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Lokführer oder Finanzminister – was ist schlimmer?

Streik-Chaos bei der Bahn, vernichtendes Urteil für die Ampel aus Karlsruhe – eine harte Woche für Deutschland.
GDL-Chef Claus Weselsky
Foto: Reiner Zensen via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | GDL-Chef Claus Weselsky ist für viele Bahnfahrer zur Personifikation jenes alltäglichen Wahnsinns geworden, den viele DB-Kunden nicht nur an Streik-Tagen erleben.

Die Zeiten, in denen kleine Jungen freudestrahlend verkündet haben, sie wollten einmal Lokführer werden, sind wohl endgültig vorbei. Mit dem Beruf verbinden die Menschen nicht mehr Lukas von der „Augsburger Puppenkiste“, der mit seiner Lok Emma und seinem Freund Jim Knopf spannende Abenteuer erlebt hat, sondern GdL-Chef Claus Weselsky.

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Und dieser ist für viele Bahnfahrer zur Personifikation für Abenteuer ganz anderer Art geworden, jenem alltäglichen Wahnsinn, den viele DB-Kunden nicht nur an Streik-Tagen erleben. Der aber dann natürlich in seiner ganzen Dramatik besonders bewusst wird. 

Was die Menschen zusammenhält: der gemeinsame Hass auf die Bahn

Überhaupt hat man manchmal den Eindruck, die deutsche Gesellschaft mag ja tatsächlich immer mehr gespalten sein, aber eines hält die Menschen zusammen, der gemeinsame Hass auf die Bahn. Von der Vorstandsetage bis hin zum Vorbereitungstreffen des örtlichen Antifa-Komitees – überall wird ein Zuspätkommer verständnisvolles Nicken erhaschen, wenn er seine Entschuldigung einleitet mit „Ja, die Bahn …“.

Sasses Woche in Berlin
Foto: privat / dpa | Woche für Woche berichtet unser Berlinkorrespondent in seiner Kolumne über aktuelles aus der Bundeshauptstadt.

Natürlich ist es unfair, wenn sich dieser angestaute Ärger nun voll auf Weselsky und seine GdL entlädt. Denn für wie unberechtigt man die Forderung der Gewerkschafter auch halten mag, die Interessenvertreter machen ihren Job. Und zwar ziemlich gut, zumindest aus der Perspektive ihrer Mitglieder. 

Einen eher schlechten Job machen aus Sicht der Menschen die Finanzminister. Im Ranking der Nicht-Lieblingsjobs von Zehnjährigen dürfte der Posten kurz hinter den Lokführern rangieren. Das Haushaltschaos, das sich mit dem Karlsruher Urteil offenbart hat, trägt nicht dazu bei, die Popularität zu vergrößern.

FDP-Exit-Strategie? Was wird aus Christian Lindner?

Und damit sind wir zum Schluss bei demjenigen, der einmal proklamiert hat, es sei besser nicht zu regieren als schlecht zu regieren: Bundesfinanzminister Christian Lindner. Um zu wissen, dass dem FDP-Chef seine Popularität nicht egal ist, reicht ein Blick auf seine alten Wahlplakate. Sich der Ampelkoalition anzuschließen, das konnte Lindner seinen Parteifreunden damit verkaufen, er werde nun zum Gralshüter der finanzpolitischen Solidität. 

Das wird heute nicht mehr wirklich überzeugen. Arbeiten Teile der FDP schon an einer Ampel-Exit-Strategie? Was wird dann aus Lindner? Er könnte ja als Lokführer anheuern – „Freie Bahn dem Tüchtigen“, eine doch echt liberale Devise. Mit schlechten Beliebtheitswerten hat Lindner gelernt zu leben, und als Politiker, FDP-Chef zumal, weiß man, wie der Zug der Zeit zu steuern ist.

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