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Rita Süssmuth: Mit ihr gewann „1968“ endgültig die Deutungshoheit über die Mitte

Für bestimmte Jahrgänge von Frauen war die im Alter von 88 Jahren verstorbene ehemalige Bundestagspräsidentin ein Vorbild. Was wird von ihr bleiben? Ein Nachruf.
Rita  Süssmuth im Alter von 88 Jahren gestorben
Foto: IMAGO/Malte Ossowski/SVEN SIMON (www.imago-images.de) | Wie wohl bei jeder zeitgeschichtlichen Figur, die so nah an unserer unmittelbaren Gegenwart steht, kann es über die Wirkung Rita Süssmuths noch kein letztes Urteil geben.

Auf die Frage, was denn von 1968 bliebe, soll Jürgen Habermas einmal geantwortet haben: Rita Süssmuth. Ob diese Anekdote, die schon seit Jahrzehnten durch die deutsche Öffentlichkeit geistert, tatsächlich wahr ist, werden wohl erst Historiker einmal herausfinden. In jedem Fall wäre sie gut erfunden: Denn sie macht anschaulich, wofür die frühere Bundesministerin für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit und dann spätere Parlamentspräsidentin in der Geschichte der Bundesrepublik stand.

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Wie wohl bei jeder zeitgeschichtlichen Figur, die so nah an unserer unmittelbaren Gegenwart steht, kann es noch kein letztes Urteil geben. Die Herausforderung ist zunächst, die richtigen Fragen an die ohne Zweifel außergewöhnliche politische Vita der nun mit 88 Jahren verstorbenen Katholikin zu stellen. Die 68-Antwort von Habermas kann man dabei in zweifacher Weise deuten.

Eine von ideologischen Auswüchsen befreite 68-Agenda

Die erste ist diejenige, die am meisten verbreitet ist und die auch von den konservativen Kritikern Süssmuths favorisiert wird: Die Tatsache, dass eine Frau wie Süssmuth in der CDU diese politische Karriere machen und dann langfristig als Ministerin die Gesellschaftspolitik dieses Landes prägen konnte, beweist, dass der Geist von 1968 spätestens in den 80er-Jahren in der bürgerlichen Mitte angekommen war. Oder schlimmer noch: Er gewann dort die Deutungshoheit über diese Themenpalette. Einmal, weil die traditionellen Bürgerlichen sich nicht für Frauen, Familie und „Gedöns“ interessierten und sich lieber der aus ihrer Sicht „richtigen“ Politik zuwandten. Zum anderen, weil damals letzte ethische Dämme geschleift wurden, die in der auch christlich geprägten bürgerlichen Gesellschaft etwa für die Frage des Lebensschutzes, aber auch im Blick auf Ehe und Familie errichtet waren.

Und dann die andere Lesart der Habermas-Antwort: Es geht ja darum, was von 68 bleibt, also dauerhaft ist. Und da könnte man sagen, Süssmuth-Politik war eine auf ihren liberalen Reformkern reduzierte, von ideologischen Auswüchsen befreite 68-Agenda. Die deswegen pragmatisch war, weil sie gegenüber der bürgerlichen Gesellschaft nicht mehr zum Sieg durchgekämpft werden musste. Die liberalisierte sich nämlich gerade selbst vehement und war deswegen begierig auf Politik-Angebote, die ihren Protagonisten erlaubten, sich liberal und modern zu fühlen, ohne dafür rot werden zu müssen. Süssmuth hätte dann die Gesellschaft befriedet.

Diese zweite Variante ist es auch, warum Helmut Kohl sie für die Politik entdeckte. Von der Idee der Union her, nach der sich alle maßgeblichen Gruppen der gesellschaftlichen Mitte irgendwie in dieser Partei wiederfinden sollen können, war das nur logisch gedacht. Es heißt übrigens auch nicht, dass Kohl hinter der kompletten gesellschaftspolitischen Agenda Süssmuths stand. Der leidenschaftliche Wahlkämpfer, der vor allem gerne Wahlsieger war, wollte aber überhaupt nicht einsehen, warum er Stimmenkontingente, die seiner Partei zugeführt werden konnten, brachliegen lassen sollte.

Das Gesicht einer zeitgeistigen CDU

Außerdem konnte Kohl darauf bauen, dass es jenseits von Süssmuth ja auch noch andere Flügel in der Union gab: Alfred Dregger oder auch die Bayern in der CSU. Ja, ganz getreu der alten Devise „Divide et impera“ konnte er damit rechnen, dass, wenn sich die Partei tatsächlich in solchen Richtungskämpfen verhaken sollte, es dann tatsächlich der große Vorsitzende sein werde, der den befriedenden Kompromiss präsentierte.

