Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Israels verhasster Kriegsherr

Ein „New York Times“-Bericht stützt Benjamin Netanjahus Vorwurf an die Geheimdienste, ihn nicht vor den Hamas-Angriffen gewarnt zu haben. Dennoch rückt sein politisches Ende näher.
Israels Premierminister Benjamin Netanjahu.
Foto: IMAGO/Dana Kopel (www.imago-images.de) | Weigert sich bislang, eine persönliche Verantwortung für die Terroranschläge vom 7. Oktober einzugestehen: Israels Premierminister Benjamin Netanjahu.

Erst teilte er hart aus, dann ruderte er schnell zurück: In einer Pressekonferenz am vergangenen Wochenende und einem anschließenden Post auf X (früher Twitter) erklärte Israels Premierminister Benjamin Netanjahu, „unter keinen Umständen und zu keinem Zeitpunkt" vor den kriegerischen Absichten der palästinensischen Terrororganisation Hamas gewarnt worden zu sein. 

Lesen Sie auch:

„Im Gegenteil, alle Sicherheitsvertreter, einschließlich des Militärgeheimdienstchefs und des Chefs von Schin Bet waren der Einschätzung, dass die Abschreckung gegen die Hamas wirkt und diese eine Verständigung anstrebt", so Netanjahu in der inzwischen gelöschten Nachricht – doch nach einem öffentlichen Aufschrei sowie dem Vorwurf, Israels Sicherheitskräften im Kampf gegen die Hamas in den Rücken zu fallen, entschuldigte sich der umstrittene Premier noch am selben Wochenende für seine Kritik.

„New York Times“ stützt Netanjahus Kritik – ein bisschen

Recherchen der „New York Times“ scheinen Netanjahus zurückgenommene Kritik nun jedoch nachträglich zu bestätigen: Denn in der Tat hätten die israelischen Sicherheitsdienste die tödliche Gefahr, die von der Hamas für die Bevölkerung Israels ausging, vor dem 7. Oktober falsch eingeschätzt, meldet die Zeitung unter Berufung auf Geheimdienstquellen und Regierungsunterlagen. Demnach habe Ronen Bar, Leiter des Geheimdienstes Schin Bet, am Tag des Angriffs bereits um drei Uhr morgens von Bewegungen der Hamas entlang der Grenze zum Gazastreifen erfahren, war jedoch lediglich von einer militärischen Übung der Terroristen ausgegangen und hielt es demnach nicht für nötig, Netanjahu zu informieren.

Doch auch Netanjahus Verhalten im Vorfeld der Terrorangriffe vom 7. Oktober kommt im Artikel der „New York Times“ kritisch zur Sprache: Denn Netanjahu sei von mehreren hochrangigen Beamten bereits seit Monaten davor gewarnt worden, dass die von ihm geschürten innenpolitischen Streitereien – unter anderem die höchst umstrittene Justizreform, gegen die hunderttausende Israelis in den vergangenen Monaten demonstrierten – die Sicherheit im Land schwächen könnten. Zudem habe Israels Militär seit Mai 2021 an seiner Position festgehalten, dass die Hamas keinerlei Interesse habe, Israel anzugreifen. Auch US-Geheimdienste hätten ihren Fokus von der Hamas abgezogen – in der Annahme, dass Israels Militär in der Lage sei, eigenmächtig die Terrorgruppe im Blick zu behalten.

Israelis verlangen, dass Netanjahu sich seiner Verantwortung stellt

Bisher weigerte sich Israels Premier, eine persönliche Verantwortung für die Terroranschläge vom 7. Oktober einzugestehen – weswegen auch die Kritik an Netanjahus Aussagen vom Wochenende besonders heftig ausfiel: Denn er selbst wolle sich der Frage nach seiner persönlichen Verantwortung erst nach dem Krieg gegen die Hamas stellen, wie er unlängst betonte. Dass er sich nun doch zur Schuldfrage äußerte, jedoch nur um die Schuld bei anderen zu suchen, dürfte ihn innenpolitisch nur noch angreifbarer gemacht haben.

Denn Umfragen zufolge machen selbst 69 Prozent der Anhänger seiner Likud-Partei und 80 Prozent der gesamten israelischen Öffentlichkeit hauptsächlich Netanjahu für das Hamas-Desaster verantwortlich.  Zudem lehnt eine Mehrheit der Israelis die sich gegenwärtig im Stil einer Salamitaktik vollziehende sowie mit einer Rhetorik der Uneindeutigkeit untermauerte Bodenoffensive ab, da für viele das Leben der von der Hamas verschleppten Geiseln in den Gaza-Streifen Vorrang gegenüber einem schnellen Zerschlagen der Terrorgruppe Priorität hat.

Diese Einstellung dürfte Netanjahu sogar insgeheim selbst teilen: Denn je länger der Krieg gegen die Hamas andauert, desto länger darf sich Israels verhasster Kriegsherr im machtpolitischen Sattel wähnen. Insofern entpuppt sich ausgerechnet Israels Erzfeind gegenwärtig als Netanjahus politische (Über-)Lebensversicherung.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stefan Ahrens Benjamin Netanjahu Hamas

Weitere Artikel

Donald Trumps 20-Punkte-Plan ist eine echte Chance für Diplomatie und Frieden in Nahost.
30.09.2025, 11 Uhr
Stephan Baier
Die israelische Kriegsführung in Gaza wird im Westen zunehmend als irrational betrachtet. Ein Podcast gibt Einblicke in die Weltsicht der Regierung Netanjahu.
24.08.2025, 19 Uhr
Jakob Ranke

Kirche

Prominente Redner, beeindruckende Musikacts und inspirierende Zeugnisse: Die MEHR-Konferenz 2026 überzeugt mit ihrer Vielseitigkeit. Ein Besuch bei den „hippen Missionaren“ in Augsburg.
13.01.2026, 16 Uhr
Marika Bals
Das neue Jahr beginnt mit dem päpstlichen Segen: Ein Blick hinter die Kulissen der Privataudienz der „Tagespost“ und des „Neuen Anfangs“ bei Papst Leo XIV.
13.01.2026, 15 Uhr
Franziska Harter
Abrechnung mit Franziskus: Der Hongkonger Kardinal Joseph Zen ließ bei dem Kardinalstreffen in Rom offenbar kein gutes Haar am Synodalen Prozess des verstorbenen Papstes.
13.01.2026, 10 Uhr
Meldung
Die Krippendarstellung in einer Stuttgarter Christmette habe „Irritation, Unverständnis und Ärger ausgelöst“ und werfe Fragen nach liturgischer Verantwortung auf.
13.01.2026, 09 Uhr
Meldung