Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Abtreibung

„Pro familia“? Anti familia!

Lobbyarbeit für die Legalisierung von Abtreibung statt nur „Schwangerschaftskonfliktberatung“: Wie der Staat einen Verband stützt, der zentrale Artikel des Grundgesetzes aushebeln will.
Beratung bei "pro familia"
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Die Beratungsarbeit von pro familia umfasst die Themen „sexuelle und reproduktive Rechte“ unter anderem in den Bereichen Verhütung, Kinderwunsch und Abtreibung, die als „Rechte“ beziehungsweise „Menschenrechte“ ...

Der bekannteste Abtreibungsanbieter Deutschlands ist pro familia Deutsche Gesellschaft für Familienplanung, Sexualpädagogik und Sexualberatung e. V. Obwohl Abtreibung in der Bundesrepublik nach § 218 Strafgesetzbuch verboten ist und nur unter bestimmten Voraussetzungen nicht strafverfolgt wird, erfährt pro familia auf zahlreichen Ebenen die Unterstützung des Staats.

Lesen Sie auch:

Der Name des Verbandes ist vielen geläufig, seine tatsächliche inhaltliche Breite und seine engen Verflechtungen mit staatlichen Stellen dagegen weniger. Die Beratungsarbeit von pro familia umfasst die Themen „sexuelle und reproduktive Rechte“ in den Bereichen Sexualität, Verhütung, Kinderwunsch, Schwangerschaft, Abtreibung, Elternschaft, Partnerschaft und Gesundheit, immer auch mit Blick auf gesellschaftliche Minderheiten (LSBTIQ+, Behinderte, Migranten) und nicht zuletzt Kinder und Jugendliche.

Hinter dem Begriff der „sexuellen und reproduktiven Rechte“ verbergen sich unzählige Maßnahmen und Rechte, die aus katholischer Sicht teilweise unproblematisch erscheinen, etwa die Rechte auf Leben, Versammlungsfreiheit oder Zugang zu Gesundheitsversorgung, zugleich aber auch in positive Sprache gekleidete, hochproblematische Handlungen, die als „Rechte“ beziehungsweise, „Menschenrechte“ geframt werden: etwa Abtreibung, Druck auf Angehörige medizinischer Berufe zur Mitwirkung an Abtreibungen, „Kinderwunschbehandlung“, zu der auch Samen- und Eizellspende, künstliche Befruchtung und Leihmutterschaft gehören können, oder „sexuelle Bildung“.

Ein Schwerpunkt der Beratungsarbeit von pro familia liegt auf Schwangerschaftsberatungen (36 Prozent) und Beratung nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz, bei denen der Beratungsschein für die in Deutschland rechtswidrige, aber straffreie Abtreibung ausgestellt wird (27 Prozent). Im Jahr 2023 wurden in den vier medizinischen Zentren von pro familia 3791 medikamentöse oder chirurgische Abtreibungen durchgeführt. Die medizinischen Institute hatten außerdem medizinische Beratung, Schwangerschaftstests, Sterilisationen und ärztliche Untersuchungen, einschließlich Pränataldiagnostik, im Angebot. Alle Zahlen stammen, sofern nicht anders angegeben, von pro familia selbst.

Sexualpädagogik und Forschungsprogramme

Pro familia führt auch zahlreiche sexuelle Bildungsveranstaltungen durch, die inhaltlich die sexualpädagogischen Ansätze der Gesellschaft für Sexualpädagogik e. V. (gsp) und des Instituts für Sexualpädagogik (isp) vermitteln und sich insbesondere an Kinder und Jugendliche beziehungsweise Kitas, Schulklassen und Freizeiteinrichtungen (sieben Prozent) sowie Multiplikatoren, Eltern, Lehrer und Erzieher (20 Prozent) richten. Im Jahr 2023 fanden allein in Baden-Württemberg 3500 dieser Bildungsveranstaltungen statt. Der Mensch wird darin als ein von Geburt an sexuelles Wesen angesehen, das ein lebenslanges Recht auf selbstbestimmte Sexualität habe. Sexuelle Bildung in möglichst frühem Alter verhelfe Kindern zu einer positiven Sicht auf ihren Körper und auf Sexualität und schütze sie vor sexuellem Missbrauch.

