Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Schwache Reisediplomatie

Orbáns Moskau-Reise dient nicht dem Frieden

Neuerlich darf Wladimir Putin hoffen, Europa spalten und schwächen zu können. Davon aber hängt sein Kriegserfolg in der Ukraine ab. Ein Kommentar.
Ministerpräsident der Republik Ungarn, Viktor Orbán
Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur (www.imago-images.de) | Viktor Orbans Reisediplomatie unterscheidet sie nicht zwischen Aggressor und Opfer und blendet die Frage der Gerechtigkeit völlig aus

Das Wichtigste ist der Frieden. Wer wollte Viktor Orbán da nicht zustimmen? Das vereinte Europa war von Anfang an eine Friedensidee – und eine Lehre aus dem katastrophalsten Krieg der europäischen Geschichte. Dass angesichts des massenmörderischen Kriegs in der Ukraine nun Ungarns EU-Ratspräsidentschaft mit einer Friedensinitiative startet, scheint da nur logisch.

Lesen Sie auch:

Doch Orbáns Reisediplomatie, die ihn am Dienstag nach Kiew und am Freitag nach Moskau führte, hat drei entscheidende Schwachstellen: Erstens unterscheidet sie nicht zwischen Aggressor und Opfer, ja sie blendet die Frage der Gerechtigkeit völlig aus. Der 2014 begonnene und 2022 ausgeweitete Krieg Wladimir Putins gegen die Ukraine kann schwerlich damit enden, dass die Ukraine einfach aufhört, sich zu verteidigen. Denn solange Putin auf seinen ideologischen und imperialistischen Zielen beharrt, gibt es zum Widerstand keine Alternative.

Die Ratspräsidentschaft ist keine Diktatur auf Zeit

Zweitens hat Orbán seine Reisediplomatie in der Europäischen Union mit niemandem abgestimmt. Doch die halbjährlich rotierende EU-Ratspräsidentschaft ist keine Diktatur auf Zeit, in der ein einzelner Regierungschef für sechs Monate tun und lassen könnte, was er will. Die EU ist ein ausbalanciertes System, mit Institutionen und Kontrollen – und das ist gut so.

Hätte Orbán tatsächlich etwas erreichen wollen, dann hätte er sich im Vorfeld mit der EU-Kommission, insbesondere mit der Kommissionspräsidentin und dem EU-Außenbeauftragten, abgestimmt. So aber wirkt der Ungar wie ein Usurpator, der das europäische Amt missbraucht, um seine eigene Agenda zu verfolgen, die mit den Partnern in der EU nicht abgestimmt ist.

Putin will den Krieg gewinnen, nicht beenden

Schlimmer noch: Orbáns Initiative ist nicht nur unabgestimmt, sie widerspricht sogar der bisher einheitlichen EU-Ukrainepolitik. Und darum spielt sie – drittens – Putin in die Hände, dessen militärischer Erfolg gegenüber der Ukraine davon abhängt, ob es ihm gelingt, die westliche Geschlossenheit zu torpedieren. Orbáns Initiative dokumentiert eine Spaltung der Europäischen Union und stärkt damit Putins Strategie, den Krieg nicht zu beenden, sondern zu gewinnen.

Keine Äußerung des russischen Präsidenten in den vergangenen Wochen lässt auch nur im Mindesten darauf hoffen, dass er von seinen imperialistischen Zielen abzurücken bereit ist. Dem Frieden hat Orbáns Moskau-Reise, die Putin in seiner Sicht der Lage eher bestätigte, jedenfalls nicht gedient. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stephan Baier Europäische Kommission Viktor Orbán Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Schützt Religionsfreiheit auch Kriegshetzer und Kollaborateure? Oder dürfen sich Staaten gegen geistlich getarnte Agenten fremder Mächte wehren?
19.07.2026, 07 Uhr
Stephan Baier
Durch Moskaus Ukraine-Krieg hat sich Nordkorea aus der Isolation befreit und Russland in eine solche hineinmanövriert.
21.07.2026, 11 Uhr
Stephan Baier
Der Krieg gegen die Ukraine ist für den Kreml mehr als ein Mittel der Außenpolitik. Er legitimiert seine Herrschaft, stiftet Sinn und macht den Frieden zur Gefahr für das Regime.
15.08.2026, 09 Uhr
Alexander Dubowy

Kirche

Schneller, höher, weiter: Wie das Forum Altötting der Gemeinschaft Emmanuel Menschen dabei hilft, den Schalter im Alltag umzulegen und Gott neu zu entdecken.
15.08.2026, 17 Uhr
Esther von Krosigk
Die Kirche auf Sri Lanka lässt nicht locker, die Aufklärung der mörderischen Osteranschläge von 2019 zu fordern.
15.08.2026, 11 Uhr
Stephan Baier
Vorbild heidnische Kanaanäerin: entscheidend ist ein existenziell gelebter Glaube an den Messias. Damit wird klar: Der Glaube ist die „demokratischste“ Sache der Welt.
15.08.2026, 21 Uhr
Andrzej Kucinski
In Obertshausen erinnert neuerdings eine Statue an den Kirchenlehrer Johannes vom Kreuz und an den spanischen Wallfahrtsort Caravaca de la Cruz.
14.08.2026, 09 Uhr
Oliver Gierens
Katechismuslesen reicht nicht: Warum der Abtprimas der Benediktiner, Jeremias Schröder, der Mutter Jesu große Bedeutung für seinen Glauben beimisst.
14.08.2026, 15 Uhr
Esther von Krosigk