Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um „5 vor 12“

Marine Le Pen und die seltsame Frauen-Power der europäischen Rechten

Mutti macht das selbst – nicht Jordan Bardella, sondern Le Pen selbst tritt als Präsidentin an. Von ihrem Ziehsohn unterscheidet sie sich in wesentlichen Punkten.
Marine Le Pen
| Trotz Fußfessel, die sie nach einer Verurteilung wegen der Veruntreuung von europäischen Steuergeldern nun tragen muss, will sich Marine Le Pen auf den Weg Richtung Élysée-Palast machen.

Es passt so gar nicht zum Klischee: An der Spitze der wichtigsten Rechtsparteien in Europa stehen Frauen: In Italien Giorgia Meloni, in Deutschland Alice Weidel (wenn auch in Doppelspitze mit Tino Chrupalla) und nun hat auch Marine Le Pen in Frankreich das Führungsruder übernommen. Und auch die Hauptaufgabe, vor der sich bei allen Ähnlichkeiten diese dann doch im Einzelnen recht heterogene europäische Rechte sieht, wird mit einer Frau verbunden. Mit der italienischen Ministerpräsidentin nämlich, Melonisierung lautet das Schlagwort. Darunter wird eine Entwicklung verstanden, bei der sich eine exponiert rechte Partei zunehmend in die rechte Mitte bewegt und damit nicht nur mehr bürgerliche Wähler gewinnt, sondern vor allem auch regierungsfähig wird.

Lesen Sie auch:

Schaut man auf das Damen-Trio, dann ist die Italienerin – ist ja auch logisch – natürlich die Nummer eins in Sachen Melonisierung. Außenpolitisch spielt sie in der EU als anerkannte Regierungschefin auf Augenhöhe mit. Und auch in ihrem Land selbst hat die Ministerpräsidentin eine Stellung erreicht, die zuletzt höchstens Silvio Berlusconi in seinen Hochzeiten hatte. Von ihrer Bedeutung für die italienische Politik spielt sie aber schon eher in einer Liga mit dem legendären Christdemokraten Giulio Andreotti. Meloni ist eine allseits anerkannte Staatsfrau.

Marine Le Pen hat sich schon früh „melonisiert"

Alice Weidel – sie belegt Platz drei auf dieser Rangliste – ist davon noch weit entfernt. Aber – das hat der Erfurter Parteitag gezeigt – die Macht hat sie fest im Blick. Ob aber alle, die in der Partei auch schnell in Regierungsverantwortung wollen, über den Weg ins Kanzleramt „Melonisierung“ als Überschrift setzen wollten, das ist doch sehr fraglich. Gerade in den Ostverbänden, aber auch im explizit rechten intellektuellen Vorfeld gilt das eher als Schimpfwort.

Auch in der italienischen Rechten gibt es durchaus Spannungen. Gerade macht deutlich rechts von der Ministerpräsidentin die Partei des ehemaligen Generals Roberto Vannacci zu schaffen, in der sich diejenigen gesammelt haben, denen der Kurs der Ministerpräsidentin zu angepasst ist. Meloni muss diesen alten Grundkonflikt der europäischen Rechten – ab wann ist Anpassung Verrat? – nicht in ihrer eigenen Partei auskämpfen. Dort steht sie unangefochten vorne. Ganz anders bei Weidel: In Deutschland spielen sich diese Kämpfe alle innerhalb der AfD ab. Ob es Weidel da hilft, wenn sie sich jetzt gesellschaftspolitisch liberaler verkaufen will und dies mit ihrer Ehe mit einer Frau begründet?

Und dann ist da eben Marine Le Pen. Sie hat, wenn man so will, schon melonisiert, als die Namensgeberin noch im politischen Kindergarten war. Während ihr Vater Jean-Marie Le Pen noch ein klassisches Gewächs der alten französischen Rechten war, hat sie nicht nur den Patriarchen und dessen Getreue entmachtet, sondern die Partei auch gesellschaftspolitisch liberalisiert. Gerade in der Frauen- und der Familienpolitik – sie ist zweimal geschieden. Als das Recht auf Abtreibung in die französische Verfassung aufgenommen wurde, stimmte auch Le Pens RN nicht dagegen. Schließlich war sie die treibende Kraft, die AfD aus der bisherigen gemeinsamen Fraktion im Europaparlament zu drängen. Verstörende Äußerungen von Maximilian Krah über die historischen Leistungen der Waffen-SS hatten den Anlass dafür gegeben (Vater Le Pen hätte damit vermutlich keine Probleme gehabt).

Wo Le Pen ihren Programmsätzen treu bleibt

Freilich, in einem Bereich blieb Le Pen aber Programmsätzen treu: antiamerikanisch und antimarktwirtschaftlich (beides gibt es, freilich in anderer Ausprägung, ja auch beim Gaullismus, ist also etwas typisch Französisches). Hier wollte aber nun Jordan Bardella andere Akzente setzen. Der erst 30-Jährige, für den fast alles auf die Präsidentschaftskandidatur hinauszulaufen schien, gab sich deutlich westlicher und marktwirtschaftlicher als seine politische Ziehmutter. Er stellte sich auch klar auf die Seite der Ukraine, Le Pen hatte jahrelang eine sehr enge Beziehung nach Moskau gepflegt. Bardellas Ziel war eindeutig, die Lücke in der rechten Mitte in Frankreich mit seiner RN zu füllen. Er war sozusagen der Muster-Melonisierer.

Aber jetzt macht es Mutti doch lieber selbst: Trotz Fußfessel, die sie nach einer Verurteilung wegen der Veruntreuung von europäischen Steuergeldern nun tragen muss, will sie sich auf den Weg Richtung Élysée-Palast machen. Bardella ballt bisher die Faust offenbar nur hinter dem Rücken. Wird er die Kandidatur einfach loyal mittragen? Oder bekommt er irgendwann Angst, dass hier eine historische Machtchance verspielt werden könnte? Vorerst scheint die Frauen-Power in Frankreich stärker.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sebastian Sasse Marine Le Pen

Weitere Artikel

Ein assyrischer Christ im Rollstuhl war gerade dabei, ein Glaubenszeugnis auf Tiktok aufzunehmen, als ihm die Kehle durchgeschnitten wurde. 
15.09.2025, 15 Uhr
Meldung

Kirche

Unerlaubte Bischofsweihen und Exkommunikation: Weit weg von Rom, in Écône, spürt man die Last eines historischen Moments jenseits der roten Linie.
09.07.2026, 09 Uhr
Alexander von Schönburg
Was kann der Mensch noch besser als die Künstliche Intelligenz? Knapp sieben Wochen nach „Magnifica humanitas“ zieht Reinhard Kardinal Marx in München ein selbstbewusstes Fazit.
08.07.2026, 19 Uhr
Jakob Ranke
Bei der dritten Ausgabe des Altöttinger Benedikt-XVI.-Forums steht Heilung im Mittelpunkt. Wie kann der Glauben dabei helfen? Ein Bericht.
07.07.2026, 15 Uhr
Athinea Andryszczak
Nach einem positiven Trend bei Taufen und Konversionen macht sich auch ein wachsendes Interesse am Priesterberuf bemerkbar. Besonders in einem Bistum zeigt sich die Wende.
07.07.2026, 15 Uhr
Simon Kajan