Afrika ist ein Kontinent des Aufbruchs, insbesondere aus katholischer Sicht. Die Kirche wächst, es sind vor allem junge Menschen, von denen sie getragen wird, mit ihrer Begeisterung für Glaube und Liturgie, und sie schenkt der Weltkirche zunehmend Priester und Ordensleute, die andernorts Lücken schließen. Die katholische Mission im 21. Jahrhundert ist vielfach eine afrikanische Mission. So überrascht es nicht, dass Papst Leos Entschluss, nach Afrika zu reisen, schon bald nach seiner Wahl erfolgte. Auch seine Vorgänger hatten ihren Blick auf Europas südlichen Nachbarn gerichtet. Doch diesmal war es noch eindringlicher, schon wegen der langen Reisedauer, der gesellschaftlichen Vielfalt der vier Gastländer und auch wegen der Dringlichkeit seiner politischen Botschaften. Leos zentraler Appell an die Gläubigen: Wir als Kirche sind geborene Friedensstifter. Setzt das um in eurer Heimat und lasst euch dabei nicht aufhalten von machtverliebten, korrupten Herrschern vor Ort.
Von Versöhnung profitieren alle
In einer Zeit, in der die Wahrnehmung von den Kriegen in Nahost und der Ukraine bestimmt wird, war es eine klug gewählte Choreografie, Leos eindringlichen Aufruf zum gewaltlosen Miteinander in einer Weltregion zu platzieren, die in Vergessenheit zu geraten droht, für Friedensappelle aber einen ebenso großen Resonanzboden bietet wie der Nahe Osten oder die Schwarzmeerregion. Man denke an den seit drei Jahren tobenden Bürgerkrieg im Sudan, an die Kämpfe um Ostkongos Bodenschätze oder an die Autokratien des Kontinents. Bei genauer Betrachtung kann es kaum einen besseren Platz geben als Afrika für Leos Aufruf, dass von Versöhnung alle profitieren.
Wie wichtig Frieden ist als Zustand des respektvollen Miteinanders, der Toleranz gegenüber Andersgläubigen und der Bereitschaft, voneinander zu lernen, zeigte sich bei Leos erster Station in Algerien. In diesem muslimisch dominierten Maghreb-Staat sind Katholiken eine kleine Minderheit. Es ist für sie eine Herausforderung, ihren Glauben in einem nicht immer einfachen Umfeld zu bekennen. Wie wichtig es ist, dass solche Minderheiten vom Geist des Miteinanders beseelt sind und ihn leben – für die eigene Identität wie für die Gesellschaft insgesamt – hat Leos Besuch mit bewegenden Bildern aus Algier und Annaba (dem antiken Hippo) gezeigt. Der Papst hat den Menschen Mut gemacht und der Welt von Nordafrika aus die Botschaft gesandt, dass Katholiken Salz der Erde sind, mit offenem Herz für andere, mit dem Einsatz für den Dialog mit dem Islam und mit ihrem Dienst für Schwache. Vor diesem Hintergrund ist Donald Trumps jüngster Angriff auf den Papst noch unbegreiflicher. Papst Leo XIV. ging in Algerien den Weg des Austauschs mit dem Islam unbeirrt weiter, den Benedikt XVI. und Franziskus schon beschritten haben.
Eine lange Reise stand Leo bevor, um nach Kamerun zu gelangen – auf demselben Kontinent gelegen, aber doch wie auf einem anderen Stern. Ein Erdteil, zwei Welten: Auch auf diese Vielschichtigkeit Afrikas machte Leo die Welt mit seinem Besuch aufmerksam. Oft wird gesagt, das Herz des Kontinents schlage in seiner Mitte, von der Kamerun einen guten Teil bildet. Leo wird es bei den stimmungsvollen Begegnungen und freudvollen Gottesdiensten wohl ähnlich empfunden haben. Doch die Konzentration des Pontifex hat in Jaunde und Umland einem weniger schönen Thema gegolten, das er so unmittelbar angesprochen hat wie keiner seiner Vorgänger, das in direktem Zusammenhang mit seiner Friedensbotschaft steht und das besonderen Mut erfordert. Gemeint sind Autokratie, Korruption und Vetternwirtschaft als Gefahr für den Frieden. Unter ihnen leiden viele Staaten Afrikas.
