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Historia magistra vitae

Die korrekte Berufsbezeichnung war Geschichtsprofessor. Aber Michael Stürmer war mehr: Publizist, Berater von Helmut Kohl, vor allem aber: ein anthropologischer Realist. Jetzt ist er gestorben.
Der Historiker Michael Stürmer
Foto: IMAGO / Reiner Zensen | Für den anthropologischen Realisten Michael Stürmer war die Geschichte das Feld, auf dem sich zeigt, was der Mensch ist: alle Größe, alle Dramatik, alles Schlechte.

Gerhard Schröder, gerade frisch Bundeskanzler, fährt an der Berliner Siegessäule vorbei. Er will von seinen Begleitern wissen, warum das Denkmal da steht. „Na der Krieg 70/71.“ Schröders Reaktion: „70/71? Was war denn da?“ Anekdoten sind eine unsichere Quelle. Zumindest dann, wenn man von ihnen verlangt, dass sie 1:1 genau das wiedergeben, was sich tatsächlich ereignet hat. Wenn man sie aber als Beispiele für eine bestimmte Stimmungslage nimmt, dann sieht es schon wieder anders aus. Große Historiker wissen das.

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Und so einer war ganz gewiss Michael Stürmer, der nun im Alter von 87 Jahren gestorben ist. Und in diesem Fall steht die Schröder-Anekdote für ein Problem, mit dem er sich sein ganzes Leben über auseinandergesetzt hat: Wozu Geschichte? Welche Relevanz hat sie für uns? Sollten unsere Eliten, die Politiker vor allem, aber auch die führenden Leute in Wirtschaft und Gesellschaft, historisch gebildet sein? Und wodurch drückt sich denn so eine historische Bildung aus?

Der Schlüssel zum Herz eines Menschen ist dessen Geschichte

Die Schröder-Episode steht dabei für den Befund, dass es heute schon auf der bloßen Ebene des historischen Wissens eklatante Mängel gibt. Um von Bildung gar nicht erst zu sprechen. Aber um nicht gleich kulturpessimistisch zu werden, der direkte Vorgänger des Niedersachsen war geradezu ein Geschichts-Freak: Helmut Kohl führte „die Geschichte“ nicht nur ständig im Munde, er war auch selbst promovierter Historiker. Freilich war auch schon in seiner Zeit das historische Bewusstsein in eine Krise geraten. Aber er wollte gegenhalten.

Das ginge auch heute noch. Aber auch so ein geschichtsbegeisterter Bundeskanzler wie Helmut Kohl hätte so einen Prozess nicht allein in Gang setzen können. Er brauchte Mitstreiter – und so einer war Michael Stürmer. Noch als CDU-Oppositionsführer lernte er den Erlanger Professor kennen, dann nach 1982 wurde er sein Berater und Redenschreiber. Dabei zeigt sich wieder, die Auseinandersetzung mit Geschichte benötigt ein Gegenüber. Geschichte besteht schließlich vor aller Analyse zunächst einmal eben in einer konkreten Geschichte, die jemandem erzählt werden muss, bevor sie gedeutet werden kann.

Helmut Kohl war geradezu süchtig nach solchen Geschichten, weil er begriffen hatte, dass gute Politiker sehr gute Menschenfischer sein müssen. Der Schlüssel aber zum Herzen eines Menschen, das ist dessen Geschichte. So machte es der Kanzler bei Gorbatschow, bei Bush oder auch bei Mitterrand. Stürmer wurde für ihn dabei ein wichtiger Berater. Wie eng das Verhältnis war, zeigt folgende Anekdote: Als bei einem Besuch im Weißen Haus der deutsche Dolmetscher ausfiel, übernahm Stürmer im Gespräch zwischen Ronald Reagan und Kohl diese Funktion kurzerhand.

Beziehung zu Kohl verschaffte Stürmer Promi-Status

Noch vor wenigen Monaten hatte Stürmer, schon deutlich geschwächt von seiner langen Krankheit, bei der Bundeskanzler-Kohl-Stiftung davon in einem Zeitzeugengespräch erzählt. Das unterstreicht, wie wichtig auch für Stürmer diese Phase der Zusammenarbeit war. Er wurde dann später Leiter der Stiftung Wissenschaft und Politik in Ebenhausen und damit zum Pionier für politische Think Tanks in Deutschland. Ab Mitte der 80er kühlte aber das Verhältnis zwischen dem Professor und dem Kanzler ab. Bei allen Ähnlichkeiten gab es doch auch Unterschiede in den Temperamenten: Kohl war der Gefühligere, der, wenn er über Geschichte redete, auch schon einmal ins Rührselige abgleiten konnte. Stürmer hingegen, hier ganz in der angelsächsischen Tradition, konnte ironisch werden, was gelegentlich zynisch klingen konnte, sentimental war er nie. 

Die Beziehung zu Helmut Kohl hatte Michael Stürmer einen Promi-Status verschafft. Der sorgte aber nicht nur für Respekt, sondern auch für eine „sprungbereite Feindseligkeit“ bei Fachkollegen, die damit haderten, dass hier jemand ein Millionenpublikum erreichte, während sie von Tagung zu Tagung tingelten. Stürmer spürte vor allem aber auch die Verdachtskultur des linksliberalen Mainstreams, wo man befürchtete, der Kanzler könne dank intellektueller Helfershelfer wie dem Professor, mit der „geistig-moralischen Wende“ doch noch Ernst machen. Im „Historikerstreit“ vor 40 Jahren wurde er von Jürgen Habermas, Hans-Ulrich Wehler & Co. zusammen mit Ernst Nolte, Andreas Hillgruber und Klaus Hildebrand als Hauptgegner ins Visier genommen.

Zweites Berufsleben als Publizist und Journalist

Und dann begann noch Stürmers schönste Zeit, sozusagen sein zweites Berufsleben: als Publizist und Journalist. Zuerst bei der FAZ und dann bis zu seinem Tod über zwei Jahrzehnte lang bei der „Welt“. Als Kommentator, Analytiker – aber eben vor allem auch als politischer Lehrer zeigte er historische Verbindungen auf. Er war ein Meister der großen Linie, der gleichwohl Sinn für den Einzelnen hatte. Bei ihm ging das Geschehen nie in den Strukturen auf. Sie bilden den Rahmen, aber dann gibt es doch noch immer den Menschen, diesen großen unberechenbaren Faktor.

Persönlichkeiten machen Geschichte vielleicht nicht allein, aber sie stellen Weichen. Und dass Weichen in bestimmter und nicht anderer Weise gestellt werden, liegt an diesen Persönlichkeiten. Für den anthropologischen Realisten Michael Stürmer – Christen sind das dank der Vorstellung von der Erbsünde automatisch – war die Geschichte das Feld, auf dem sich zeigt, was der Mensch ist: alle Größe, alle Dramatik, alles Schlechte. Der Mensch ist ein ambivalentes Wesen. Damit stets rechnen zu müssen, ist wohl die Lehre, die man mit Stürmer aus der Geschichte ziehen kann. 

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Sebastian Sasse Helmut Kohl

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