20. Juli 1944

Lichtgestalten in finsteren Zeiten

Die Verschwörer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg wollten mit Hitler den größten Verbrecher der Historie töten. Eine Würdigung gegen Schmähkritik bis heute.
Berlin Tiergarten, Gedenkstätte Deutscher Widerstand
Foto: Jürgen Ritter via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Heute wäre es einseitig, zu behaupten, das Attentat vom 20. Juli 1944 sei gescheitert. Mit ihrer Tat gelang es den Verschwörern, der Welt zeigen, wie absurd es gewesen wäre, Deutschland pauschal als ...

Jedes Jahr gedenkt die Bundesrepublik des Attentates vom 20. Juli 1944. Das Datum gehört zu den wichtigsten in der Geschichte. Denn die Verschwörer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg wollten mit Hitler den größten Verbrecher der Historie töten. Gerade die Jahrestage des Attentats bieten guten Grund, es gegen Schmähkritik bis heute zu verteidigen. Bereits Hitler hatte die Verschwörer nach dem Attentat eine „ganz kleine Clique ehrgeiziger, gewissenloser und zugleich verbrecherischer, dummer Offiziere“ genannt.

Mut und Tatkraft des Katholiken Stauffenberg

Heutige Kritik am späten Zeitpunkt des Attentats übergeht und unterschätzt sowohl die diversen Versuche weit vor dem 20. Juli 1944, Hitler zu töten, als auch grundsätzliche Schwierigkeiten, unter den Bedingungen eines „Widerstandes fast ohne Volk“ mit Hitler den Diktator eines totalitären Regimes zu eliminieren. Zu den Persönlichkeiten, die Hitler töten wollten, gehörte Rudolf-Christoph Freiherr von Gersdorff. Er wollte sich im März 1943 auf einer Ausstellung über Beutewaffen, die er Hitler erklären sollte, mit ihm in die Luft sprengen. Das misslang, weil Hitler den Ort der geplanten Tat vorzeitig verlassen hatte. Ebenfalls im März 1943 schmuggelten Fabian von Schlabrendorff und Henning von Tresckow eine Bombe in Hitlers Flugzeug. Doch der Zeitzünder versagte. Eberhard von Breitenbuch wiederum wollte Hitler im März 1944 erschießen, gelangte aber nicht in seine Nähe – alles nur wenige Beispiele vieler Versuche, Hitler zu töten.

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Einen früheren Erfolg eines Attentats erschwerte unter anderem das Ziel vieler Verschwörer, Hitler möglichst nur gleichzeitig mit Göring und Himmler zu beseitigen. Denn gerade Himmler verfügte mit der SS über eine potentielle Bürgerkriegsarmee. So scheitere im März 1943 der Plan, Hitler und Himmler bei einem Frontbesuch zu erschießen, weil der SS-Chef  kurzfristig abgesagt hatte. Grundsätzlich hegten viele Offiziere anfangs schwere Bedenken, ihren Eid auf den „Führer“ zu brechen. Hierbei verkannten sie ihre Pflicht,  Gehorsam zu verweigern, wenn Wissen und Gewissen es verbieten, Befehle eines Verbrecher-Regimes zu befolgen. Axel von dem Bussche bemerkte 1947, einen solchen Eid könnten beide Seiten brechen und Hitler habe ihn vielfach gebrochen.

Auch zweifelten manche Offiziere am Anfang des Krieges, als Hitler militärisch von Erfolg zu Erfolg eilte, an der Chance, einen Umsturz überhaupt erfolgreich durchzuführen. Ebenfalls blockierte viele Militärs der Gedanke, ausgerechnet im Krieg gegen die totalitäre Sowjetunion die eigene Führung zu eliminieren. Aufgrund ihrer Erfahrungen fürchteten sie eine neue Art von Dolchstoßlegende. Umso wichtiger waren Mut und Tatkraft des Katholiken Stauffenberg und seiner Mitstreiter, zu deren Kompass und Kraftquellen gerade auch ihr christlicher Glaube gehörte.

Ihr Ethos zwang die Attentäter zum Handeln

Andere Kritiker unterstellen den Verschwörern um Stauffenberg, sie hätten Hitler lediglich deshalb umbringen wollen, weil Deutschland 1944 eine militärische Niederlage drohte. Im Widerspruch dazu gab es eben bereits zuvor viele Attentatsversuche. Im Kern ging es den Verschwörern darum, Hitlers Herrschaft des Verbrechens zu beseitigen, seine singulären Massenmorde zu beenden und die Diktatur zu stürzen. Sie kämpften gegen das NS-Verbrecherregime und für Rechtsstaatlichkeit.