Der Verband veranstaltet außerdem Fachtagungen zu Themen wie Pränataldiagnostik, Leihmutterschaft, Behinderung und Sexualität, Prostitution oder LSBTIQ+-Sexualität. Er gibt über 200 verschiedene Broschüren und Zeitschriften heraus und produziert unzählige Videos, Webinare und Social-Media-Beiträge, die sich vorwiegend an junge Menschen richten oder die politischen Forderungen des Verbandes thematisieren. Auch Forschungsvorhaben gibt der Verband in Auftrag.

Politische Ziele und internationale Vernetzung

Nicht zuletzt ist pro familia eine national und international tätige Lobbyorganisation, die die Vernetzung und Kooperation mit der Politik und unterschiedlichen gesellschaftlichen Akteuren und Institutionen intensiv vorantreibt. Zentrale politische Ziele sind die Legalisierung und umfassende Finanzierung von Abtreibung, die Umsetzung sexueller Bildungsprogramme für alle Altersgruppen in Anlehnung an die WHO-Standards für die Sexualaufklärung in Europa sowie die Förderung von Frauen und sexuellen Minderheiten.

Nach eigenen Angaben zählt pro familia rund 2700 Mitglieder. Der Verband unterhält eine Bundesgeschäftsstelle in Frankfurt mit sechs Fachausschüssen, 16 Landesverbände und 38 Kreis- oder Ortsverbände. Er ist Mitglied der weltweit größten Dachorganisation von Abtreibungsorganisationen, International Planned Parenthood Federation (IPPF), und im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband. In der Bundesrepublik unterhält pro familia derzeit 200 Beratungsstellen und in Bremen, Mainz, Rüsselsheim und Saarbrücken vier medizinische Zentren mit insgesamt etwa 1200 hauptamtlichen Mitarbeitern.

Kritiker werfen dem Verband nicht nur seine Haltung zur Abtreibung als angebliches Menschenrecht, systematische vorgeburtliche Kindstötung und ideologische Zerstörung von Ehe und natürlicher Familie vor, sondern auch die Tatsache, dass er seit den 1970er-Jahren pädosexuellen Lobbyisten wie dem pädokriminellen Missbrauchstäter Helmut Kentler auf Tagungen und in Publikationen ein Forum geboten habe. Die Prämissen seines sexualpädagogischen Ansatzes hätten in modernisierter Form über Sexualpädagogen wie Uwe Sielert, Elisabeth Tuider, Heinz-Jürgen Voß, Stefan Timmermanns, Jörg Maywald und Karlheinz Valtl Eingang in ihre gegenwärtigen sexuellen Bildungsveranstaltungen gefunden. Der Nachruf des pro familia Bundesverbandes zu Kentlers Tod im pro familia magazin 4/2008 liest sich enthusiastisch: „Wir werden Helmut Kentler als engagierten Verfechter einer offenen Sexualmoral in ehrendem Gedächtnis behalten.“ Erst im Jahr 2016 erschien eine von pro familia beauftragte Selbstaufklärungsstudie zu Helmut Kentler. Der Verband distanzierte sich schließlich 2019 offiziell von ihm, ohne aber die Grundannahmen der eigenen sexuellen Bildungsveranstaltungen zu hinterfragen.

Spätestens an dieser Stelle stellt sich die Frage, wie sich die Ziele und Aktivitäten von pro familia zu den zentralen Wertentscheidungen des deutschen Verfassungsrechts verhalten. Die im Grundgesetz verankerte Unantastbarkeit der Menschenwürde und die Unverletzlichkeit der Person gehören zu den höchsten Maximen der deutschen Verfassung. Das Bundesverfassungsgericht hat deshalb in seinem Urteil vom 28. Mai 1993 verdeutlicht, dass einem ungeborenen Kind der rechtliche Schutz auch gegenüber seiner Mutter gebühre und somit ein grundsätzliches Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch mit der Verfassung unvereinbar sei.  Art. 1 des Grundgesetzes unterliegt der Ewigkeitsklausel (Art. 79, Absatz 3), darf also niemals geändert werden. Pro familia fordert aber genau dies: ein Recht, Kinder vor der Geburt töten zu dürfen. Ist der Verband also ein Fall für den Verfassungsschutz?

Staatliche Förderung und politische Zusammenarbeit

Nichts dergleichen, so scheint es, denn der Staat fördert pro familia in einer Intensität, die den Eindruck erweckt, es handle sich um eine staatliche Behörde. Die folgenden Beispiele zeigen das Ausmaß der Unterstützung – auch vor dem Hintergrund der staatlichen Nichtförderung von Lebensrechtsverbänden und Organisationen mit konkurrierenden sexualpädagogischen Ansätzen.

