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Gewalt statt Innehalten

In Gießen eskalieren Proteste gegen die neue AfD-Jugendorganisation teils gewalttätig. Grund für die Kirchen, ihre Haltung zu hinterfragen.
Onlineredakteur Jakob Ranke, Frank-Walter Steinmeier, Bischof Georg Bätzing, Teilnehmer beim "Fest der Demokratie" in Gießen
Foto: DT / IMAGO / epd | Wenn das Fest der Demokratie zum Fest der Selbstgerechtigkeit wird, kommt der Advent als Zeit der Umkehr gerade recht.

„Am 1. Advent beginnt die Vorweihnachtszeit. Christinnen und Christen bereiten sich auf Weihnachten vor. Sie halten inne, weil Gott ein Mensch wie wir geworden ist. Deshalb sind aus christlicher Sicht alle Menschen für Gott gleich wertvoll.“ Mit dieser Hinführung beginnt eine gemeinsame Einladung des Mainzer Bischofs Peter Kohlgraf mit der evangelischen Kirchenpräsidentin Christiane Tietz zum „Fest der Demokratie“, einer Gegenveranstaltung zur Gründung der neuen AfD-Jugendorganisation in Gießen am gestrigen Samstag.

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Dass die Proteste am gestrigen Samstag nicht nur achtungsvolles Innehalten eingedenk der Menschwerdung waren, sondern eher der Versuch, möglichst der größten Oppositionspartei wenig gleichberechtigt die Gründung einer Jugendorganisation zu verwehren – nebenbei bemerkt ja nach der Auflösung der allzu radikalen „Jungen Alternative“ ein, wenn auch nur versuchter, Schritt der Mäßigung – kann man den Kirchen nicht vorwerfen. Es war nicht das „Fest der Demokratie“, das für gesperrte Zufahrtsstraßen sorgte. Auch an den gewaltsamen Auseinandersetzungen trifft die Kirchen, soweit bekannt, keine Schuld. Das rechtskonservative Magazin „Tichys Einblick“ dokumentierte gar einen handgreiflichen Angriff auf das eigene Kamerateam aus einer Demonstrationsveranstaltung des Deutschen Gewerkschaftsbundes heraus.

„Wir können nicht einfach zusehen, wenn unsere demokratische Grundordnung vor die Wand gefahren wird“, zitiert die Katholische Nachrichtenagentur einen Anti-AfD-Demonstranten der Friedensbewegung Pax Christi. Nur, wer fährt die Demokratie vor die Wand? An Weimarer Verhältnisse mag die einen der Aufstieg einer neuen, populistischen, teils auch radikal rechten Partei erinnern, die anderen aber die gewaltsamen politischen Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum, die gestern wieder einmal gerade nicht von der AfD ausgingen. Sowieso zeugt es von einer merkwürdigen Lust an der stets beklagten Polarisierung, wenn immer häufiger nicht gegen die regierenden Mächtigen, sondern gegen einen politischen Feind demonstriert wird.

Die Frage ist also nicht, ob in Gießen ein gerechter Kampf gegen Rechts irgendwie aus dem Ruder gelaufen ist, sondern ob sich Christen überhaupt grundsätzlich auf dem richtigen Dampfer befinden, wenn sie die gedankenlos selbstgerechte Verteidigung „unserer Demokratie“, die die Gefahr immer im Anderen, nie aber im selbst oft wenig demokratischen Gebaren erkennen kann, vorbehaltlos als Christenpflicht moralisch überhöht. Der Advent, eine Zeit der Umkehr, bietet Gelegenheit, nach einem politisch aggressiven letzten Tag des Kirchenjahres auch darüber nachzusinnen.

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