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Was Macron von Orbán lernen könnte

Emmanuel Macrons Geburtenpolitik ist nicht nur kurzsichtig, sie ist auch brandgefährlich.
Frankreichs Präsident Macron beim Weltwirtschaftsforum in Davos
Foto: IMAGO/Ludovic Marin/Pool/Bestimage (www.imago-images.de) | Würde mehr Neugeborene mit offenen Armen empfangen: Frankreichs Präsident Macron beim Weltwirtschaftsforum in Davos.

Auf die drastisch sinkende Geburtenrate in Frankreich antwortet Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron mit der Ankündigung einer „demographischen Wiederaufrüstung“. Hinter der vollmundigen Vokabel steckt vor allem eine Maßnahme, die es in sich hat: Der Präsident möchte die Elternzeit, die drei Jahre dauern kann, durch einen sechsmonatigen, besser bezahlten „Geburtsurlaub“ (congé de naissance) für beide Elternteile ersetzen. Mütter hätten Angst, so Macron, dass die lange Elternzeit ihre Karriere zu lange unterbräche – ganz als ob Mütter bisher gezwungen wären, sich drei Jahre lang ausschließlich um ihren Nachwuchs zu kümmern.

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Die Realität sieht anders aus: Ein Großteil der jungen, berufstätigen Mütter entscheidet sich in Frankreich ohnehin bereits heute dafür, noch vor dem ersten Geburtstag ihres Neugeborenen ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Oft eine schwere Entscheidung, weil es finanziell einfach nicht anders geht.

Macrons „Geschenk“ ist ein Kuckucksei

Macrons „Geschenk“ an zukünftige Eltern ist ein Kuckucksei. Denn wer es anders machen möchte, dem wird zukünftig nur die komplette Kündigung bleiben. Ob sich unter diesen Umständen mehr Menschen für ein (weiteres) Kind entscheiden, darf eher bezweifelt werden. Dass es Eltern geben könnte, die nicht nur deshalb Kinder bekommen, um langfristig das Überleben der Nation zu sichern, sondern sie auch gerne aufwachsen sehen würden, kommt dem Präsidenten nicht in den Sinn. 

Das kann man nicht damit entschuldigen, dass er selbst keine hat. Dass die Geburtenrate auch deshalb seit Jahrzehnten sinkt, weil Frauen mit der gleichzeitigen Forderung nach Kindern und Karriere die Quadratur des Kreises abverlangt wird, wird komplett ignoriert. Dass sämtliche entwicklungspsychologischen Expertisen händeringend davon abraten, Kinder unter drei Jahren in die Fremdbetreuung zu geben, ebenso. Beides passt einfach nicht ins Narrativ.

Macron lässt die Katze auch gleich mit aus dem Sack: Der kurze Geburtsurlaub solle verhindern, dass Mütter „zu lange vom Arbeitsmarkt ferngehalten werden“. Heißt im Klartext: Zwang zur Fremdbetreuung statt echter Wahlfreiheit. Es geht dem Präsidenten nicht um das Glück der Familien, sondern allein um den Arbeitsmarkt. Schon lange hat sich bei den Franzosen der Eindruck festgesetzt, ihr Wohlergehen sei dem Präsidenten egal. Spätestens die Gelbwesten-Proteste 2018 haben gezeigt: Von den großsprecherischen Worthülsen ohne Inhalt hat vor allem der kleine, hart arbeitende Mittelstand genug. Er wird sich auch jetzt nicht täuschen lassen. 

Macrons bisheriges Rezept: unkontrollierte Immigration

Immerhin, angesichts der alarmierenden Zahlen kann der Präsident die sinkende Geburtenrate nicht mehr ignorieren. Aber genau diese Zahlen zeigen eben auch, was die Macron-Ära tatsächlich dagegen tut, nämlich unkontrollierte Massenimmigration. 30 Prozent der Neugeborenen haben mittlerweile ein Elternteil, das nicht aus der EU stammt. Zu den nicht mehr zu ignorierenden Schattenseiten dieser Politik gehören Einwanderung in die Sozialsysteme, steigende Unsicherheit auf den Straßen und gerade auch an den Schulen: Auch das dürfte nur wenige Menschen zu mehr Kindern animieren.

Wie man Menschen tatsächlich ermutigt, wieder mehr Kinder zu bekommen und ganz ohne Einwanderung auch die Geburtenrate stabilisiert, könnte Emmanuel Macron bei Viktor Orbán in Ungarn lernen. Dazu bräuchte es allerdings etwas Demut.

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Franziska Harter Emmanuel Macron

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