Pro familia erhält Steuermittel des Bundes, der Länder und der Kommunen. Allein die Bundesgeschäftsstelle von pro familia erhielt im Jahr 2025, laut einer Presseerklärung des Bundestages, 854.000 Euro Steuermittel vom Bund. Zusätzlich wurden unzählige pro familia-Projekte und -Forschungsvorhaben durch das Bundesfamilienministerium gefördert, etwa das dreijährige Projekt „Sexuelle und reproduktive Rechte KONKRET“, das „Fachdialognetz für Gleichstellung bei sexuellen und reproduktiven Rechten“ oder das Forschungsprojekt „KAST“ der Hochschule Merseburg und des pro familia Bundesverbands zu Spätabtreibungen.

Auch andere Ressorts sind involviert: Das Bundesbildungsministerium gab im November 2025 bekannt, dass im Rahmen der Finanzierung von Freiwilligendiensten die Zuschüsse zur Schwangerschaftskonfliktberatung von pro familia im Jahr 2026 um 250.000 Euro erhöht würden. Steuermittel erhält pro familia auch indirekt, etwa durch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (heute: Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit), welche Fortbildungsveranstaltungen des pro familia Bundesverbandes gefördert hat, oder indem das Bundesfamilienministerium die Modernisierung der Webseite des Deutschen Arbeitskreises für Jugend-, Ehe- und Familienberatung (DAKJEF) finanziert, dessen Vorstandsvorsitzender pro familia-Mitglied ist. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit hat 2022 im Rahmen der mit mehr als 1,2 Millionen Euro geförderten Initiative „Strengthening Sexual and Reproductive Health and Rights“ auch die Dachorganisation von pro familia, International Planned Parenthood Federation (IPPF), mitfinanziert.

Auf Grundlage des Schwangerschaftskonfliktgesetzes (SchKG) tragen die Bundesländer zudem die Personal- und Sachkosten der staatlich anerkannten Schwangerschaftsberatungsstellen in freier Trägerschaft, so auch die von pro familia. Zwar soll die Schwangerschaftskonfliktberatung laut SchKG ergebnisoffen erfolgen und dem Schutz des ungeborenen Lebens dienen, und zwar dürfen Beratungsstellen mit keiner Einrichtung, in der Abtreibungen stattfinden, organisatorisch oder durch wirtschaftliche Interessen verbunden sein, jedoch schließt dies nicht aus, dass sich etwa in Bremen oder Rüsselsheim, pro familia-Beratungsstelle und pro familia-Abtreibungsklinik im selben Gebäude befinden.

Enge kommunikative Verzahnung

Zusätzliche Förderung aus Landeshaushalten erhalten Beratungsstellen im Bereich Ehe, Familie und Partnerschaft über die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege. Pro familia ist Mitglied im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband, der eine ähnliche Position zu Abtreibung vertritt. Während das Bayerische Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales (StMAS) auf Anfrage der „Tagespost“ erklärte, die bayerische Landesregierung fördere nicht pro familia, sondern lediglich die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege, bedankt sich pro familia in Jahresberichten des Arbeitskreises DAKJEF explizit beim Referat für Familienförderung, Familienbildung, Schutz des ungeborenen Lebens des StMAS für die finanzielle Förderung der Ehe- und Familienberatungsstellen.

Hinzu kommt eine enge inhaltliche und kommunikative Verzahnung mit staatlichen Stellen. Regierungs- oder Behördenseiten sind nicht selten mit pro familia-Webseiten verlinkt, etwa die Seite des Bundesfamilienministeriums zum Schwangerschaftsabbruch. In der Suchmaske der Kinderschutzseite des baden-württembergischen Sozialministeriums tauchen 20 Einträge zu pro familia auf. Das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit und pro familia verweisen wechselseitig auf ihre Expertise.

Regierungsvertreter sprechen immer wieder auf pro familia-Tagungen Grußworte und vermitteln auf diese Weise ihre Wertschätzung, so etwa eine Ministerialrätin des Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg auf einer Tagung von pro familia über sexuelle Bildung für behinderte Menschen im Februar 2024. Auf dem von der niedersächsischen Landesregierung geförderten Kinderschutzkongress „Selbstgewählt und Selbstbestimmt – Sexualpädagogische Begleitung als Teil des Kinderschutzes“, der vom Kinderschutzbund und pro familia im Mai 2024 ausgerichtet wurde, richtete der niedersächsische Sozial- und Gesundheitsminister Andreas Philippi das Grußwort an die Teilnehmer.

