung die Verwendung von menschlichem fötalem Gewebe aus Abtreibungen in der staatlich finanzierten Forschung beenden. Die Gesundheitsbehörde National Institutes of Health (NIH) teilte am Freitag mit, dass NIH-Mittel mit sofortiger Wirkung nicht mehr für Projekte eingesetzt werden dürften, die solches Gewebe verwenden. Auch habe man eine Untersuchung eingeleitet, um zu überprüfen, ob der Abtreibungsdienstleister „Planned Parenthood“ Darlehen für Kleinunternehmer in Höhe von 88 Millionen US-Dollar, die noch aus einem während der Corona-Pandemie aufgelegten Fonds stammen, rechtmäßig verwende. All diese und weitere Maßnahmen fasste das Weiße Haus auch in einer Mitteilung zusammen, die Trump im üblichen bombastischen Stil als den „größten Lebensschützer unter allen US-Präsidenten“ bezeichnete.
Genau jene Behauptung ist es allerdings, die auch führende Vertreter der Lebensrechtsbewegung wie Marjorie Dannenfelser, Präsidentin der Lebensrechtorganisation „Susan B. Anthony Pro-Life America“, zuletzt hinterfragt hatten. Der Grund ist allen voran die bereits erwähnte Abtreibungspille: Die Trump-Regierung hatte versprochen, eine gründliche Überprüfung des chemischen Präparats durchzuführen. Zu einer Regulierung kam es jedoch nicht. Im Gegenteil: Im Oktober 2025 erteilte die Gesundheitsbehörde „Food and Drug Administration“ (FDA) dem Pharmahersteller „Evita solutions LLC“ die Erlaubnis, eine generische Version der Abtreibungspille auf den Markt zu bringen. Kritiker, unter ihnen auch republikanische Abgeordnete und Senatoren, meldeten erhebliche Bedenken an: Die hohe Zahl medizinischer Zwischenfälle nach der Einnahme zeige, dass das Präparat keinesfalls so wirksam und sicher sei, wie vom Hersteller behauptet.
Anfang Januar sorgte Trump unter vielen US-Lebensrechtlern abermals für Kopfschütteln, als er die Republikaner im Kongress aufforderte, flexibler mit dem sogenannten „Hyde Amendment“ umzugehen, das die staatliche Finanzierung von Abtreibung mit Steuergeldern verbietet. Es handelt sich dabei nicht um ein eigenständiges Gesetz, sondern um eine Zusatzklausel, die im legislativen Prozess stets aufs Neue in potenzielle Gesetze hineinverhandelt werden muss.
Vance: Zivilisation unter Gott bleiben
Dem warmen Empfang, den die Teilnehmer des „March for Life“ dem Vizepräsidenten Vance am Freitag bereiteten, tat dies keinen Abbruch. Die punktgenauen politischen Maßnahmen im Sinne der Lebensrechtler zeigen auch, dass der US-Regierung durchaus bewusst zu sein scheint, welch gewichtige Rolle die Pro-Life-Szene auch in Zukunft für sie spielen dürfte. Und auch wenn Trump wohl den Eindruck nie ganz wird zerstreuen können, vorrangig aus wahltaktischen Gründen den Lebensschutz zu betonen: An der Aufrichtigkeit der Worte von J.D. Vance wird kaum jemand zweifeln, wenn er vor den versammelten Marschteilnehmern erklärte, welch existenzielle Fragen auf dem Spiel stünden: „Es geht darum, ob wir eine Zivilisation unter Gott bleiben, oder ob wir schließlich zum Heidentum zurückkehren, das die Vergangenheit geprägt hat.“
Jennie Bradley Lichter, die neue Präsidentin des „March for Life“, gab sich jedenfalls überzeugt, dass die Trump-Regierung und die Lebensrechtsbewegung Hand in Hand marschierten, um die Zahl der Abtreibungen zu reduzieren. Bereits jetzt seien „großartige Pro-Life-Gesetze“ erlassen worden. „Und es ist erst eines von vier Jahren der Amtszeit vorbei.“
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