Leo sprach auch hausgemachte Probleme an
Papst Franziskus hätte möglicherweise die Schuld des globalen Nordens an Hunger und Armut im Süden betont. Leo aber scheute sich in Kamerun nicht, hausgemachte Probleme anzusprechen. Kamerun ist der Staat mit dem dienstältesten Despoten des Kontinents: Paul Biya, 93 Jahre alt, regiert seit 1982. Erst im Vorjahr sicherte er sich die achte Amtszeit. Rund um die Wahl wurden Hunderte Menschen verhaftet. „Sicherheit ist eine Priorität, muss aber stets unter Achtung der Menschenrechte ausgeübt werden, in einer Verbindung von Strenge und Großzügigkeit, mit besonderem Augenmerk auf die Schwächsten“, sagte der Papst. Echter Frieden entstehe, wenn sich jeder sicher, verstanden und respektiert fühle, „wenn das Gesetz ein sicherer Schutzwall gegen die Willkür der Reichsten und Stärksten ist“.
Aufgabe des Staates sei es, Brücken zu bauen statt weiter zu spalten, betonte Leo auch mit Blick auf den blutigen Konflikt zwischen französisch- und englischsprachigen Teilen Kameruns. In diesem Zusammenhang sagte Papst Leo: „Damit Frieden und Gerechtigkeit sich durchsetzen können, müssen die Ketten der Korruption gesprengt werden, die die Obrigkeit in Verruf bringen und ihr ihre Autorität nehmen.“ In Kamerun kommt es seit Jahren zu Gewalt. Im Nordwesten und im Südwesten kämpfen Armee und anglophone Separatistengruppen, während im Norden die radikal-islamische Terrororganisation Boko Haram immer wieder Menschen um ihres christlichen Glaubens willen brutal ermordet und vertreibt. Leo betrieb Ursachenforschung: „Wir müssen einen entschiedenen Kurswechsel vollziehen – eine echte Umkehr –, der uns in die entgegengesetzte Richtung führt, auf einen nachhaltigen Weg, der reich an menschlicher Geschwisterlichkeit ist. Die Welt wird von einer Handvoll Tyrannen verwüstet, doch sie wird von einer Vielzahl unterstützender Brüder und Schwestern zusammengehalten!“, sagte er beim Friedenstreffen mit Laien in Bamenda im Nordwesten Kameruns.
Bleibt zu hoffen, dass sein Aufruf nicht einfach abperlt an den radikalisierten Banden, die am Tschadsee und andernorts im Sahel ihr Unwesen treiben. Die riesige Menge aus rund 120.000 meist jungen Leuten, vor denen Papst Leo in Kameruns großer Küstenstadt Douala sprach, war jedenfalls ein sichtbares Zeichen, dass Gewalt nur die Sache einiger Versprengter ist, nicht aber Sache des Volkes.
Den Machtverliebten die Leviten gelesen
Als es am Samstag nach Angola ging, dem portugiesischsprachigen Riesen im Südwesten Afrikas mit besonders hohem Katholikenteil (von 40 Millionen Einwohnern bekennen sich etwa 40 Prozent zum katholischen Glauben), hatte „Papa Leoa“ schon ein gewaltiges Reisepensum absolviert. Seine gute Kondition kam ihm jetzt zugute. Neben Angolas Hauptstadt Luanda machte Leo auch in Saurimo und Muxima Station. Er feierte Gottesdienste, besuchte ein Seniorenheim und traf sich mit Priestern, Ordensleuten und Seelsorgern. Auch in Angola, einem bis in die Nullerjahre von blutigem Bürgerkrieg betroffenen Land, las Leo den machtverliebten Herrschern des Kontinents die Leviten. In Saurimo, Zentrum der angolanischen Diamantenindustrie in der Bergbauprovinz Lunda Sul, sagte er: „Wir sehen heute, dass viele Sehnsüchte von Gewalttätern zunichtegemacht, von Despoten ausgenutzt und von Reichtum getäuscht werden. Wir sind nicht geboren, um Sklaven zu werden.“ Den Papstbesuch dürften viele Angolaner als Aufruf empfunden haben, Versöhnung selbst vorzuleben. Die Chancen, dass dies Früchte trägt, sind besonders gut in Angola. Kaum ein Staat Afrikas ist reicher an Ressourcen als das Land zwischen den Tropen und Wüsten Südwestafrikas.
In Äquatorialguinea, der letzten Reisestation, wurden wohl sogar Erinnerungen an seine alte Heimat Peru wach, ist das Land am Breitengrad Null doch der einzige spanischsprachige Staat Afrikas. Von den Jahrzehnten der Gewaltherrschaft hat es sich bis heute nicht erholt. Auch hier trat Leo als ein von der Bevölkerung herzlich empfangener Mutmacher und Klarsprecher auf. Das kleine Äquatorialguinea war das gelungene Finish der Mission Frieden eines Amerikaners in Afrika.
Der Autor ist Journalist und Afrika-Experte.
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