Kinderschutz aus der Abtreibungslobby

Da das Schwangerschaftskonfliktgesetz vorsieht, dass Schwangerenberatungsstellen am Kinderschutz mitwirken, sind die staatlich anerkannten Beratungsstellen von pro familia sozusagen automatisch im Kinderschutz tätig – unabhängig davon, dass pro familia jährlich Tausende ungeborene Kinder tötet. Tatsächlich versteht der Verband seine sexuellen Bildungsangebote für (Klein-)Kinder als Beitrag zum Kinderschutz; staatliche Stellen ermöglichen pro familia flächendeckend Zugang zu staatlichen Kitas, Schulen und anderen Bildungseinrichtungen. Da die vom Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit für Kinder und Jugendliche bereitgestellten sexualpädagogischen Materialien denen von pro familia inhaltlich und sprachlich zum Verwechseln ähnlich sind, wirkt die Abtreibungsorganisation wie dessen verlängerter Arm.

Entsprechend ist pro familia auch an der Konzeptentwicklung für staatliche Programme beteiligt, etwa an der Entwicklung eines einheitlichen, für alle Schulen geltenden Schutzkonzeptes gegen sexualisierte Gewalt unter Federführung des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung in Baden-Württemberg, am Aktionsplan „Queer leben“ des Bundesbildungsministeriums und an unzähligen weiteren.

Darüber hinaus nimmt der Verband an Anhörungen teil, etwa 2024 im Bundestagsausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, bei der es um sogenannte „Gehsteigbelästigungen“ ging, also das friedliche Singen, Beten und Bilderzeigen vor Beratungsstellen oder Abtreibungskliniken. Letzteres ist mittlerweile im Umkreis von 100 Metern um die entsprechenden Institutionen herum verboten – ungeachtet der grundgesetzlich verbürgten Rechte auf freie Meinungsäußerung, Demonstrationsfreiheit und Religionsfreiheit.

Zusammenfassend entsteht der Eindruck, dass Bundes- und Landesregierungen und andere staatliche Akteure ganz überwiegend und regierungsparteiübergreifend so handeln, als seien die von pro familia unablässig propagierten „sexuellen und reproduktiven Rechte“ längst Teil der Verfassung und müssten nur noch praktisch umgesetzt werden. Unterstützung kommt hier regelmäßig auch von der Europäischen Union, die zwar in Bezug auf Abtreibung und Familienpolitik keinerlei Zuständigkeit in den EU-Mitgliedstaaten hat, aber dennoch durch Resolutionen und Programme Druck ausübt und die internationale Abtreibungslobbyorganisation IPPF finanziert.

So erscheint pro familia letztlich als dankbar alimentierte Speerspitze all jener Kräfte im deutschen Rechtsstaat, die – Grundgesetz und Ewigkeitsklausel hin oder her – gerne ein paar Artikel des Grundgesetzes zugunsten der allumfassenden individuellen sexuellen „Freiheit“ schleifen möchten.


Die Autorin ist Sozialwissenschaftlerin, Sozialpädagogin und freie Journalistin.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Susanne Hartfiel Bundesfamilienministerium Deutscher Bundestag Leihmutterschaft

Weitere Artikel

Loretto, Gebetshaus Augsburg, FOCUS: Die ARD nimmt sich „hippe“ missionarische Initiativen zur Brust. Doch auch nach zwei Jahren Recherche bleiben die Vorwürfe dünn.
16.12.2025, 19 Uhr
Jakob Ranke
Wie die Ampelregierung vorgeburtliche Kindstötungen zu einer normalen Gesundheitsdienstleistung machen will. Eine Analyse.
12.07.2024, 17 Uhr
Stefan Rehder

Kirche

Verkaufen, verschenken oder umbauen? Ein Studientag in Paderborn beleuchtet die Umsetzung christlicher Gotteshäuser.
12.03.2026, 19 Uhr
Regina Einig
„Eine der prägendsten Gestalten der katholischen Kirche in der DDR“: Joachim Wanke ist tot. Er war der erste Bischof des wiedergegründeten Bistums
12.03.2026, 11 Uhr
Meldung
Niedersachsens Reformpläne verwässern den Religionsunterricht weiter. Doch der will schon seit der Würzburger Synode keine klassische Glaubensunterweisung mehr sein.
11.03.2026, 11 Uhr
Sebastian Ostritsch