Und dann gab es noch Heiner Geißler, einen der wenigen strategischen Köpfe, den die Union je hatte. Er wollte zwar auch Wahlen gewinnen wie Kohl. Geißler dachte aber langfristig, er wollte für die Christdemokraten tatsächlich die Deutungshoheit gewinnen. Der besondere Ansatz von Geißler lag darin, dabei das Rechts/Links-Schema zu überwinden. Sein Ziel war es, eine spezifisch christdemokratische Position herauszuarbeiten. Sie sollte auf Augenhöhe mit dem Zeitgeist stehen. Und der tickte damals eben eher links, in Folge der Liberalisierungswelle, die seit den ausgehenden 60ern über das Land geschwappt war.

Rita Süssmuth war für ihn deswegen wichtig, weil sie als Gesicht einer solchen CDU verkauft werden konnte. Geißler ist dabei zuzugestehen, dass er durchaus vom „C“ her dachte. Wie er freilich dieses „C“ verstand, darüber kann man streiten. Daran aber, dass der ehemalige Jesuitenschüler diesen geistigen Anspruch hatte, besteht kein Zweifel. Das ist auch der größte Unterschied zu dem hier viel mehr behaglich-bürgerlich tickenden Kohl. Dass sich Rita Süssmuth dann schließlich an der Seite Geißlers beim Putsch gegen den Kanzler beim Mannheimer Parteitag 1989 wiederfand, ist denn auch kein Wunder.

Gibt es eine Rita Süssmuth von rechts?

Noch eine Pointe für die Gegenwart: Wenn ein CDU-Generalsekretär von heute die Gedanken seines Vorgängers teilen würde, also das Ziel hätte, die Christdemokraten gegenüber dem Zeitgeist satisfaktionsfähig zu machen, dann müsste der sich eine Rita Süssmuth von rechts wünschen. Denn die großen gesellschaftlichen Diskurse werden auf absehbare Zeit, Geschichtsprofessor Andreas Rödder hat es erst gerade wieder im Interview mit dieser Zeitung festgestellt, unter rechten Vorzeichen geführt werden.

Doch zurück ins Jahr 1989: Anders als die übrigen Aufständischen, deren Putsch gegen Kohl sozusagen nur fünf Minuten vor dem damals von niemandem vorhergesehenen Mauerfall scheiterte, machte Süssmuth noch einmal einen Karrieresprung und blieb auch Parlamentspräsidentin im wiedervereinigten Deutschland. Kohl mochte nun zwar ahnen, dass er sich ein U-Boot in die Union geholt hatte, aber Süssmuth war jetzt der Tagespolitik entrückt und konnte, mit medialem Wohlwollen allseits beschenkt, zur bundespräsidentengleichen „guten Frau vom Reichstag“ avancieren.

Was wird von ihr bleiben? Mit der unter ihr verantworteten Pro-Kondom-Kampagne – Ältere erinnern sich an den berühmten Supermarkt-Kassen-Spot mit Hella von Sinnen („Tina, wat kosten die Kondome?“) – wurden die letzten gesellschaftlichen Tabus abgeräumt, die gegenüber vor- und außerehelichem Geschlechtsverkehr bestanden. Auch wenn das sicherlich nicht Süssmuths Intention gewesen war, hat sie damit doch einer materialistischen Sicht auf diese Frage zum Durchbruch verholfen. Von nun an galt jede Position, bei der auch nur gewagt wurde, den Begriff „Enthaltsamkeit“ überhaupt in den Mund zu nehmen, als hoffnungslos verstaubt, gar reaktionär. Dass die Frau aber damit auch immer mehr zur sexuellen Ware reduziert wurde, die für schnellen Sex zur Verfügung zu stehen habe, denn dank Kondom sei sie ja „geschützt“, ethische Einwände galten nicht mehr – für die Generation Süssmuth schien dies kaum eine Rolle zu spielen. Wie sie in Fragen des Lebensschutzes dachte, stellte sie schließlich 2018 unter Beweis, als sie sich mit Kristina Hänel traf und diese bei ihrem Kampf gegen das Werbeverbot für Abtreibungen unterstützte.

Nochmal zur Generation Süssmuth. Für bestimmte Jahrgänge von Frauen, man findet sie in der Union genauso wie im Katholischen Deutschen Frauenbund, war Rita Süssmuth sicherlich eine Leitfigur. Diese Damen stehen aber mittlerweile auch alle im Rentenalter oder haben es sogar überschritten. Und wie denken junge Frauen? Beim CDU-Parteitag in Hannover vor zwei Jahren waren es jedenfalls Frauen um die 20, die besonders leidenschaftlich gegen die paritätische Frauenquote gestritten haben. Was mag Rita Süssmuth darüber gedacht haben?

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Sebastian Sasse Rita Süssmuth

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