Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Paris

Kommentar um "5 vor 12": Wo sie war, wie sie war

Die Pariser Kathedrale Notre-Dame soll wie vor dem Brand aufgebaut werden – nicht aus Prinzip, sondern aus der Not.
Kathedrale Notre-Dame de Paris
Foto: Christian Böhmer (dpa) | Die Pariser Kathedrale Notre-Dame soll nun doch originalgetreu rekonstruiert werden. Keine Weltstadt kann es dulden, dass eines ihrer Symbole derart lange eine Baustelle bleibt.

Nun also doch: Die Pariser Kathedrale Notre-Dame erhält keine Schönheitsoperation modernistischer Kur nach Emmanuel Macrons Rezept. Nachdem sich der französische Präsident zuvor für eine „Verbindung von Tradition und Moderne“ eingesetzt hatte, zwingen nun ganz pragmatische Erwägungen zu einem Rückzug. Keine Weltstadt kann es dulden, dass eines ihrer Symbole derart lange eine Baustelle bleibt; besonders nicht, wenn es sich um einen Touristenmagneten handelt. Das scheinen die wahren Überlegungen zu sein. Das eigene Denkmal wird von den Nöten der Zeit verhindert. Paris kennt mit dem Elefanten der Bastille eine ähnliche Posse: Das geplante Napoleondenkmal hatte als halbgare Idee niemals die Herzen der Franzosen gewinnen können.

Lesen Sie auch:

Architektonische Schönheit muss über Geltungsdrang triumphieren

Dabei existieren historisch erfolgreiche Vorbilder. Als 1902 in Venedig der Glockenturm von San Marco einstürzte, lautete beim Wiederaufbau die Parole: wo er war, wie er war. Das war die stolze Ansage des Bürgermeisters Filippo Grimani, die nicht Rückwärtsgewandtheit, sondern Kontinuität und Geschichtspflege verdeutlichen sollten. Die Kathedrale Notre-Dame ist wie der Campanile ein Wahrzeichen der Stadt, für das ebenso nur gelten kann: wo sie war, wie sie war. Es wäre wünschenswert, folgte der Wiederaufbau daher nicht kühlen Berechnungen, sondern aus dem Bewusstsein, dass architektonische Schönheit über Geltungsdrang triumphieren muss.

Lesen Sie einen ausführlichen Hintergrund zu den jüngsten Entwicklungen in der Debatte um den Wiederaufbau der Kathedrale Notre-Dame in der kommenden Ausgabe der Tagespost. Holen Sie sich das ePaper dieser Ausgabe kostenlos

Themen & Autoren
Marco Gallina Emmanuel Macron Notre-Dame Wiederaufbau

Weitere Artikel

Es ist soweit: Die ersten Bilder aus dem Inneren der neu erstandenen Kathedrale gehen um die Welt.
29.11.2024, 18 Uhr
Franziska Harter
UN-Generalsekretär Guterres thematisiert in Syrien zu Recht die katastrophale Wirtschaftslage. Auf die desaströse Menschenrechtsentwicklung unter al-Sharaa geht er leider nicht ein.
01.08.2026, 15 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Populismus schlecht, Migration gut? Auf diese Klischees will Bischof Erik Varden sich nicht einlassen. Ein Segen!
28.09.2026, 11 Uhr
Sebastian Ostritsch
Die katholischen Bischöfe treffen sich zu ihrer traditionellen Herbstversammlung. Die Gesprächsthemen reichen von AfD bis Kirchenreformen. Gewählt werden neue Kommissionsvorsitzende.
28.09.2026, 08 Uhr
Leo XIV. ruft in Lourdes eindringlich zur Umkehr auf. Und verteidigt die Stimme der Kirche im öffentlichen Diskurs des laizistischen Frankreichs.
27.09.2026, 13 Uhr
Regina Einig