Gerade von dem Bussche motivierten die Massenverbrechen des Hitler-Regimes zur Tat. Anfang Oktober 1942 hatte er in der Ukraine beobachtet, wie Hitlers Helfer tausende Juden exekutierten. Daraufhin erklärte er, er wolle sich mit dem Diktator bei der Vorführung neuer Uniformen in die Luft sprengen. Doch Hitler ließ den anvisierten Termin mehrfach verlegen. Später sprach  Stauffenberg mit dem jungen Ewald Heinrich von Kleist darüber, ob er bereit sei, sich mit Hitler bei einer Uniformvorstellung in die Luft zu sprengen. Von Kleist überlegte, das Attentat selbst auszuführen, erbat sich aber noch Bedenkzeit, um sich mit seinem Vater zu beraten, der befand: „Ja, das musst Du tun. Wer in einem solchen Moment versagt, wird nie wieder froh in seinem Leben.“ Doch Hitler ließ auch diese Uniformvorführung mehrfach absagen. Hitlers Massenmorde und seinen Vernichtungskrieg zu beenden, gehörte zu den Hauptmotiven des Widerstandes.

Heute wäre es einseitig, zu behaupten, das Attentat vom 20. Juli 1944 sei gescheitert - immerhin hatte sich Goebbels kurz danach schon Zyankali organisiert. Zwar misslang es, Hitler zu töten, Deutschland aus seinem Innern heraus von der NS-Diktatur zu befreien und damit viele jener Millionen Menschenleben zu retten, die nach dem 20. Juli 1944 durch Hitlers Krieg und durch NS-Massenmorde starben. Doch mit ihrer Tat, zu der sie sich durchgerungen hatten, gelang es den Verschwörern, der Welt zeigen, wie absurd es gewesen wäre, Deutschland pauschal als monolithisch-homogenes Land von Fanatikern, Kollaborateuren und Mitläufern abzuqualifizieren.

Tatsächlich erleichterte das Attentat nach der „Hitlerei“ (Sebastian Haffner) die Rückkehr Westdeutschlands in den Kreis der Demokratien. Die Mehrheit der Westdeutschen würdigte Geist und Tat des Attentats nach dem Krieg erst allmählich. Gerade in den 50er Jahren galten Stauffenberg und seine Mitverschwörer vielen Bundesbürgern als Verräter, wie Umfragen zeigen. Unter solchen Kritikern dies- und jenseits hoher Funktionen in Staat und Gesellschaft befanden sich seinerzeit viele frühere Mitläufer oder gar –täter.

Die Verschwörer überwanden alte politische Gräben

Schließlich erklingt bis heute immer wieder Kritik, wonach Stauffenberg und seine Mitstreiter keine Demokraten gewesen seien. Tatsächlich gab es unter den Verschwörern einige Protagonisten, die Hitlers Machtantritt anfangs unkritisch perzipiert oder gar freudig begrüßt hatten, weil sie sich - wie viele Deutsche – von seiner Propaganda, seinen Lügen und Scheinerfolgen hatten blenden lassen, darunter seine Wendung gegen den Versailler Vertrag. Ebenso konnten sich viele von ihnen - ähnlich wie die Mehrheit der Deutschen – anfangs kaum vorstellen, welche ungeheuerlichen Massenverbrechen gegen die Menschlichkeit Hitler und seine Helfer später begingen. Einige der späteren Verschwörer entwickelten nach dem 30. Januar 1933 erst allmählich eine kritischere Sicht auf Hitler und sein Regime.

Im Kampf gegen Hitler wollten viele Mitverschwörer alte politische Gräben überwinden. So agierte mit und hinter Stauffenberg - neben weiteren Militärs - eine große Vielfalt an rund 200 Persönlichkeiten, darunter Katholiken wie Alfred Delp, Protestanten, Sozialdemokraten und Gewerkschaftler. Sie überwanden viele jener Gegensätze, die sowohl zum Abstieg der Republik als zum Aufstieg der NSDAP beigetragen hatten. Dadurch legten sie, wie Bundeskanzler Helmut Kohl am 20. Juli 2004 betonte, gute Grundlagen für den demokratischen Grundkonsens der Bundesrepublik. Die tapferen Verschwörer um Stauffenberg handelten wie „Lichtgestalten in finsteren Zeiten“ (Horst Möller). „Stauffenbergs Tat kennt in der deutschen Geschichte ebenso wenig eine Parallele wie die Verbrechen Hitlers“ (Peter Hoffmann).


Der Autor ist Politikwissenschaftler. Bis 2011 leitete er die Landeskoordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus in der Landeszentrale für Politische Bildung NRW.

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