Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Leitartikel

Stiere packt man bei den Hörnern

Leihmutterschaft ist die Spitze eines riesigen Eisbergs. Der Rubikon wurde mit der Zeugung im Labor überschritten.
Laborzeugung von Menschen
Foto: IMAGO / ZUMA Press Wire | Nachhaltig wäre, den Stier bei den Hörnern zu packen und die Laborzeugung von Menschen zu verbieten.

Ist Leihmutterschaft eine moderne Form der Sklaverei? Unbestreitbar. Eine, welche die Reproduktionsfähigkeit von Frauen so skrupellos ausbeutet? Selbstverständlich. Kodifizieren Leihmutterschaftsverträge den menschenrechtswidrigen Handel von Kindern? Zweifellos. Deklariert Leihmutterschaft Kinder zu Waren und hängt ihnen Preisschilder um? Sicherlich. Ebnet Leihmutterschaft den Weg zu Kindesmissbrauch und Organhandel? Bei Bestien auch das.

Lesen Sie auch:

Listen mit Fragen wie diesen ließen sich noch lange fortsetzen. Die Eindeutigkeit, mit der sie sich beantworten lassen, zeigt: Es gibt mehr als nur einen Grund, Leihmutterschaft weltweit zu ächten und ihre Profiteure strafrechtlich zu verfolgen. Was eine weitere Frage aufwirft. Nämlich die, warum dies nicht längst geschehen ist.

Die Laborzeugung ist ein Verbrechen

Die Antwort lautet: Leihmutterschaft ist nicht die Wurzel des Übels. Sie ist „nur“ die derzeitige Spitze eines gewaltigen Eisberges. Leihmutterschaft gibt es – ebenso wie menschliche Embryonen verbrauchende Stammzellforschung, die selektive Präimplantationsdiagnostik, die Eizellspende, das „Social Freezing“, das Einfrieren und Lagern von Eizellen zwecks späterer Befruchtung oder gar die Produktion von Designer-Babys – nur aus einem einzigen Grund: weil sich die Menschheit nicht bereitfand, die Laborzeugung als Verbrechen zu betrachten. Dabei ist sie genau das. Und zwar von Anfang an.

Im Grunde besteht die Geschichte der Reproduktionsmedizin aus einer Aneinanderreihung schwerwiegender Verstöße gegen Ethik und Recht. So sehr, dass sie nur der recht versteht, der sie als Kriminalgeschichte liest. In dem 1980 erschienenen Buch „A Matter of Life. The Story of a Medical Breakthrough“, das der britische Tiermediziner Robert Edwards zusammen mit dem Gynäkologen Patrick Steptoe verfasste, beschreiben beide den Weg zur ersten erfolgreichen Reagenzglasbefruchtung bis in Details. Von Experimenten mit menschlichen Eizellen in Tieren, die Edwards mit seinem eigenen Sperma befruchtet hatte, ist ebenso die Rede wie von Patientinnen, denen die Gebärmutter entnommen wurde und die Steptoe auf Drängen von Edwards bat, am Vorabend der Operation mit ihren Partnern geschlechtlich zu verkehren.

Lesley Brown, die Mutter des weltweit ersten Retortenbabys Louise Brown, ließen Edwards und Steptoe im Glauben, sie unterziehe sich einer etablierten Therapie, mit der schon Hunderte Babys erzeugt worden seien. Dass beide zuvor nur Fehlversuche produziert hatten –Schätzungen sprechen von „mindestens 60“ – erfuhr sie erst später. Ohne künstliche Befruchtung hätte kein Embryo je den Weg ins Labor gefunden, würde gegenwärtig weder an der Erschaffung „synthetischer Embryonen“ noch an „künstlichen Gebärmüttern“ geforscht.

Die Laborzeugung von Menschen verbieten

Der einzige globale Player, der früh ins Wort hob, dass die assistierte Reproduktionsmedizin weit mehr Schatten als Licht im Gepäck führte, war die katholische Kirche. Ihre Mahnungen, die „Würde der Person“ und die „Grenzen einer vernunftgemäßen Herrschaft über die Natur“ (Donum vitae) zu wahren, anstatt den Zeugungs- vom Geschlechtsakt zu trennen, wurden, wie ihre Einlassungen zur Empfängnisregelung, skandalisiert, verspottet und in den Wind geschlagen.

Dabei spricht sowohl die Zahl der Todesopfer beider Technologien als auch die durch sie physisch und psychisch Verstümmelten längst eine unmissverständliche Sprache. So gut es ist, wenn Frauen- und Lebensrechtler sich bei der Leihmutterschaft zu einer „Allianz der Vernunft“ bereitfinden: Nachhaltig wäre, den Stier bei den Hörnern zu packen und die Laborzeugung von Menschen zu verbieten.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stefan Rehder Lebensschutz

Weitere Artikel

Kirche

Gott vergibt, die Natur nicht. Warum das Zeugnis der Kirche für die Würde des Menschen in bioethischen Fragen unverzichtbar ist.
30.09.2026, 06 Uhr
Stefan Rehder
Ausgerechnet Hamburgs Erzbischof Heße soll künftig die DBK-Kommission für Familie, Jugend und Erziehung leiten. In seinem Erzbistum tobt ein erbitterter Streit um genau diese Themen.
29.09.2026, 14 Uhr
Sina Alsayed
Mit 56 Jahren ließ César Ortiz-Echagüe seine Architektenkarriere hinter sich und wurde Priester. Nun ist der langjährige Opus-Dei-Regionalvikar in Deutschland mit 99 Jahren gestorben.
29.09.2026, 11 Uhr
José García