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Kontaktschande – ein Schlüsselwort für die Probleme der Politik

SPD-General Kevin Kühnert will mit dem Begriff eigentlich das Versagen seiner Partei entschuldigen. Tatsächlich sagt die „Kontaktschande“ aber etwas über das gestörte Verhältnis der Parteien zu den Bürgern.
SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert
Foto: IMAGO/Frank Gaeth (www.imago-images.de) | SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert hat gestern den Begriff "Kontaktschande" aufgebracht. Anders als der Sozi-Stratege es gemeint hat, passt der Begriff aber in vielerlei Hinsicht wie die Faust aufs Auge.

„Kontaktschande“ – der Begriff hat das Zeug dazu, zum politischen Wort des Jahres zu werden. SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert hat ihn gestern aufgebracht. Anders als der Sozi-Stratege es gemeint hat, passt der Begriff aber in vielerlei Hinsicht wie die Faust aufs Auge.

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Beispiel Nummer 1: tatsächlich die SPD. Aber eben anders als bei Kühnert. Dieser sprach von der „Kontaktschande“ mit Blick auf die beiden Ampel-Partner Grüne und FDP. Beide Parteien stünden beim Sozi-Kernklientel im schlechten Ruf. Aber mitgehangen, mitgefangen. Das strahle quasi negativ auf die Kanzlerpartei aus – „Kontaktschande“ eben.

Die SPD-Führung hat die Beziehung zu den Arbeitern verloren

Es mag etwas holzschnittartig sein, aber ganz falsch liegt Kühnert nicht. Das zeigt sich auch daran, an wen die SPD besonders viele Wähler abgegeben hat. An das BSW nämlich. Wagenknecht erscheint – sie ist es nicht, aber sie wirkt eben so – wie eine Sozialdemokratin alten Schlages. Vor allem mit ihren sozialkonservativen Positionen ist sie hundertmal näher an der Lebenswirklichkeit eines Facharbeiters als Saskia Esken.

Hier zeigt sich aber die eigentliche „Kontaktschande“ – die SPD-Führung hat längst keine Beziehung mehr zu den Arbeitern. Die wählen mittlerweile AfD. Die Schuld liegt dafür aber nicht an den Koalitionspartnern, sondern an der Partei selbst. Die SPD ist zur Pädagogen-Partei mutiert: Immer geht es darum, die Menschen zu belehren, ihnen zu erklären, wie denn richtige Politik auszusehen habe und warum die Sozis sie natürlich machen. Abstrakt, abgehoben, lebensfern. Die nachwachsenden Funktionärsgruppen könnten auch bei den Grünen oder aber bei den Linken sein. Mittlerweile werden daher eher die Wähler von „Kontaktschande“ getrieben und machen ihr Kreuz nicht mehr bei den Roten.

Beispiel Nummer 2: die AfD. Die neugewählten Abgeordneten haben beschlossen, dass Maximilian Krah nicht ihrer Delegation angehören soll. Die Taktik ist offensichtlich: Man hofft, so vielleicht doch wieder bei der ID-Fraktion um Le Pen andocken zu können. Also hier „Kontaktschande“ als eine Art Schutz vor dem bösen Paria.

Kontaktschande als Verschleierungstaktik

Und klar: In Deutschland soll das als erster Schritt in Richtung Entradikalisierung verstanden werden. Aber wie glaubhaft ist das? Die Delegation führt mit René Aust nun ein enger Vertrauter von Björn Höcke. Krah – der ja mit seinen Positionen symptomatisch für weite Teile der Partei steht – ist das Opfer. Aber der Rest bleibt. Kontaktschande als Verschleierungstaktik. Es wird spannend, ob die AfD-Wähler diesen Schwenk von Krah weg so mitmachen. Schließlich haben sie die Partei trotz aller Turbulenzen gewählt, nicht selten sogar wahrscheinlich wegen ihnen. 

Und schließlich Beispiel Nummer 3: die AfD-Wähler. Der ganze Osten ist blau. Die Brandmauer ist ja nichts anderes als die zementierte „Kontaktschande“. Ist dieses Modell so noch hilfreich? Sicher, die AfD beschreitet ihren extremistischen Weg stetig weiter. Aber sie wächst trotzdem, und das wird sich wahrscheinlich bis zu den Landtagswahlen nicht ändern. Hilft da jede Kontaktverweigerung weiter? Vor allem auf der kommunalen Ebene wird das schwierig. Und wie schafft man es, die notwendige Distanz zur Partei und ihren Funktionären zu halten, gleichzeitig aber nicht die Wähler der AfD mit der „Kontaktschande“ zu strafen? Viele ungelöste Fragen.       

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