Herr Schwartz, Armenien hat im Jahr 301 als erstes Reich das Christentum als Staatsreligion angenommen, doch heute erlebt das Land einen scharfen Konflikt zwischen der Regierung und der Armenisch-Apostolischen Kirche. Woran liegt das?
Das liegt an wechselseitigen Vorwürfen und persönlichen Animositäten. Ich halte es für schwierig, ja für unangemessen, wenn ein Vertreter der Regierung das Oberhaupt einer Kirche zum Rücktritt auffordert. Ebenso ist es zu kritisieren, wenn das Oberhaupt einer religiösen Gemeinschaft in seiner kirchlichen Funktion den Sturz der Regierung fordert. Beides sollte in einem demokratischen Rechtsstaat undenkbar sein.
Die Armenisch-Apostolische Kirche ist nicht nur Nationalkirche, sondern versteht sich als Hüterin der nationalen Identität. Rechtfertigt das eine besondere Rolle?
In der Tat war die Armenisch-Apostolische Kirche in jener Zeit, in der es keinen armenischen Staat gab, die Hüterin der nationalen und kulturellen Identität des armenischen Volkes. Das ist unbestritten. Daraus resultiert aber kein Suprematie-Anspruch der Kirche über den Staat. Die Kirche kann und muss alle Möglichkeiten in Anspruch nehmen, die ihr der Rechtsstaat bietet, ihre Unabhängigkeit zu schützen, aber sie darf sich nicht an die Stelle des Staates oder über den Staat stellen.
Ist die Religionsfreiheit hier in Gefahr?
„Die Religionsfreiheit darf nicht angetastet werden"
Die Religionsfreiheit darf nicht angetastet werden. Es muss ein gesundes Verhältnis zwischen Kirche und Staat erst noch gefunden werden. Das ist ein Lernprozess, in dem beide Seiten Kompromisse machen müssen. In einem so kleinen Land, das umgeben ist von Nachbarn, die es sich nicht ausgesucht hat und die nicht gerade wohlgesinnt sind, wäre es im Sinn des gesellschaftlichen Zusammenhalts, den Konflikt nicht eskalieren zu lassen, sondern zum Weg des Miteinanders zurückzufinden.
Die Regierung wirft Vertretern der Kirchenleitung vor, wie russische Einflussagenten zu agieren. Abgeordnete der Regierungspartei meinen, der Katholikos sei FSB-Agent. Gibt es einen russischen Einfluss auf die Leitung der Armenisch-Apostolischen Kirche?
Diese Kirche versteht sich als Kirche aller Armenier. Wenn man weiß, dass rund acht Millionen Armenier außerhalb der Republik Armenien leben und von diesen wiederum ein nicht unbeträchtlicher Teil in Russland lebt, dann ist nicht auszuschließen, dass russische Einflüsse wahrzunehmen sind. Zumal der Bruder des Katholikos Metropolit in Russland ist. Allerdings ist es weder die Aufgabe von Renovabis, sich zum Richter darüber zu machen, ob die Armenisch-Apostolische Kirche mit Russland verwoben ist, noch haben wir dazu die notwendigen Einblicke. Unsere Aufgabe ist es, den notleidenden Menschen in Armenien mit unseren Partnern zur Seite zu stehen und die Gesellschaft aufzubauen.
Die am 7. Juni bevorstehende Parlamentswahl wird zur geopolitischen Richtungswahl zwischen einer Wiederannäherung an Russland und einer verstärkten Orientierung an Europa. Hat das auch eine ethische Dimension?
Jenseits der Frage, ob sich ein Staat aus dem Einfluss Putins befreit oder nicht, ist Renovabis immer an der Seite der Menschen. Wir sind überzeugt, dass eine Ausrichtung an der Rechtsstaatlichkeit und der Würde des Menschen, am Minderheitenschutz und an sozialer Gerechtigkeit immer wichtig ist. Wenn sich Armenien auf den Weg macht, diese europäischen Standards zu entfalten, sind wir jenseits der Frage einer möglichen künftigen EU-Mitgliedschaft sehr dafür.
Wie kann man den aus ihrer Heimat vertriebenen Armeniern aus Berg-Karabach (Arzach) helfen?
Die Projekte, die unsere Partner in Armenien unterstützen, haben das Ziel, den Menschen in ihren Traumatisierungen zur Seite zu stehen und sie resilienter zu machen, um ihre Existenz in einem neuen Umfeld neu aufbauen zu können. Hier helfen wir sehr gerne. Ich weiß, dass diese rund 120.000 Heimatvertriebenen im Herzen der Armenisch-Apostolischen Kirche wie auch der Armenisch-Katholischen Kirche sind.
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